Verhängnisvoller Durchfall

Allmählich mache ich mir Sorgen um Klara, ihr wisst schon, meine derzeitige Flamme. Seit Tagen ist sie mir auf unseren üblichen Spazierwegen nicht begegnet. Bis heute Morgen dachte ich, sie wolle mal fremden Spuren folgen und führe ihre Menschen deshalb woanders aus.

Doch plötzlich trägt eine frische Brise im Wald mir ihr unwiderstehliches Parfum zu. Ich recke den Hals, sauge es tief ein und kehre um, obwohl wir schon auf dem Rückweg sind. „Tristan!“, ruft Silas. „Wo willst du denn hin? Wir sind spät dran!“

Nun, das stimmt zwar, aber ihr wisst ja, die Liebe folgt ihren eigenen Gesetzen. Klaras Urinbriefchen sind noch ziemlich frisch und verheißen mir wonnige Zeiten. Leider versickern sie plötzlich.

Auf dem Waldparkplatz tritt an ihre Stelle der Gestank von Reifengummi und Auspuffgasen. Ich muss niesen. Pfui Auto! Wieder mal frage ich mich, ob ich nicht besser Ingenieur werden und einen angenehm riechenden Treibstoff entwickeln sollte.

Aber lassen wir das jetzt. Klara ist weg, daran lässt sich nichts ändern. Mit sehnsuchtsvollem Seufzer sprinte ich zu Silas zurück. Wo er recht hat, hat er recht. Wir sind tatsächlich spät dran.

Es bleibt mir keine Zeit, meiner Liebsten nachzutrauern, denn vor der Praxis warten bereits die ersten Patienten. Wir begrüßen sie, öffnen und lassen sie herein, allen voran Zorro.

Eigentlich hätte ich’s mir gleich denken können. Zwar ist er nicht vom Baum gefallen. Mit dem Fallen, besser gesagt, dem Durchfallen oder noch treffender – dem Durchfallenlassen -, hat er’s aber trotzdem, zumindest sein Darm.

Doch seien wir ehrlich, kann man’s ihm verübeln? Dem Darm, meine ich. Schließlich – und das dürfte auch den meisten Menschen bekannt sein -, ist ein Hundedarm nicht gerade dazu geschaffen, pfundweise Kirschen zu verdauen.

Zorro bietet einen jämmerlichen Anblick, fast noch jämmerlicher als auf dem Baum, falls das überhaupt möglich ist. Überflüssig, ihn nach seinem Problem zu fragen, jedenfalls für mich. Für Silas ist es offenbar weniger eindeutig. „Hallo Zorro“, begrüßt er ihn sichtlich erstaunt. „Was führt dich denn so früh hierher?“

Ich tausche einen Blick mit dem vierbeinigen Jammerlappen: Menschen! So blöd kann wirklich bloß ein Mensch fragen.

„Seit gestern Mittag hat er ganz schrecklichen Durchfall“, erklärt Herr Dörrle und beklagt sich, als trügen wir daran Schuld: „Fünf Mal war ich in der Nacht mit ihm draußen, fünf Mal!“

Schon gut, schon gut, denke ich. Wir haben’s bereits beim ersten Mal verstanden. Wenn Silas auch ein bisschen langsamer im Denken ist als ich, so höre und rieche ich förmlich, wie es hinter seiner Stirn arbeitet. Endlich nickt er verstehend. „Wahrscheinlich hat Zorro in seiner Aufregung zu viele Kirschen gefressen. Der Baum hing ja voll davon.“

Behutsam tastet Silas den armen Kerl ab, während Herr Dörrle weiter berichtet: „Ich sehe doch so schlecht, und in der Dunkelheit kann ich kaum erkennen, wohin ich trete. Zum Glück war die Nacht klar und fast noch Vollmond.“

Silas hört nicht mal mit halbem Ohr zu, knetet weiter an Zorro herum. „Mein Bauch schmerzt so schon genug“, signalisiert mir dessen Blick. „Sag ihm, er soll endlich damit aufhören, sonst…“

„Sonst was?“, warne ich ihn. Devot senkt er den Blick. Na also! Zufrieden atme ich auf.

„Tja, sein Bäuchlein ist hart, völlig verspannt“, spricht Silas aus, was ich natürlich längst weiß, und knetet immer noch weiter. Jetzt ist es an der Zeit, ihn zu warnen. Ich fiepe. „Ganz recht, Tristan“, stimmt er mir zu. „Wir wollen den armen Kerl ja nicht plagen.“

Zu spät. Zorro schreit auf, maßlos übertrieben. „Das wäre jetzt aber nicht mehr nötig gewesen“, kläffe ich ihn an, kann es gar nicht leiden, wenn einer meinem Assistenten ein schlechtes Gewissen einimpfen möchte. Dafür bin schließlich alleine ich zuständig!

„Tja“, seufzt Silas und bemerkt, was mir längst klar ist – und Zorro auch, wie ich ihm ansehe. „Heute und morgen muss er fasten, damit sich seine gereizte Darmschleimhaut wieder beruhigt.“

Mit heute wäre Zorro ja noch einverstanden, wie er mir zuwinselt, aber morgen…

„So schlimm, Zorro?“, fragt Silas besorgt, wartet aber dessen Antwort nicht ab, sondern wendet sich an Herrn Dörrle. „Eventuell sollten wir sein Verdauungssystem auch übermorgen noch schonen.“

Ich verstehe natürlich, was das bedeutet, Zorro glücklicherweise nicht. Sonst würde er uns sicher mit lauthalsem Protest nerven. Wahrscheinlich wird er schon morgen versuchen, Herrn Dörrle um ein paar Leckerchen zu erpressen.

Forschend blicke ich Zorros Mensch an und lasse mich von ihm hinter den Ohren kraulen. Offenbar weiß er, was uns Vierbeinern gefällt. So schlecht scheint Zorro also nicht gewählt zu haben, aber ob Herr Dörrle auch immer weiß, was gut für uns ist…

„Übermorgen auch nichts, gar nichts?“, fragt er fassungslos und bestärkt damit meine Zweifel. „Nicht mal ein winzigkleines Leckerchen, wenn er danach verlangt?“

Silas seufzt. „Für den Anfang höchstens etwas Reis.“

„Na gut, wenn Sie’s sagen“, meint Herr Dörrle resignierend, mit einem Blick, als müsse er selbst mindestens bis übermorgen fasten und sich dann mit Reis begnügen. Dabei würde ihm das bestimmt auch nicht schaden.

Wieder mal denken Silas und ich gleichzeitig dasselbe. Weil Zorros Mensch es aus Menschenmund besser versteht, überlasse ich’s ihm, es auszusprechen: „Wie wär’s denn, Herr Dörrle, wenn Sie einfach mit Zorro die paar Tage gemeinsam fasten? Dann müssen Sie gar kein schlechtes Gewissen haben. Geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid.“

Der Dicke verzieht das Gesicht zu einem wehleidigen Grinsen. Nachdem er versprochen hat, übermorgen wieder zu kommen, verabschiedet er sich und trottet mit Zorro hinaus auf die Straße.

Irgendwann in der Nacht vor übermorgen höre ich einen Wolf heulen, meinen Urahnen Leo Lupus, und dann plötzlich: „Tatütata, tatütata, tatü…“ Unglaublich, was man so alles träumt. Oder gab’s in der Steinzeit etwa schon Blaulichtsirenen?

Irritiert hebe ich den Kopf vom Kissen auf und blinzele. Von wegen Traum! Draußen saust eine Karawane aus Polizeiwagen durch die Nacht. Wirklich?

Ich verlasse mein Bett, eile ans Fenster und stütze mich mit den Vorderpfoten auf dem Fensterbrett ab. Tatsächlich, ich habe mich nicht geirrt. Jetzt rast auch noch ein Notarztwagen hinterher. Wo die bloß alle hin wollen?

Minuten später verstummen die Sirenen. Vom anderen Ortsende dringen Stimmen an mein Ohr, zwei beruhigende von Frauen sowie eine erregte, von einem Mann. Was sie sagen, kann sogar ich nicht verstehen, aber letztere erscheint mir bekannt. Wem gehört sie bloß?

Es will und will mir nicht einfallen. Endlich überhundet mich die Müdigkeit. Schließlich habe ich einen anstrengenden Tag hinter mir. Also lege ich mich wieder in mein Bett und schlafe ein – hundemüde, wie ich bin.

Am nächsten Morgen werfe ich Silas früher aus den Federn als sonst. Zuerst verweigert er mir den Gehorsam. „Was ist denn, Tristan? Du kannst doch nicht schon raus müssen“, jammert er schlaftrunken.

„Doch, ich muss!“, kläffe ich, „wenn auch nicht wegen meiner Blase.“ Wieder mal kann ich mich über die menschliche Logik nur wundern. Obwohl Silas beim Gassigehen zuallererst an mein sogenanntes „kleines Geschäft“ denkt, verrichtet er sein eigenes zuvor wie üblich in diesem winzigen Raum mit der komischen weißen Suppenschüssel.

Natürlich bin ich scharf auf die neuesten Nachrichten und hoffe, einen Kumpel zu treffen, der mich über das nächtliche Ereignis aufklären kann.

Könnt ihr euch das Ausmaß meiner Freude vorstellen, als Klara mir auf einem Waldweg wedelnd entgegen kommt? „Wuff Tristan!“, kläfft sie schon von weitem, „ich muss dir was erzählen!“

Trotz meiner Wissbegierde kann ich nicht umhin, sie zuvor von der Nasen- bis zur Schwanzspitze zu beschnuppern und auch ein bisschen zu belecken – obwohl sie das nicht immer so schätzt, besonders an ihren intimsten Regionen. Vor lauter Mitteilungsdurst, lässt sie heute jedoch alles widerstandslos über sich ergehen.

Während sich Klaras Stimme schier überschlägt, bemerke ich den Hauch eines Geruches in ihrem Fell, der dort, meiner Meinung nach, absolut nicht hingehört!

Ganz frisch ist er nicht mehr, lässt sich nicht einordnen. Das treibt mich schier in den Wahnsinn, und ich erlebe einen jener seltenen Momente, in denen ich meine Artgenossen von der Jagdfront um ihre hervorragenden Nasen beneide.

„Tristan, hörst du mir überhaupt zu?!“, reißt Klara mich plötzlich aus meinen Gedanken. „Ja mein Sch(m)atz, natürlich“, erwidere ich zerstreut. „Was hast du gesagt?“

Sie rollt mit den Augen. „Männer!“

Während unsere Menschen gemeinsam den Waldweg entlang schlendern und über so belanglose Dinge plaudern wie die seit heute allerneueste Version des gestern noch allerneuesten Smartphones, erfahre ich von Klara, dass Herr Dörrle sich in der Nacht ein Bein gebrochen hat. „Wie das?“, wundere ich mich. „Ist er unterwegs zum Kühlschrank wo drüber gestolpert?“

„Nein, draußen“, klärt Klärchen mich auf, lässt mich aber zunächst im Ungewissen darüber, was genau geschah, weil sie unbedingt der Reihe nach erzählen will. Er sei beinahe von der Polizei verhaftet worden, wegen versuchten Einbruchs.

„Hä?“, wuffe ich. „Der – ein Einbrecher??? Das glaubt ja nicht mal die dümmste Katze.“

„Es war ein Irrtum“, sagt Klara und zieht dabei die Lefzen so charmant fast bis zu ihren hinreißenden Kippöhrchen, dass ich ihr spontan über’s Näschen lecke. „Ein Nachbar alarmierte die Polizei, weil Dörrle neben einer Villa mit ’ner Taschenlampe herumfuchtelte“, berichtet meine Leckere.

Bei mir dämmert’s allmählich. Klar, Herr Dörrle sieht schlecht, aber wa… Klara fällt mir in die Gedanken. „Zorro musste raus, hatte Durchfall.“

Mir geht ein ganzer Kronleuchter auf. Bestimmt ist zuerst der Dicke beim Versuch, selbst zu fasten „durchgefallen“, konnte also auch Zorro nicht darben lassen und gab ihm Leckerchen. Die verursachten mitten in der Nacht prompt erneuten Durchfall.

So weit, so gut, beziehungsweise schlecht, überlege ich. Dörrle stürzte also trotz Taschenlampe im Dunkeln, brach sich ein Bein, und Zorro geht’s wieder beschissen – im wahrsten Sinne des Wortes. Nahm der Krankenwagen ihn auch gleich mit? Und sind sie jetzt beide in der Klinik?

Neben Silas ist Klara meine beste Gedankenleserin und hätte bestimmt meine noch nicht ausgesprochenen Fragen beantwortet. Doch das erübrigt sich, denn inzwischen haben wir den Wald verlassen und das erste Haus dahinter erreicht – Zorros Haus. Höchstpersönlich empfängt er uns hinter dem Gartenzaun, wenn auch noch ziemlich matt.

Mitleidig leckt Klara ihm über’s Fell und wendet sich zu mir um. „Der Ärmste! Wird seinen Menschen lange Zeit nicht sehen, aber jetzt sind wir ja da und kümmern uns um ihn.“

Als sie sich von Silas verabschiedet und, gefolgt von ihrem Menschen, an Zorros Seite hinter der Haustür verschwindet, wird mir schmerzlich klar, dass ich zu diesem „Wir“ nicht gehöre.

Und das alles nur, weil Dörrle ihm zu früh ein Leckerchen gegeben hat. „Grrrrrrrrr… Ich könnte mich in den Schwanz beißen!“

 

Seid unbesorgt, liebe Freunde – bis spätestens übernächsten Samstag habe ich meinen Frust verdaut. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

 

 

 

 

 

 

Zorro will ganz hoch hinaus

Hund o Hund, das war vielleicht was! Wirklich unter aller Mensch! Ich bin jetzt noch ganz geschafft, und das will was heißen bei einem Workaholic wie mir.

Moment – wo bleibt denn meine gute Welpenstube? Ich sollte mich doch erst mal vorstellen – Hund, Dr. Tristan Hund. Mit meinem Assistenten Silas betreibe ich eine Praxis mit Schwerpunkt Hypnotherapie und Psychologie in Wufze, na ja, ursprünglich Wutzlingen. Irgendwann, im Lauf der Jahrhunderte, wurde daraus Wuflingen – vielleicht, weil die wenigsten zweibeinigen Einwohner dieses beschaulichen Dörfchens in „Wutzlingen“ wohnen wollten.

Und weil der hiesige Menschenschlag maulfaul ist (außer wenn es darum geht, seinem sprichwörtlich besten Freund die empfindsamen Ohren vollzuquatschen), sagt hier fast jeder einfach nur Wufze.

So – nachdem das geklärt ist, komme ich zum wirklich Wichtigen. Auf diese Welt gepurzelt bin ich in Frankreich. Von daher rührt wahrscheinlich mein unwiderstehlicher Charme. Meine tieferen familiären Wurzeln liegen allerdings in Großbritannien, genau gesagt, im Grenzgebiet zwischen England und Schottland. Von dort stammen die intelligentesten und fähigsten Mitglieder meines Geschlechts. Deshalb wurde uns der ehrenvolle Titel „Border“ vor unseren Familiennamen „Collie“ gesetzt. Border heißt nämlich Grenze, aber das wusstet ihr bestimmt schon.

Weniger bekannt ist, dass Collie nützlich bedeutet, was wir ja auch wirklich sind – im Gegensatz zu den meisten Zweibeinern.

Okay, so ein, zwei Ausnahmen gibt es natürlich, mein Assistent zum Beispiel, Silas. Er ist praktisch und theoretisch meine rechte Hand. Ja, ihr habt richtig gehört, Hand, nicht Pfote. Silas ist nämlich ein Mensch, aber trotzdem ziemlich intelligent. Um mich zu entlasten, übernimmt er meistens die Konversation zwischen den Menschen meiner Patienten – selbstverständlich streng nach meinen Anweisungen, sonst erhebe ich Einspruch. Doch im Allgemeinen ist das nicht nötig, denn – wie bereits bemerkt -, ist Silas für einen Zweibeiner recht intelligent und außerdem mein bester Freund, wenn auch nicht mein einziger. Da gibt es noch den Cooper, den Sultan, die Klara…

Aber halt, ich schweife ab, wollte ja erzählen, warum ich so erledigt und im wahrsten Sinne des Wortes hundemüde bin – immer noch.

Zorro will ganz hoch hinaus

Eigentlich könnte ich jetzt wunderbar ausgeschlafen und unternehmungslustig sein – eigentlich. Meine Praxis bleibt heute nämlich geschlossen. Besonders Silas freute sich aufs Ausschlafen, hatte gestern wirklich viel zu tun. Tja, ich verlange ihm einiges ab, aber was hilft’s, das muss sein! Schließlich können wir einen armen, kranken Hund – gut, natürlich auch eine arme, kranke Katze oder was sonst diesen Planeten bevölkert -, nicht einfach vor der Tür stehen lassen, nur, weil die Uhr meldet, es sei Feierabend.

Silas und ich – wir waren also rechtschaffen müde und lagen heute Morgen um neun noch in den Federn, jeder in den seinen, nur um Missverständnissen vorzubeugen.

Da bimmelt plötzlich unser Dauerstörenfried, das Telefon. Ich höre es natürlich sofort, aber Silas zuckt mit keiner Wimper. Klar, seine Ohren sind nicht die besten, schließlich ist er ein Mensch. Manchmal könnte ich das fast vergessen.

Also springe ich zu ihm aufs Bett und stupse ihn mit meiner Nase an, gehörig, sonst nützt es nichts. Ihr dürft’s mir glauben, ich spreche aus langjähriger Erfahrung.

„Bäh!“, schreit er, „schlaf weiter, Tristan!“

„Los, raus, wenn du nicht willst, dass ich dir fristlos kündige!“, kläffe ich und ziehe ihm die Bettdecke weg. Prompt packt er sie, will sie sich wieder über die Ohren ziehen, aber das lasse ich selbstverständlich nicht zu.

So entwickelt sich zwischen uns das schönste Tauziehen, während das Telefon uns eifrig anfeuert mit seinem „Ring-ring“. Fast fängt dieses Spielchen an, mir Spaß zu machen. Ich denke nicht mehr ans Telefon.

Doch dann hört Silas es läuten. „Tristan, lass das!“, schreit er. „Hörst du nicht, dass das Telefon klingelt?“

Fassungslos starre ich meinen besten Freund an. Manchmal könnte ich wirklich an den Menschen verzweifeln, sogar an ihm. Sinnlos, zu versuchen, ihn über seinen Irrtum aufzuklären, erkenne ich seufzend. Was tut, beziehungsweise unterlässt Hund nicht alles für seinen besten Freund?!

Ich lasse also die Bettdecke los, springe hinunter, hole die Nervensäge und werfe sie ihm zu. „Aua!“, beklagt er sich, hat das Ding leider direkt auf die Augen bekommen. Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Wer nicht hören will…

„Ja hallo, hier Sprenger“, murmelt er verschlafen. Oh je, denke ich, habe schließlich einen guten Ruf zu verlieren. Hoffentlich ist nicht einer der Menschen meiner Freundin Klara am anderen Ende der Leitung. Ihr gegenüber wäre es mir besonders peinlich. Sie ist nämlich meine aktuelle Flamme, wisst ihr. „Klara!!!“, kläffe ich lauthals. „Ist dir was passiert?!“

Silas fällt vor Schreck fast aus dem Bett, ruft in die Sprechmuschel: „Bitte? Können Sie das noch mal wiederholen?“

Ich lausche gebannt. Ewig dauert es, bis mein Assistent mir mitteilt, was los ist. „Habe ich das richtig verstanden?“, fragt er ins Telefon. „Zorro klemmt im Baum fest?“

Ich atme auf. Es geht nicht um Klara.

Sieben Minuten später sitzen wir im Auto und brausen los. Ich hätte es ja noch viel schneller geschafft, aber Hund muss Rücksicht nehmen auf die lahmen Zweibeiner. Dafür ist Silas ein erstklassiger Chauffeur. Ich kann das beurteilen, wirklich. Was glaubt ihr, was mir meine Patienten alles anvertrauen, und kaum ein Tag vergeht, ohne dass sich einer über seinen Chauffeur beklagt. Da könnte ich euch Geschichten erzählen…

Ich hoffe, ihr nehmt’s mir nicht übel, wenn wir das auf ein andermal verschieben. Nur noch so viel zu dem Thema: Mit Silas habe ich echt einen Spitzenchauffeur! Während ich mir bereits Lösungsstrategien für Zorros Problem durch den Kopf gehen lasse, steuert er den Wagen sicher und flott durch den morgendlichen Berufsverkehr. Ja, wirklich, flott.

Leider wollen viele nicht einsehen, dass sie heute ausnahmsweise auf ihr Vorfahrtsrecht verzichten müssen – es geht schließlich um einen Notfall. Von allen Seiten hupen sie uns die Ohren voll. Ich erwäge schon, ob ich Silas für die nächste Wochenendausgabe des Wuflinger Kuriers einen deftigen Leserbrief diktiere, von wegen Rücksichtnahme im Straßenverkehr und so.

Kaum am Waldparkplatz angekommen, hören wir ein jämmerliches Geheul. Das muss Zorro sein! Noch beim Ausrollen, quetsche ich mich durch’s halb heruntergelassene Fenster und sprinte los. „Harre aus, die Rettung naht!“, belle ich, während mein Assistent allmählich nachkommt – schnaufend wie eine altersschwache Bulldogge und unfähig, auch nur ein Sterbenswörtchen über die Lefzen – pardon – Lippen zu bringen.

Kurz darauf verschlägt’s auch mir die Sprache. Nein wirklich, so etwas habt ihr noch nie gesehen! Ich weiß ehrlich nicht, wen ich am meisten bedauern soll – die Zweiglein, die unter der Last eines mindestens acht Kilo schweren roten Katers ächzen, besagten Kater, den alten Mann unterm Baum, der sich gerade nichts mehr wünscht, als längere Arme oder schlussendlich jenes undefinierbare Individuum, wobei es sich um Zorro handeln muss.

Ungefähr eine Dackellänge über den Fingerspitzen des Alten, baumeln seine Hinterläufe zwischen Ästen, Zweigen und Blättern in der Luft. Der Rest der Schäferhund-Dackel-Spitz-was-weiß-ich-was-Mischung klemmt wie ein unförmiges Geschwür in einer Astgabel fest.

„Nicht bewegen Kumpel!“, kläffe ich vorsichtshalber zu ihm hinauf, was absoluter Blödsinn und obendrein völlig überflüssig ist, wie mir schon bei der vorletzten Silbe klar wird. Denn abgesehen davon, dass der bedauernswerte Zorro höchstens mit den Ohrspitzen wackeln könnte, würde er selbst das kaum wagen, um nicht vielleicht im nächsten Moment abzustürzen. Sogar sein Geheul ist inzwischen verklungen. Stockt ihm jetzt vor lauter Panik der Atem?

Trotz aller Besorgnis routiniert wie (fast) immer, will ich Blickkontakt zu ihm aufnehmen. Gar nicht so leicht, bei dem Blattgewirr, aber was ein waschechter Border Collie ist, der lässt nicht locker!

Ich bin eben dabei, es hin zu kriegen, als Silas endlich ankommt. „Hallo, Herr Dörrle“, begrüßt er den Alten mit pfeifendem Atmen. „So ein Unglücksrabe“, jammert der. „Danke, dass Sie so schnell gekommen sind, Herr Doktor.“

Großzügig verzeihe ich Herrn Dörrle die Verwechslung. Erstens ist er – verständlicher Weise – wegen Zorros misslicher Lage ein bisschen durcheinander. Zweitens hätte ich mir schon längst meine Nerven ruiniert, wenn ich mich über jede menschliche Begriffsstutzigkeit aufregen würde. Nicht ärgern, nur wundern, ist also wieder mal mein Motto.

Nebenbei bemerkt: schon seltsam, die menschliche Logik. Wäre Zorro ein Rabe, so hätte er doch nicht den geringsten Grund, unglücklich zu sein, sondern könnte einfach vom Baum hinab fliegen. Aber – auch wenn er eher einem Mix aus Rollmops und Clobürste ähnelt -, ist er nun mal ein Hund und gehört folglich überhaupt nicht auf Bäume.

Mein Blick wandert ein paar Stockwerke höher, vorbei an den Wohnungen von Specht, Eichhörnchen und Co. und verharrt nachdenklich auf dem Kater.

Hmhm… Hat der arme Zorro womöglich ein Identitätsproblem, glaubt, im falschen Fell zu stecken? Oder leidet er an Größenwahn? Was sonst könnte einen vernünftigen Hund dazu veranlassen, einer Katze auf einen Baum zu folgen?

Ich entscheide mich für das Identitätsproblem und versuche, es zu nutzen. „Ruhig Blut, Zorro!“, rufe ich ihm zu. „Du bist also ein Kater. Kater fallen nicht einfach von Bäumen wie reifes Obst. Du kannst also ganz unbesorgt sein.“

Tatsächlich scheint diese Masche zu wirken. Zorro schlägt seine vor Angst zugekniffenen Augen auf und stottert stöhnend: „M… m… meinst du wi… wirklich?“

„Na klar“, bestätige ich ihm.

„Und wer bist du?“, fragt er weiter. „Ich sehe dich nicht, hab nur Blätter vor den Augen.“

Sofort wittere ich meine Chance. „Ich? Ich bin deine innere Stimme. Deshalb kannst du mir auch glauben. Die innere Stimme hat nämlich immer Recht.“

Gefolgt von ein paar zerbrochenen Zweigen, stürzt plötzlich ein Feuerball von oben herab und prallt gegen Herrn Dörrles ausladenden Bauch. Erst, als ich den roten Kater auf dem am Boden Liegenden sitzen sehe, erkenne ich meinen Irrtum. Hoffentlich hat Zorro das nicht mitbekommen, doch gleich fragt er in höchster Panik: „Was – was war das?“

„Nur ein Apfel“, schwindle ich, „ein besonders dicker.“ Der Zweck heiligt die Lüge. Na also, sie zeigt auch schon Wirkung. Zorros erleichtertes Aufatmen vernehme ich bis unter meine Pfoten. Welch ein Glück, dass er offenbar nicht der Allerhellste ist und jetzt glaubt, er hinge in einem Apfelbaum, obwohl ix Kirschbaumblätter vor seiner Nase baumeln.

Unterdessen hat mein Assistent dem alten Herrn aufgeholfen und den Kater nach etwaigen Knochenbrüchen abgetastet. Solche Aufgaben kann ich ihm getrost überlassen, dachte mir sowieso längst, dass der Speck das Katzenvieh gut abgefedert haben wird.

„Innere Stimme, wo bist du?“, winselt Zorro. „Warum sagst du nichts mehr?“

Warum sage ich nichts mehr? Was soll ich ihm jetzt bloß sagen?, überlege ich fieberhaft und werfe einen Blick auf meine zweibeinigen Mitarbeiter. Der athletische Silas hat den Baum erklommen und beinahe Zorros Hinterteil erreicht, während Zorros Mensch den Kater an sich presst und flehentlich nach oben blickt. „Sag, was du willst“, scheint der Kater meine Gedanken zu lesen. „Aber sag was, bevor der Typ mich zerquetscht.“

Silas versucht, Zorro aus der Astgabel heraus zu ziehen, doch der krallt panisch die Nägel seiner Vorderpfoten in die Rinde. „Lass los, Zorro!“, rufe ich. „Deine innere Stimme befiehlt es dir!“

„Loslassen??? Meinst du wirklich???“, fragt Zorro undeutlich. Kein Wunder, er mampft gerade Kirschen, samt Stielen und Blättern, hält sich jetzt offensichtlich für eine Raupe. Immerhin trifft mein Blick dadurch endlich direkt in seine Augen. „Entspann dich, Zorro, lass los, lass einfach los“, säusele ich. Wieder mal kommt mir meine Zusatzausbildung als Hypnotherapeut zu Gute.

Bald schon rutscht Zorros Heck in greifbare Nähe zu Silas. „Lass los, lass dich fallen – fallen“, säusele ich weiter und meine, nahebei ein dumpfes Geräusch zu vernehmen. Aber darauf kann ich mich jetzt unmöglich konzentrieren. „Entspann dich, Zorro, lass los, lass los.“

Neben mir höre ich jetzt noch ein Geräusch, unverkennbar das einer Katzenzunge, die über Katzenfell leckt.

„Ich hab ihn!“, ruft Silas mir fröhlich zu, klemmt sich den schlaffen Lappen namens Zorro unter den Arm, klettert ein paar Äste tiefer und springt das letzte Stjückchen rittlings vom Baum.

Als er wieder festen Boden unter den Pfoten spürt, gähnt Zorro ausgiebig, schaut sich verwundert um und fixiert den Kater, der sich beharrlich seiner Körperpflege widmet.

„Nicht noch mal, Zorro!“, belle ich warnend. Silas kann ihn gerade noch am Schwanz festhalten und starrt gleich darauf erschrocken aufs Gras. „Herr Dörrle, ist Ihnen nicht gut?“

Winselnd leckt Zorro seinem Menschen übers Gesicht, worauf der sich prustend vom Boden aufrichtet und verwundert die Augen reibt. „Was, wieso? Was ist denn? Ich war plötzlich so müde.“

Silas zwinkert mir lachend zu und hilft ihm auf – heute schon zum zweiten Mal. „Am besten gehen Sie jetzt mit Zorro nach Hause und ruhen sich ein bisschen aus von diesem Abenteuer.“

Dem kann ich nur beipflichten, verabschiede mich und trabe zufrieden mit meinem Silas zum Auto – nicht, ohne Zorro vorher einzuschärfen, dass er Bäume künftig nur noch zum Pinkeln verwenden darf.

Das war’s für heute. Wollt ihr wissen, ob Zorro meinen Rat befolgen wird und was dem verrückten Kerl sonst noch so einfällt? Dann schaut wieder bei mir rein – am übernächsten Samstag.

Bis dahin macht’s gut – euer Tristan