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SOS – Notruf nach Feierabend

Von unserer Pinnwand im Wartezimmer blickt uns aus traurigen Augen Elfi an. Sie sieht aus wie ein kleiner Wolf und ist, wie Emma allen Menschen erzählt, eine rumänische Straßenhündin.
Nun ja, genauer gesagt war sie das. Jetzt hockt sie in der Todeszelle, obwohl sie niemals in ihrem kurzen Leben auch nur irgendwas verbrochen hat. Unfassbar! Die Menschen dort drehen total durch!

Auch heute, kurz vor der Mittagspause – nur ich bin noch im Wartezimmer – fällt mir wieder mal auf, wie lange Emma vor Elfis Portrait verharrt und es nachdenklich anschaut, mit kaum weniger traurigen Augen.
Jetzt wird sie aber dabei unterbrochen, denn Isabel stürzt aufgeregt herein und hält ihr demonstrativ eine kleine Pappschachtel unter die Nase. „Sehen Sie nur!“, stößt sie atemlos hervor. „Das fand Marlene zwischen den Sachen ihres Freundes, während sie was fürs Krankenhaus zusammenpackte.“
Meine schlimme Ahnung wird bestärkt, als Emma das Päckchen entgegennimmt und Isabels entsetzten Blick mit ebensolchem Entsetzen erwidert. Rattengift!
Die Rede ist natürlich von Walter. Im Gegensatz zu Mieze und Bella, die zum Glück beide wieder quietschfidel sind, liegt er immer noch im Krankenhaus im Koma.
Einmal schnappte ich auf, wie Marlene erzählte, sie spiele ihm Geräusche vor, die ihm vertraut seien, darunter Bellas Schnurren. Komapatienten könnten zwar nicht reagieren, aber durchaus etwas in ihrer Umgebung wahrnehmen. Und Walter habe sich in letzter Zeit ja sooo gewandelt, sei sooo überraschend liebevoll mit der Katze umgegangen.
Pah! Wie sollte mich das überraschen, war doch bloß Teil seines fiesen Plans! So wollte er verhüten, dass ihn später jemand verdächtigen würde, die Ärmste vergiftet zu haben.

Silas hat die Aufregung mitbekommen und betritt das Wartezimmer, ist natürlich genauso entsetzt. Sie müsse jetzt wieder zu Marlene, meint Isabel und steht schon auf der Türschwelle. Die sei nämlich völlig aufgelöst.
Dort ist Isabel jetzt eigentlich immer, seit jenem Tag, an dem Mieze vergiftet wurde und Bella auf der Flucht vor Walter ins Kippfenster geriet. Vor unseren Patienten und ihren Menschen reißt Silas sich zusammen, rennt ansonsten mit säuerlichem Gesichtsausdruck umher.
Ich ahne schon – die Erkenntnis, dass Walter sogar dazu fähig war, die geliebte Katze seiner Freundin zu vergiften, wird Isabel und Marlene noch enger zusammenschweißen.

Als ich Mieze und Bella abends darauf mit Silas besuche, verkündet Marlene, sie beriesele Walter nun Tag und Nacht mit Katzenschnurren. Dabei umspielt ein sardonisches Lächeln ihre Lippen. „Schwestern und Ärzte finden’s ganz toll, wie sehr ich mich um ihn bemühe.“

Am nächsten Morgen ist Emma schon vor Silas und mir in der Praxis. Endlich kann ich Elfi, die Rumänin, auch riechen! Und ich muss sagen, sie riecht noch viiieeel besser als sie aussieht! Unsere Menschen mit ihrem unterentwickelten Geruchssinn können das natürlich nicht wahrnehmen.
Die Ärmste ist noch ziemlich ängstlich und scheu, kein Wunder, nach all dem, was sie erleben musste.
Emma und Silas kümmern sich sehr um sie, wollen unbedingt ihr Vertrauen gewinnen. Tatsächlich gelingt ihnen das schon nach wenigen Tagen, was natürlich vor allem mir zu verdanken ist. Durch mein Verhalten demonstriere ich der Hündin, wie vertrauenswürdig sie sind.
Besonders freut es mich allerdings, dass die beiden über Elfi endlich zueinander finden. Heute Abend scheinen sie es plötzlich selbst zu merken, nach ihrem ersten Kuss. Erst kurz zuvor hat Emma die Eingangstür verriegelt.
Vor lauter Begeisterung lecke ich meiner Elfi über die Lefzen. Mmmm, lecker! Mein Sch(m)atz!
Sie ist ein bisschen verdutzt, lässt es aber geschehen.
Seufz – wie das halt in unserem Beruf so ist – unsere traute Viersamkeit wird abrupt gestört. Diesmal steht zwar niemand vor unserer Tür. Nein, der Störenfried ist bereits drin – das Telefon. Einen Arm um Emmas Schultern gelegt, nimmt Silas ab und horcht ungläubig. „Wirklich? – Ein Marder???“
Erstaunt sehen wir uns alle an, dann laufe ich zur Tür. Liebe hin, Liebe her – erst kommt die Arbeit! Und als Tierarzt muss man selbstverständlich auch einem in Not geratenen Marder helfen.

Nur wenige Straßen weiter, steckt ein stattliches Exemplar dieser Spezies zwischen zwei Latten eines Gartenzauns fest. Verletzt ist er offenbar nicht, strampelt wie verrückt.
Ich erkenne sofort – mit feinen chirurgischen Instrumenten ist hier nichts auszurichten. Während Silas den Hausbesitzer davon zu überzeugen versucht, kläffe ich auf den Eingeklemmten ein: „Nun hör schon auf mit der Zappelei. Du tust dir doch nur weh.“
Ich ernte einen misstrauischen Blick. Sind ja eigentlich frech, diese Kerlchen, und nicht minder schlau. „Bleib weg“, warnt er mich. „Vorne bin ich nämlich nicht eingeklemmt.“
„Pa!“ Als ob ich das nicht selbst sehen würde! „Überleg Dir gut, ob du unbedingt in die Schnauze beißen willst, die dir hilft…“, gebe ich ihm zu denken und füge hinzu: „Du hast Glück, ich bin nämlich Arzt.“
Mit einer Säge in der Hand, naht endlich Silas und beginnt an einer der beiden Latten zu sägen, zwischen denen der Marder eingeklemmt ist. Derweil lenke ich ihn ab, lasse mir von ihm erzählen, was für ein toller Kerl er sei. „Und mein kleiner Bruder erst, der Mistie!“
Ich traue meinen Ohren kaum. Wahrscheinlich hat seine Panik dem Bedauernswerten den Verstand völlig vernebelt. Behauptet der doch glatt, besagter Mistie sei unterwegs auf einem Luxusliner. „Ja, Marder ahoi! Der ist jetzt in Schottland. Hab diesen Tausendsassa auf dem Titelblatt einer Zeitung gesehen, die auf einer Fußmatte lag, wollte sie gerade markieren, in der Morgendämmerung.“

Plötzlich stutzt er, hält inne und saust wie der Blitz davon. Ich schaue ihm nach, bis er vom Dunkel des Waldrands verschluckt wird.
Silas steht hinter mir, die durchgesägte Latte in der Hand, neben ihm der Hausbesitzer. Der meint lachend: „Jetzt hab ich nicht mehr alle Latten am Zaun.“

Schon wenige Minuten später, mit Elfi und unseren Menschen im trauten Heim, erscheint mir diese ganze Geschichte wie ein Spuk. Etwas daran muss aber wahr sein, denn Silas und Emma reden darüber – sofern sie dazu kommen, während sie einander ablutschen.
Auch Elfi und ich kuscheln uns auf dem Sofa wohlig aneinander – bis wieder jemand unsere Hilfe braucht.

Tja liebe Freunde, das wird wohl sehr bald sein und weil ich sooo viel zu tun habe, werde ich künftig leider nicht mehr zum Erzählen kommen.
Habt alle herzlichen Dank dafür, dass ihr meine Geschichten gelesen und mich so ein Stück meines Weges begleitet habt.
Wuff – also bevor ich jetzt noch völlig sentimental werde… Machts gut und genießt eine schöne Zeit – euer Tristan

Auf der Schwelle zum Tod

Irgendwie wittere ich heute schon den ganzen Tag über Unheil, obwohl es eigentlich ein Arbeitstag ist wie jeder andere – auf den ersten Riecher. Ja, man könnte sogar sagen, ein richtig guter Tag, zumindest für meine Patienten. Keiner ist ernsthaft oder gar lebensbedrohlich erkrankt. Und trotzdem – ich traue ihm nicht, diesem Tag, auch jetzt noch nicht, obwohl der Feierabend kurz bevorsteht.
Emma, die sich sonst spürbar darauf freut, schaut grimmig auf ihre Abrechnung. Nur Manna und ich sind außer ihr noch im Wartezimmer, und wir wissen genau: Emmas Grimm gilt nicht dem Papier unter ihrer Nase, sondern Isabel, deren fröhliches Gekicher immer wieder vom Untersuchungsraum herüberdringt. Silas scherzt dort mit ihr, weiß wahrscheinlich gar nicht, dass Emma noch hier ist – oder denkt ganz einfach nicht daran.

Ungeduldig tappt Manna an den Stuhlreihen entlang, hin und her. „Menschen in Paarungsstimmung können einen ganz schön nerven, nicht wahr, Tristan?“, winselt sie. „Und ob“, stimme ich ihr zu, laufe zum Untersuchungsraum, kratze an der Tür und lausche.
Keine Reaktion. Ich glaube, ich muss Silas‘ Grundgehorsam mal auffrischen. „Kommt ihr jetzt endlich!“, belle ich also auffordernd. „Wir wollen auf die Wiese!“
„Aber Tristan, die beiden sind doch beschäftigt“, flüstert Emma.
Manna blickt mich nachdenklich an. „Warum sind Menschen eigentlich immer in Paarungsstimmung?“
„Weiß nicht“, entgegne ich und überprüfe Mannas Analgesicht. „Nase weg!“, knurrt sie. „In dieser Hinsicht bin ich züchtig wie mein Priester.“

Mein Seufzer darüber ist noch nicht verklungen, als ich Angstschweiß rieche und eine Frau auf die Eingangstür zustürzen sehe – Marlene, auf den Armen einen schlaffen Sack. Nein, es ist die Hündin Mieze!
Mit einem Satz bin ich bei der Tür und springe kläffend daran hoch. Das alles dürfte kaum mehr als eine Sekunde gedauert haben. Manna unterstützt mich mit ihrem Piepsstimmchen.
Unsere kluge Emma! Jede andere Assistentin würde jetzt schimpfen und auf ihren Feierabend beharren, aber sie begreift augenblicklich: Wenn wir dermaßen Alarm bellen, dann droht höchste Gefahr. In nullkommanix ist sie an der Tür und öffnet.
„Mieze“, schluchzt Marlene, „sie stirbt.“
„Ganz ruhig, so schnell stirbt man nicht“, versucht Emma sie zu beruhigen und pocht heftig gegen die Tür zum Behandlungsraum. „Dringender Notfall!“
Noch beim Öffnen streicht Silas über sein zerwühltes Haar, schließt seine drei obersten Hemdknöpfe und übernimmt unsere Patientin. Behutsam legt er sie auf den Tisch und überprüft ihre Reflexe.
Emma reicht Marlene ein Taschentuch für ihr tränenüberströmtes Gesicht. Noch während sie es trocknet, stammelt sie: „Ich hab es nicht gleich bemerkt, plötzlich war sie völlig lethargisch…“ Vernehmlich schneuzt sie in das Tuch.
„Ganz ruhig“, sagt nun auch Silas. „Mieze lebt, ist nur sehr schwach.“ Ich stelle mich auf die Hinterpfoten, die vorderen auf dem Behandlungstisch, und winsle in Miezes Gesicht. „Tristan, bist du’s?“, höre ich sie fragen, so leise, dass es keiner unserer Menschen mitkriegt. „Wie ist das passiert?“, frage ich zurück und sehe mein unheilvolles Gespür von heute bestätigt.
Die Konzentration auf mich erfordert zu viel Kraft von der Ärmsten. Sie stöhnt nur noch leise, doch ich glaube etwas herauszuhören: „Walter… Bella… ist mit ihm… allein.“

Ich begreife. Da Silas sich auf Sofortmaßnahmen bei Vergiftungen ausgezeichnet versteht, bin ich abkömmlich und husche durch die angelehnte Tür hinaus, Manna hinterdrein. Keiner der Menschen, die alle den Tisch umstehen, achtet auf uns.
Während Manna auf ihren kurzen Beinchen eifrig Schritt mit mir hält, äußert sie sich besorgt über ihre Isabel. „Die wird im angrenzenden Zimmer sein“, vermute ich. „Der droht keine Gefahr.“ Unterwegs zu Walters Haus, berichte ich ihr in wenigen Bellern, dass besagter Walter unbedingt die Katze Bella loswerden will und überlege laut: „Wahrscheinlich hat versehentlich Mieze das Gift erwischt.“
Kaum habe ich ausgesprochen, da vernehmen unsere empfindsamen Ohren auch schon ein erbärmliches Maunzen. Das Haus ist noch nicht in Sicht, wird von zwei anderen verdeckt. Besondere Umstände erfordern besonderes Handeln. Also tue ich, was sich eigentlich nicht gehört und renne mit allerhöchstem Border Collie-Tempo durch eine Buchsbaumhecke, um den dahinter liegenden Garten zu durchqueren. Manna bleibt zurück, will mich warnen. Zu spät – der English Bulldog wälzt seinen tonnenförmigen Leib bereits auf mich zu und knurrt: „Raus aus meinem Garten!“
Für Erklärungen habe ich jetzt wirklich keine Zeit, sause an ihm vorbei und will sein Grundstück durch die Hecke auf der anderen Seite wieder verlassen. Keine Ahnung, ob ich etwas zu langsam war oder diese Hecke einfach zu dicht gewachsen ist – jedenfalls bleibe ich mittendrin stecken. Wütend schnappt der Bulli nach meinem rechten Hinterbein, erwischt aber zum Glück nur das Höschen. „Lass mich los!“, belle ich lautstark. „Das ist ein Notfall!“ Er reagiert nicht. Ich kläffe weiter: „Es geht um Leben und Tod!“
In seiner Wut hört er nichts, hält beharrlich fest und hat mich fast schon auf seinen Rasen zurück gezerrt, als ich ihn plötzlich winseln höre. Fast gleichzeitig ruft Manna: „Los, weiter!“
Was ist passiert? Hat sie ihn gezwickt? Hoffentlich ist der Bulli ein waschechter Gentleman, denn ich sprinte davon. Bella scheint meine Hilfe nämlich dringender zu benötigen.

Kaum erreiche ich ihr Haus, da übertönt die Sirene eines Feuerwehrautos Bellas Wehgeschrei. Ein Blick zum Fenster im zweiten Stock offenbart mir ihr Elend. Sie steckt fest, im gekippten Fenster. Aus denen der Nachbarhäuser schauen Menschen heraus. Andere stehen auf Straße und Gehweg, empfangen die Feuerwehrmänner und deuten nach oben, zu Bella.
Er habe Sturm geläutet. Es sei niemand daheim, höre ich einen Jungen sagen und wundere mich. Wo ist Walter? „Halt durch!“, kläffe ich der Ärmsten zu. „Gleich wirst du befreit!“
Während ich zuschaue wie eine Leiter ausgefahren wird, ein Feuerwehrmann hochsteigt und Bella aus dem Kippfenster heraushebt, vernehme ich hinter mir ein Hecheln. Manna und der Bulli kommen angetrabt. Gemeinsam eilen wir zu Bellas Retter, der eben wieder festen Boden betritt, springen an ihm hoch und rufen: „Was ist mir dir, Bella? Bist du okay?“
„Das fehlt gerade noch“, meint der Feuerwehrmann und hebt sie über seinen Kopf. „Ich rette das Kätzchen, und ihr gebt ihm den Rest.“
Schaulustige versammeln sich um uns. Die müsse bestimmt eingeschläfert werden, meint einer und will vom traurigen Schicksal einer anderen Katze berichten, die auch in ein gekipptes Fenster geraten sei.
„Nur keine voreiligen Schlüsse ziehen. Ich bringe sie zum Tierarzt“, höre ich eine vertraute Stimme sagen – Isabel. Als der Feuerwehrmann ihr Bella übergibt, stoppt ein Auto vor dem Haus, und Marlene springt heraus. „Sie lebt“, versucht Isabel sie zu beruhigen, was die Katze mit schwachem Maunzen bestätigt. Marlene nimmt Bella vorsichtig entgegen, blickt sich um und stößt hervor: „Walter, wo ist denn Walter?“
Erstaunt sehen sich die Leute an. Isabel ergreift die Initiative, lässt sich von Marlene die Schlüssel geben, betritt das Haus und stößt einen schrillen Schrei aus. Augenblicklich sind wir Hunde an ihrer Seite, Manna zuerst. Mit verrenkten Gliedmaßen und offensichtlich bewusstlos, liegt Walter auf den untersten Stufen der Treppe, die ins Obergeschoss führt.
Das ist zu viel für Marlene. Bevor sie mit Bella auf dem Arm zusammenbricht, kann Isabel ihr die Katze gerade noch abnehmen. Inzwischen muss jemand den Notarzt gerufen haben, denn da erscheint er auch schon mit lautem „Tatü-tata!“
Neben Walter auf einer Tragbahre liegend, erwacht Marlene im Krankenwagen und blickt sich hilflos um. „Aber, meine Tiere…“, stammelt sie. „Wer…“
„Um die kümmere ich mich, seien Sie unbesorgt“, versichert ihr Isabel, bevor der Krankenwagen davonbraust.
Auch wir fahren ab, in meine Praxis – Manna, Bella, Isabel und ich, in Marlenes Auto. Unsere Gedanken sind bei Mieze. Wie wird es ihr wohl gehen?

Silas ist erschöpft, riecht nach Angst und Sorge. Wir stürmen an ihm vorbei ins offenstehende Behandlungszimmer, aber Mieze liegt nicht mehr auf dem Tisch. Manna und ich vernehmen durch ihr Atmen, dass sie lebt, noch ehe wir sie in einer Ecke des Raums entdecken, in einem Korb. Neben ihr auf dem Boden sitzt Emma, streicht sacht über ihren Rücken und lächelt uns zu, uns Vierbeinern. Als sie Isabel hereinkommen sieht, erlischt ihr Lächeln.
Unter halbgeschlossenen Lidern hervor, schenkt Mieze uns einen müden Blick und lässt sich die Lefzen lecken. „Bella war im Fenster eingeklemmt, wird aber bestimmt wieder gesund“, tröste ich meine Patientin. Die wittert ihre Freundin, will den Kopf heben und zum Tisch blicken, worauf sie gerade von Silas untersucht wird. Doch selbst dazu ist Mieze viel zu schwach.
Sie habe alles erbrochen, sagt mein Assistent zu Isabel. Das Rattengift sei wohl noch nicht in den Blutkreislauf gelangt.
Nun ja, sehr überzeugend klingt das nicht in meinen empfindsamen Hundeohren. Man müsse hoffen, dass die Hündin die Nacht überstehe, fügt Silas auch sogleich hinzu. Isabel schlägt vor, sie mit zu uns nach Hause zu nehmen, worauf Emma ein letztes Mal über ihr Fell streicht und sich seufzend erhebt. Sie gehe jetzt, werde hier ja nicht mehr gebraucht.
Während sich Silas geistesabwesend für ihr langes Dableiben bedankt, lecke ich Emma zum Abschied die Hand.

Nur durch mein beharrliches Zureden, lässt Bella eine Ultraschalluntersuchung über sich ergehen. „Es war für mich bestimmt, das Gift“, maunzt sie mir zu. „Walter wusste nicht, dass ich Mieze mein Essen überlasse, wenn es schon länger herumsteht.“
So ungefähr hatte ich mir das bereits gedacht. Nachdem er dann mit ihr allein gewesen sei, fährt Bella fort und erregt sich zusehends, habe er sie erdrosseln wollen. Kratzend und beißend sei sie ihm gerade noch entkommen, hinauf ins Schlafzimmer. „Wäre er die Treppe nicht hinuntergefallen…“
„Ist ja schon gut, gleich vorbei“, versichert Isabel und krault meine Patientin hinter den Öhrchen. Wie sich herausstellt, hatte sie unwahrscheinliches Glück, keinerlei innere Quetschungen oder Verletzungen.
Schweigend fahren wir nach Hause. In dieser Nacht fallen sogar unsere Menschen nur in einen oberflächlichen Schlaf.

Ob Mieze überlebt und Walter entlarvt wird, erzähle ich euch in drei Wochen. Bis dahin machts’s gut – euer Tristan

Nicht ohne meine Katze! – Teil 2

Von wegen Tierheim! Nachdem der Wagen hält und Walter den Kofferraum öffnet, signalisieren mir Ohren sowie Nase, dass wir hier unmöglich beim Tierheim sein können. Aber wo dann? Und noch schlimmer: Was, wenn er mich jetzt entdeckt – im wahrsten Sinne des Wortes? Schon spüre ich Wärme und Schweiß seiner Hand, als sie nach der Decke greifen will, die auf mir liegt.
Doch plötzlich lässt der Ruf einer Frauenstimme Walters Hand in ihrer Bewegung innehalten. „Komm doch erst mal rauf!“, tönt es von weit oben herunter.
Der Mann gehorcht und ich riskiere einen Blick unter der Decke hervor. Hinter einem der Fenster eines Hochhauses, ziemlich weit oben, erhasche ich eine Bewegung. Aha, von daher wird wohl der Ruf gedrungen sein.
Ich warte, bis Walter im Haus verschwunden ist, verlasse dann mit einem Satz den Kofferraum und verberge mich unter dem Auto. Noch ehe ich recht überlegen kann, was er wohl hier will und wer die Frau hinter dem Fenster sein mag, wittere ich einen vertrauten Geruch, der meinen ganzen Leib vor Erregung zittern lässt. Dann kriecht sie auch schon zu mir unter’s Auto – Bella. „Tristan, du hier?“
Uns bleibt kaum Zeit, übereinander zu staunen, denn Walter kann ja jeden Moment zurück sein. Hastig berichtet mir Bella, sie sei nach der Flucht vor Django nach Hause gegangen. Kurz vor der Tür habe Walter sie gepackt und heimlich nach hierher verfrachtet.
Seither lebe sie bei dieser Frau, einer Tante von Walter, und dürfe die Wohnung nie verlassen. „Als sie ihm vorhin geöffnet hat, bin ich unbemerkt durch den Türspalt geschlüpft und ins Treppenhaus entkommen. Sie glauben, ich hätte mich unter dem Sofa verkrochen.“
Ich überlege. „Walter wird den Kofferraum zumachen wollen.“
„Ja“, pflichtet Bella mir bei. „Aber wenn wir uns jetzt da drin verstecken, bemerkt er uns beim Ausräumen.“
Wir bleiben, wo wir sind. Wie erwartet, erscheint Walter bald darauf, räumt den Kofferraum aus, schlägt den Deckel zu und geht wieder. „Wahrscheinlich trinken sie jetzt zusammen diese eklige braune Brühe“, spekuliert Bella. Ich stimme ihr zu. „Ja, wahrscheinlich.“
Die Warterei nervt uns entsetzlich, und wir wagen es nicht, unsere größte Befürchtung auszusprechen – nämlich, dass die dort oben beschließen könnten, Bella unter dem Sofa hervorzulocken und dabei bemerken, dass sie ausgerissen ist. „Weißt du, Tristan“, erzählt sie mir jetzt, „seine Tante will eigentlich gar nicht, dass ich bei ihr wohne. Kein einziges Mal hat sie mich gestreichelt oder mit freundlicher Stimme zu mir geredet.
Na ja, ich hab sie auch immer angefaucht, weil ich es nicht ertrage, eingesperrt zu sein. Walter sagte zu ihr, ins Tierheim könnte er mich nicht bringen. ‚Anhand seines Chips würde man das Vieh sofort identifizieren, und dann hätte ich es wieder am Hals.‘
„Am Hals…“
Entrüstet und gekränkt zugleich wiederholt Bella Walters Worte. „Als wenn ich seinen blöden Hals ein einziges Mal auch nur berührt hätte!“
Ich lecke tröstend über ihr Fell, doch sie duckt sich angstvoll: „Wie kommen wir bloß wieder nach Hause zurück? Ich sehne mich so nach Mieze und Marlene – und nach meiner Freiheit!“
„Lass mich nur machen“, beruhige ich sie, bin mir aber selbst nicht sicher, ob mein Plan gelingen kann.
So sehr uns das Warten auch stresst – als Walter plötzlich naht, sind unsere Nerven bis zum Zerreißen gespannt. „Achtung“, winsle ich Bella leise zu. „Wenn er die Fahrertür öffnet, musst du blitzschnell einsteigen und dich hinter dem Sitz auf den Boden ducken.“
Zitternd späht Bella unter dem Auto hervor. Nur noch wenige Schritte ist Walter entfernt. „Aber…“, beginnt sie zweifelnd. Ich hake schnell ein. „Er wird nicht auf den Boden gucken, wird dich nicht sehen.“ Nicht etwa, dass ich davon überzeugt wäre, doch ich muss sie ja ermutigen.
„Aber was ist mit dir? Du bist viel größer als ich. Selbst wenn er dich nicht sieht… Wie willst du dich hinter den Fahrersitz quetschen, ohne dass er es merkt?“
Sie hat recht. Daran hab ich gar nicht gedacht.
Ich verstehe, wenn es euch schwer fällt, mir zu glauben, was ich euch jetzt erzähle, doch es war wirklich so. Ehrlich, Hunde lügen nicht!
Wenn die im Fernsehen nicht wissen, wie eine Geschichte weitergehen soll, dann muss meistens irgendein Zufall herhalten. Genau so eine Art Zufall, so unglaublich es klingen mag, eilt uns jetzt zu Hilfe. Aber er muss sich beeilen, denn Walter hat bereits die Fahrertür geöffnet. Bella huscht wie ein weißer Blitz hinein, kauert sich hinter dem Beifahrersitz auf den Boden und hält Ausschau nach mir, denn ich… Ja, ich liege immer noch unter dem Fahrgestell.
Schon hat Walter ein Bein im Wagen, als er plötzlich von einer jungen Frau angesprochen wird. Ob er ihr sagen könne, wo der Bahnhof sei.
Ich wittere Walters Testosteronausstoß. „Der liegt auf meinem Weg“, schwindelt er, bittet die Frau einzusteigen und geht um das Auto herum. Noch ehe er die Beifahrertür geöffnet hat, hocke ich bei Bella hinten auf dem Boden.
Die Frau bedankt sich und steigt ein.
Doch kaum sind wir losgefahren, da muss sie niesen – ein Mal, dann wieder und wieder, immer schneller hintereinander. Walter, der sie in ein Gespräch einbinden wollte, kommt gar nicht hinterher mit seinem „Gesundheit, Gesundheit“. Ob er eine Katze hätte, fragt sie.
Bella und ich, wir halten den Atem an. Walter scheint sich zu wundern. Er verneint. Sie sei allergisch gegen Katzen, erklärt die Frau. Wir riechen förmlich Walters Ärger, als er bekennt, dass er kürzlich eine Decke mit Katzenhaaren im Kofferraum habe transportieren müssen.
Müssen – so ein fieser, verlogener Kerl!, denken Bella und ich.
Walter will zu einer Tankstelle fahren, um den Kofferraum zu reinigen, aber die Frau lehnt ab und bittet ihn, anzuhalten. Sie sei ja jetzt nicht mehr weit vom Bahnhof entfernt, habe vorhin ein Schild gesehen.
Ob das stimmt – wir wissen es nicht, und eigentlich ist es uns auch egal. Wir wollen nur eins: zurück nach Hause!
Die Frau steigt aus, und ein kräftiger Adrenalinschub lässt Walter das Gaspedal so durchtreten, dass wir beide heftig gegen den Boden gedrückt werden.
Als er nach rasanter Fahrt vor Bellas Haus hält, wissen wir im ersten Moment nicht, wo oben und wo unten ist. Doch gleich ist uns das egal, denn wir hören, wie Mieze bellend auf das Auto zustürmt. Walter steigt aus und begrüßt sie scheißfreundlich. Marlene steht nämlich im Garten. „Schatz!“, ruft sie begeistert und unter Freudentränen. „Wie hast du das bloß geschafft? Wo hast du sie denn gefunden?“
Verwirrt sieht Walter sich um, bemerkt Bella und findet keine Worte, während Marlene ihm um den Hals fällt.
Mieze und Bella sind nur miteinander beschäftigt, belecken sich gegenseitig von oben bis unten, von hinten bis vorn. Da kann es mir gerade recht sein, dass Silas um die Ecke biegt – wenigstens einer, der sich um mich kümmert. „Tristan, wo warst du denn? Ich such‘ dich schon die ganze Zeit!“, stößt er hervor.
„Er muss ins Auto gesprungen sein“, vermutet Marlene, die inzwischen mit Bella schmust.
„Ins Auto?“ Silas wundert sich. Zu Recht, denn eigentlich bewege ich mich nur auf vier Rädern, wenn es nötig ist. Doch sagt selbst, wann hätte es nötiger sein können als heute?
Meinem Silas kann ich das natürlich nicht erklären. Wie auch? Er ist schließlich ein Mensch.

Glaubt ihr, dass Walter sich an Bella gewöhnt? In drei Wochen wird’s richtig dramatisch. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

Nicht ohne meine Katze! – Teil 1

An einem der letzten schönen Spätsommertage widme ich mich auf der Wiese mit Silas meiner Lieblingsbeschäftigung – dem Ballspiel. Die erste Wochenhälfte haben wir hinter uns gebracht und die Praxis schon mittags geschlossen. Endlich kann man wieder früher raus, weil es längst nicht mehr so heiß ist. Dem Himmel sei Dank!
Noch tummeln sich wenige Vier- und Zweibeiner auf der Wiese – dafür viele dieser lästigen Wespen, vor denen man sich besser in Acht nimmt. Nun ja, sie können durchaus geschäftsfördernd sein. Schon manch ein Hund kam mit geschwollener Nase in meine Praxis, weil er eines dieser kleinen Biester beschnüffelt hat.
Aber daran will ich jetzt nicht denken, habe gerade nur meinen Ball im Kopf. Ball, Ball, Ball… Wo liegt er bloß, wo, wo, wo…?
Silas hat ihn weit auf die Streuobstwiese hinaus geworfen, und das Gras ist schon wieder ziemlich hoch gesprossen. Er sei rot, hab ich ihn mal zu einem anderen Menschen sagen hören, damit man ihn im Gras besser sehen könne.
Da kichern ja die Katzen, wie soll mir das was nützen, wo ich doch rot – wie immer das auch aussehen mag -, gar nicht wahrnehmen kann. Überhaupt muss ich mich ja auf meine Nase verlassen, aber die ist nun mal – unter uns gesagt –, nicht die allerbeste. Also achte ich immer sehr darauf, in welche Richtung der Ball fliegt und wo er landet. Silas erteilt mir mit Hand und Stimme Hinweise, wenn ich gar nicht fündig werde.
Jetzt zum Beispiel wäre es für ihn an der Zeit, mich zu unterstützen. Stattdessen höre ich, wie er mit einem anderen Menschen spricht. Ich schaue auf, über die Grasspitzen hinweg und sehe Silas auf dem Feldweg stehen, neben einem Pärchen, von dem mir nur die Frau bekannt erscheint. Dann vernehme ich, wie in meiner Nähe das Gras geteilt wird. Eine mittelgroße Hündin, die irritierend nach Katze riecht, kommt auf mich zu. Ich begrüße sie trotzdem freundlich, erkenne sie dann erst so richtig an ihrem Analgesicht – Mieze, ja, Mieze, die Foxterrier-Labrador-Zwergpinscher-Hündin! „Du hast doch zusammen mit der Katze einen Sonderpreis gewonnen, bei dem Wettbewerb. Ich wusste nicht, dass du in Wufze wohnst.“
„Wir sind auch erst kürzlich nach hierher gezogen, Bella, meine Marlene und ich“, erklärt sie mir und fügt leise knurrend hinzu: „…wegen Walter.“
„Walter?“
„Ja“, erzählt Mieze weiter. „Bei dem wohnen wir jetzt.“
Es klingt alles andere als begeistert, aber ich komme nicht dazu, sie zu fragen, warum. Sie wird nämlich im nächsten Moment gerufen und möchte, dass ich mitkomme zum Feldweg. „Mein Ball, ich muss erst noch meinen Ball finden“, erkläre ich ihr. „Ohne den kehre ich nicht zurück!“
Mieze ist sichtlich irritiert, interessiert sich offenbar nicht für’s Apportieren und geht schon mal zu ihren Menschen.
Als ich kurz darauf mit meinem Ball auf den Feldweg trabe, traue ich Nase und Augen kaum. Hockt da doch tatsächlich die schneeweiße Katze Bella neben Mieze und genießt die freundliche Aufmerksamkeit der Menschen. Nur besagter Walter – der verstellt sich. Ich wittere es genau. Der würde Bella am liebsten den Hals umdrehen.
„Bella hält sich wahrscheinlich für einen Hund“, meint Marlene lachend. „Kein Wunder, sie kam ja als verwaistes Baby zu mir, hatte so gut wie keinen Kontakt zu anderen Katzen und wurde sofort von Mieze adoptiert.“
„Aber wie kam Mieze zu ihrem ungewöhnlichen Namen“, fragt Silas. „Sie hieß doch damals schon so, oder?“
Marlene setzt gerade zum Erklären an, als ausgerechnet Django in großen Sätzen angesprungen kommt. „Hallo, hallo!“, kläfft er laut und übermütig, entdeckt Bella und starrt sie an. Ich erkenne genau, was hinter seiner krausen Stirn vorgeht: Ist das da eine Katze? Kann das wirklich eine Katze sein, wenn es einfach da hocken bleibt?
So oder so ähnlich brodelt es in seinem Boxerhirn. Nichts Gutes ahnend, trete ich an Djangos Seite, um ihm zu erklären, dass Bella hier dazu gehört. Ich glaube, es kann mir gelingen, ja, es kann mir gelingen!
Aber da zwickt plötzlich dieser Walter verstohlen in Djangos Hinterbacke. Die anderen Menschen bekommen nichts davon mit, nicht mal Silas.
„Die Katze kann nichts dafür!“, kläffe ich Django zu, doch er ist viel zu aufgeregt, um auf mich zu hören. Im nächsten Augenblick, bevor einer auch nur irgendetwas dagegen unternehmen kann, springt Bella davon, gejagt von knapp fünfzig Kilo Boxer.
Ich setze ihnen nach, vorbei an Djangos Mensch, der von all dem gar nichts mitbekommt und mit offenem Mund durch die Luft schaut. Dem Boxer an Geschwindigkeit zumindest ebenbürtig, habe ich ihn am Waldsaum fast eingeholt, als er auf Ruf seines Menschen plötzlich umkehrt und mich hechelnd und mit leuchtenden Augen anblickt. „So, die wird sich so schnell nicht mehr hier blicken lassen!“
Das fürchte ich auch, rufe aber trotzdem aus Leibeskräften nach Bella, während Django zu den anderen trabt. Auf eine Standpauke verzichte ich. Die wird er, wie ich fern hinter mir höre, zur Genüge aus Miezes Schnauze über sich ergehen lassen müssen. Und da Django mit Damen – zumindest mit Hundedamen -, vorbildlich umgeht, kann sie sich das ganz sicher gefahrlos leisten.

Über zwei Monate vergehen, ohne das geringste Lebenszeichen von Bella. Niedergeschlagen wie am ersten Tag ihres Verschwindens, begegnet mir Mieze stets mit todtraurigem Blick und hängender Rute.
Sogar Walter beklagt Bellas Verlust. Marlene und anderen Menschen, die immer wieder nach Bella fragen, kann er das weismachen – Mieze und mir natürlich nicht!
„Ich weiß ja, dass Menschen verlogen sein können“, empört sie sich, als wir uns eines Nachmittags im Spätherbst im Wohnviertel begegnen, nur wenige Meter von ihrem Haus entfernt. „Aber Walter bricht wirklich alle Rekorde, grrrrrrrrrrrrrr! Wenn es dafür einen Wettbewerb gäbe… grrrrrrrrrrrrrr!“ Mit gefletschten Zähnen blickt sie zu ihrer Haustür, durch welche er gerade nach draußen geht, zum offenen Kofferraum seines Autos – beladen mit Katzenkorb, Decken, Kissen sowie Spielzeugen.
„All ihre Sachen bringt er jetzt ins Tierheim“, jault Mieze, „angeblich, damit wir nicht dauernd an Bella denken müssen. Aber ich will ja an sie denken, wahuuuuuuu!“
Walter schaut kurz zu uns hinüber und eilt dann zurück ins Haus, hat offenbar etwas vergessen. Diesen Moment muss ich nutzen, denn ich habe eine Idee. „Verrate mich nicht“, fiepe ich Mieze zu, springe in den noch offenen Kofferraum, wühle mich unter eine von Bellas Decken und verharre mucksmäuschenstill – gerade noch rechtzeitig, denn da kommt Walter auch schon. Zum Glück schaut er nicht genau hin, klappt nur den Kofferraumdeckel zu, steigt ein und braust davon.
Oh je, denke ich, eingeschlossen in mein dunkles, stickiges Verließ, wie konntest du dir das bloß antun, Tristan? Willst du etwa mit abgeliefert werden, im Tierheim?

Ob ich tatsächlich im Tierheim lande, das erfahrt ihr in drei Wochen. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

Wie sag ich’s meinem Menschen? – Teil 2

Am nächsten Morgen erscheint Nora tatsächlich mit Nadine in meiner Praxis. „Untersucht sie, nicht mich – bitte“, fleht sie uns an, als sie den Behandlungsraum betritt.
„Wie stellst du dir das vor?“, frage ich. „Nadine ist schließlich ein Mensch.“
„Mensch oder Hund, ist doch egal“, jault Nora und will sich nicht auf den Tisch heben lassen, sondern zappelt wie verrückt auf Silas‘ Armen herum, so dass er sie wieder absetzen und erst mal aufatmen muss.
„Das macht sie doch sonst nie“, jammert Nadine. „Was ist bloß mit ihr los?“ Der Verzweiflung nahe, schließt sie Nora in die Arme und weint ihr das Fell nass.
„Damit signalisieren Sie ihr nur, dass Sie große Probleme haben“, warnt Silas. „Mittlerweile glaube ich, es muss psychisch bedingt sein.“
„Ja dann…“, beginnt Nadine. „Können Sie mir einen Hundepsychologen empfehlen?“
…der am besten auch noch Menschenarzt ist, überlege ich. Doch plötzlich fällt mir etwas anderes ein.

Kaum kann ich die nächsten Spaziergänge erwarten, bei denen ich möglichst viele Artgenossen zu treffen hoffe. „Noras Mensch muss ganz dringend zum Arzt!“, kläffe ich allen zu und unterbreite ihnen meinen ausgeklügelten Plan. Sogar die Vögel über uns in den Bäumen zwitschern aufgeregt mit.
Silas dagegen stellt nur immer wieder verwundert fest: „Komisch, wie ausgelassen Tristan in letzter Zeit ist.“

Tage später weiß praktisch jeder Hund in Wufze Bescheid und will mithelfen, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet.
Die lässt zum Glück nicht lange auf sich warten. Wieder mal sind Silas, Manna, Isabel und ich abends im Wald unterwegs zur Hundewiese. „Super!“, belle ich, als von einem Seitenweg aus mein Freund Cooper zu uns stößt, der seine Menschen stets an einer langen Schleppleine führt. Er ist schneller als der Wind, weil einer seiner Ahnen ein Greyhound war.
„Du bist genau der Richtige für dieses Unterfangen! Jetzt fehlen nur noch…“ Mir stockt vor Aufregung der Atem, denn da kommen sie uns tatsächlich auf dem Waldweg entgegen – Nora und Nadine. Ein schneller Blickwechsel, und wir Hunde stürmen los.
„Halt!“ „Stop“ „Hierher!“ „Bei Fuß!“ und Ähnliches schreien unsere Menschen. Sollen sie ruhig, denn wir wissen, was wir tun.

Während Manna, Nora und ich um Nadine herumspringen, umkreist Cooper sie immer und immer wieder, bis sie eingewickelt ist. Die Ärmste, hat keine Ahnung wie ihr geschieht.
Ein letzter Schups noch von Manna und mir – da liegt sie auch schon am Boden und stöhnt. „Au – mein Knöchel!“
Tröstend leckt Nora ihr über’s Gesicht. Auch uns anderen tut sie leid, doch wer nicht verstehen will… Nun ja, die Aktion war ein voller Erfolg! Silas telefoniert bereits mit dem Notarzt.

Etwa eine Woche später holen Silas, Nora und ich Nadine vom Krankenhaus ab. Mit Tränen in den Augen begrüßt sie uns, umarmt uns Hunde immer wieder, kann gar nicht von uns ablassen.
Endlich kniet sie sich zu Nora hinab und nimmt ihren Kopf zwischen die Hände. „Danke, mein Schatz, danke…, und verzeih mir… Wenn ich dich bloß verstanden hätte…“

Noch immer die überglückliche Nora streichelnd, blickt Nadine zu Silas auf. „Tausend Dank, dass Sie sich um meinen Goldschatz gekümmert haben.“
„Schon okay“, meint Silas und reibt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Hauptsache, Ihnen geht’s wieder gut.“
Nadine nickt. „Als die Ärzte das Melanom entdeckten, waren sie äußerst besorgt. Aber nun sind sie sehr zuversichtlich, konnten es gerade noch rechtzeitig entfernen.“

Das ist ja noch mal gut gegangen. Aber schon warten neue Herausforderungen auf mich, und davon kann ich euch erst in drei Wochen was erzählen. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

Wie sag ich’s meinem Menschen? – Teil 1

Puh, geschafft! Das Wartezimmer ist leer, im Behandlungsraum noch der letzte Patient für heute. Aber was ist das? Draußen steht Manna, die Malteserin, mit ihrer Isabel.

Emma ringt sich ein Lächeln ab, öffnet die bereits geschlossene Tür und lässt die beiden herein, obwohl es sich diesmal eindeutig um keinen Notfall handelt. „Seid ihr bereit?“, begrüßt mich Manna schwanzwedelnd.
„Mal sehen.“ Ich lasse mir von einer murrenden Emma, die eigentlich die Abrechnung für heute fertig machen will, die Tür zum Behandlungsraum öffnen, wo Silas gerade einem Kaninchen die zu lang gewachsenen Zähne gekürzt hat. „Und?“, erkundige ich mich bei dem Kerlchen, „bist du zufrieden mit meinem Assistenten?“
Zustimmend mümmelt der Rammler. „Jetzt kann ich wieder richtig essen.“
Silas streichelt ihn, setzt ihn in seine Kiste und wendet sich erwartungsvoll an mich. „Sind die beiden schon da?“
„Wuff“, antworte ich. Silas strahlt.
„Der versteht wohl jedes Wort“, meint der Mensch meines Patienten anerkennend. Silas klopft mir auf die Schulter. „Klar doch, nicht wahr, Doc? Wir sind ein gutes Team.“
Dem kann ich natürlich nur zustimmen und springe ungeduldig im Kreis. „Aber jetzt raus hier, auf die Wiese und Ball spielen!“

Im Wald treffen wir ausgerechnet Zorro und Herrn Dörrle, die auch zur Wiese wollen. Sein Bein ist zwar verheilt, jedoch nur bedingt brauchbar. Also kommen die Zwei sehr langsam voran, und Zorro hat länger Gelegenheit zum Schnüffeln, als ihm lieb ist.
Wie es sich unter anständigen Hunden geziemt, begrüße ich ihn kurz und eile weiter. „Komm Manna, auf den warten wir nicht.“
Silas und Isabel wechseln ein paar freundliche Worte mit Herrn Dörrle, wünschen ihm einen schönen Abend und folgen uns dann Richtung Wiese.
Auch Zorro rennt uns nach, aber da gerät er bei mir gerade an den Richtigen. „Du, bleib gefälligst bei deinem Menschen!“, schärfe ich ihm leise knurrend ein und setze mich mit steil erhobener Rute an die Spitze unseres Mini-Rudels. „Wuff, welch herrrrrrrlicher Abend!“

Nach einer Weile kommt uns von weitem plötzlich Klara entgegen, noch ein Grund zur Freude! Aber sie ist nicht allein unterwegs mit ihrem Menschen. Neben ihr trottet eine blaugrau gesprenkelte Australische Schäferhündin. Immer wieder schaut sie besorgt zu ihrer Begleiterin auf, einer etwa vierzigjährigen Frau.
Als Klara mich erkennt, läuft sie mir sofort entgegen. „Hallo Tristan, geht’s dir gut?“
„Wenn ich dich sehe, immer, mein Sch(m)atz“, schmeichle ich und beschnuppere sie ausgiebig. „Übrigens – meine herzliche Gratulation zum ersten Preis!“
„Ach“, wedelt sie bescheiden ab, „wenn’s wenigstens einen ordentlichen Brocken Fleisch für den ganzen Aufwand gegeben hätte, so einen herrlich duftenden Pansen zum Beispiel…“
Während ich ihr neues Geschirr belecke, erzählt sie davon und wird jetzt doch ein bisschen stolz. „Ich sei eine Gewinnerin“, soll drauf stehen, hat man mir gesagt. „Wir können’s nicht lesen, ist ja auch auf Englisch. Aber viele Menschen freuen sich darüber und loben mich.“

Von hinten naht zwar schon wieder Zorro, hält aber respektvoll Abstand. Das rate ich ihm auch! Unterdessen ändert der Wind seine Richtung und weht mir den Duft der Australischen Schäferhündin samt dem ihrer Partnerin zu.
Endlich erkenne ich in ihnen Nora und ihre Nadine. Sie waren erst vor wenigen Wochen bei mir in der Praxis, weil Nadine sich Sorgen um Nora machte. Zum Glück haben wir aber keine Erkrankung bei ihr festgestellt.
„Was mach ich bloß, Tristan?“, wendet sich Nora bedrückt an mich, nachdem alle Vier- und Zweibeiner sich gegenseitig gebührend begrüßt haben. „Wie mach ich meiner Nadine klar, dass sie unbedingt zum Arzt gehen muss, nicht ich? Schnuppere doch mal. Riechst du nicht auch, dass irgendwas mit ihr nicht stimmt?“
Als großer Menschenfreund tue ich Nora gern den Gefallen. „Du bist ja mal ein Netter“, stellt Nadine fest und krault mich ausgiebig hinter den Ohren. „Aber was suchst du denn? Ich hab leider keine Leckerlis dabei.“
„Schon gut“, fiepe ich und stelle mich auf die Hinterpfoten, um ihren Bauch eingehender beschnuppern zu können.

„Tristan“, mahnt Silas verlegen, doch ich lasse mich nicht beirren. Nora hat recht. Durch Nadines T-Shirt wittere ich, dass mit ihrer Haut etwas nicht stimmt.
Mich weiter kraulend, wendet sie sich an Silas. „Übrigens gut, dass ich Sie treffe. Ich mache mir nämlich immer noch große Sorgen um meine Nora. Sie muss etwas haben. Es geht ihr nicht gut. Immer schaut sie mich so leidend an.“

„Es ist wirklich zum Verzweifeln“, meint die Schäferhündin zu mir, während Silas ihr in Augen und Ohren sieht, sie abtastet, aber einfach nichts feststellen kann, was auf eine Erkrankung hinweist.
Sie sei natürlich froh darüber, betont Nadine, aber… „Es muss doch einen Grund haben, wenn sie sich so seltsam verhält.“
„Hm“, überlegt Silas. „Bestimmt, aber vielleicht ist der ganz woanders zu suchen.“
„Wau, wau, wau“, pflichte ich ihm eifrig bei, und auch Nora stimmt mit ein.

Die Menschen um uns herum lachen. „Schon gut, wir gehen ja gleich auf die Wiese.“
Was soll ich sagen? Manchmal ist es einfach zum Verzweifeln mit den Zweibeinern.

Was glaubt ihr, wie lösen wir das Problem? In zwei Wochen erzähle ich es euch. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

Philosophische Betrachtung über Menschen im Allgemeinen und im Besonderen

Nicht zu fassen, aber den ersten Preis des Mischlingswettbewerbs haben sie doch tatsächlich unter Klara und Zorro aufgeteilt. Dabei hätte er ihr wirklich allein gebührt! Wer hat bloß diese Jury zusammengestellt?
Immerhin freut es mich für Bulldoggen-Sheltie Bombastica, dass sie den zweiten erhielt. Hat sie aber auch wirklich verdient – vor allem, wenn man bedenkt, was sie im Vorfeld durchmachen musste. Übrigens konnte ich schon fünf Hunde davon überzeugen, dass es besser ist, in der Gartenstraße nicht an Autoreifen zu pinkeln.
Und der dritte Preis, wer hat den gewonnen? Ach ja, Fantasy – und zwar hauptsächlich, weil sie schließlich so mutig war, doch noch mal den Laufsteg zu betreten. Nicht zuletzt hat sie das ihrem Menschen zu verdanken, weil er so viel Sicherheit ausstrahlte und sie damit bestärkte.
Dann gab’s noch einen Sonderpreis für’s außergewöhnlichste Team. Den ergatterten Foxterrier-Labrador-Zwergpinscher-Hündin Mieze und ihre Katze Bella.

„Wenn auch nicht alle Hunde – und Katzen – gewinnen können, so sind sie doch alle gleichermaßen liebenswert“, tröstete die Moderatorin nach der Siegerehrung die Teilnehmer und ihre Menschen. Hat sie das nicht schön ausgedrückt?

Apropos Menschen – die sind ja angeblich auch alle gleich, heißt es in der Flimmerkiste ständig, vor allem in den Nachrichten.
Also – demnach, was sie sich beim Spaziergang, im Wartezimmer, usw. immer wieder erzählen, scheinen sie das aber selbst überhaupt nicht zu glauben.
Da ereifern und streiten sie sich zum Beispiel über Schwarze, Rote, Grüne und Gelbe, (wobei ich bislang nur Erstere tatsächlich schon leibhaftig gesehen habe).

Wir Hunde urteilen nicht nach Farben oder Formen. Uns ist es egal, ob ein Artgenosse schwarz ist, braun, einfarbig, gescheckt, getupft, gesprenkelt oder oder oder…
Wobei ich leider einräumen muss, dass schlechte Angewohnheiten und negative menschliche Ansichten mittlerweile auf manche unserer Spezies abfärben.

Dieser Tage im Wartezimmer: „Sie gefällt mir nicht, trägt so ein eng gestreiftes Fell“, sagt doch tatsächlich ein Rottweiler. Dabei kann gerade der froh sein, dass er überhaupt noch eins trägt. Manch einer würde Vertretern seiner Rasse das Fell am liebsten über die Ohren ziehen, auch wenn sie niemals irgendwem – ob Zwei-, Vier-, Sechs-, Acht- oder Sonstwievielbeinern -, auch nur ein Härchen gekrümmt haben.
Aber es kommt noch schlimmer. Glaubt ihr etwa, auch nur einer meiner anderen Patienten würde dagegen Einspruch erheben?
Na ja, ein Whippet, aber der stört sich rein an Äußerlichkeiten. „Das nennt man gestromt“, belehrt er den Rotti hochnäsig und beginnt aufzuzählen: „Es gibt dunkel Gestromte, hell Ge…“ „Grrrrrrrr“, unterbreche ich ihn, kann es nicht mit anhören.
„Da fällt mir etwas ein“, piepst ein Chihuahuamädchen, „hab ich im Fernsehen gesehen, ehrlich. Da leben Labradore mit Menschen in Zimmerchen mit gestreiften Fenstern. Wenn die Sonne reinscheint, sind sogar die Böden gestreift, und die Menschen tragen immer gestreifte Sachen, und die Labradore sollen dafür sorgen, dass sie sich bessern.“
„Wer – die Sachen oder die Menschen?“, spöttelt ein Pudel, wahrscheinlich ein intellektueller Zyniker.

Nun – glücklicher Weise sind Diskriminierungen bezüglich von Äußerlichkeiten unter uns die Ausnahme. Noch. Den allermeisten Hunden und – zugegebenermaßen auch Katzen sowie anderen Tieren -, ist das Aussehen ihrer Mitgeschöpfe völlig wurst.

Apropos Wurst: Unfassbar, aber wisst ihr schon, dass es unter Menschen auch heute noch Kannibalen gibt – oder wenigstens solche, die es gern wären? „Ob grün, gelb, schwarz oder rot“, höre ich kürzlich beim Spaziergang jemanden sagen, „die kannst du alle in einen Topf werfen.“

Andere sind da zumindest ein bisschen geschmackvoller, wenn auch nicht weniger grausam: „Am besten alle Politiker in einen großen Sack, zubinden und im tiefsten See versenken!“
Ja, tatsächlich, ihr dürft es mir glauben, das hat ein Mensch gesagt, erst gestern am Bankschalter. Und er meinte damit Artgenossen, denn Politiker – das weiß ich genau, wenn’s auch manchmal schwer fällt, es zu glauben -, Politiker sind auch Menschen.

Wenn euch dazu was einfällt und ihr Lust habt, dürft ihr es mir gern mitteilen, wuff! Ansonsten bis zum nächsten Mal, und macht’s gut – euer Tristan

Wieder auf dem Dogwalk!

Die Sonne scheint, und aus den begossenen Pudeln sind wieder unverwechselbare, einzigartige Mischlinge geworden. Bulldoggen-Sheltie Bombastica, besagter Spanielmix und meine Klara liegen beim Wettbewerb vorn – Zorro leider auch – grrrrrrrr.
Fantasy, die mit den leicht silbrig schimmernden Fellspitzen, hat sich für die nächste Runde qualifiziert, mag aber nach dem Desaster mit Keks und dem Jack-Russel-Mix nicht mehr auf den Laufsteg. Diese beiden sind übrigens disqualifiziert und wetteifern nun aus der Zuschauermenge heraus darum, wie man sich am besten in den Mittelpunkt kläffen kann.

Die Moderatorin muss sich mächtig anstrengen, damit man ihre nächste Ankündigung akustisch versteht.
„Was? Wer kommt jetzt?“, höre ich gespannte Menschen rufen, weil der Laufsteg immer noch leer ist. Doch dann bemerke ich, wie eine Frau in Rosa versucht, eine Mops-Dackel-Hündin mit Würstchen hinauf zu locken. Die kleine Rose widersteht, fühlt sich sichtlich unwohl. Kein Wunder, denn sie steckt in einem rosa Ballettröckchen. Gleich muss sie sich auch noch von ein paar ganz unsensiblen Zuschauern auslachen lassen.
Ich protestiere lauthals und werde noch wütender, als ich sehe, wie die Ärmste von ihrem Menschen einfach hoch genommen und dann mitten auf dem Steg den spöttischen Blicken der Zuschauer ausgesetzt wird.
Silas stimmt mir voll zu. „Ganz recht, Tristan. Sie dauert mich auch. Schade – mit ihrer funktionstüchtigen Dackelnase hätte sie richtig gute Chancen.“

In der Jury wird derweil heftig diskutiert. Ich sehe, wie ein Mitglied sich an die Moderatorin wendet, welche hierauf verkündet, bei diesem Wettbewerb zähle nur naturgegebene Originalität.
Rose darf den Laufsteg verlassen, springt umher und reißt sich den Fummel vom Leib. „Wau“, hechelt sie, erschöpft, aber glücklich. „Geschafft!“ Ausgelassen schüttelt sie das rosafarbene Stück Stoff, und ihre schwarzen Knopfaugen blicken glänzend aus dem Fell. „Wau! Gewonnen!“

Ich achte nicht länger auf Rose, denn jetzt ist Klara dran – meine Klara. „Wau, wau, wau!“ Begeistert springe ich zu ihr auf den Laufsteg, um sie zu begrüßen, aber – was soll das? Die Moderatorin schickt mich runter und ruft stattdessen Zorro hinauf.
Ich bleibe, stehe ihm Auge in Auge gegenüber. Das ist zu viel. Das ist eindeutig zu viel! Jetzt schnuppert dieser dreiste Kerl auch noch ganz unverschämt unter Klaras Ringelschwanz herum. „Grrrrrrr, Nase weg!“, kläffe ich.

„Tristan!“, ruft Silas. „Tristan, hierher!“ Ich stocke und besinne mich. Auch Zorro horcht auf, lässt sogar Klaras Po in Ruhe.
„Tut mir leid“, wende ich mich steifbeinig an ihn. „Aber ich habe keine Zeit mehr für dich, werde anderweitig gebraucht.“
Gemessenen Schrittes verlasse ich den Laufsteg, gehe zu meinem Assistenten und lecke ihm dankbar die Hand. Wie gut, dass er meinen Ausraster gestoppt hat und mir ermöglicht, mich unter Wahrung meines Gesichts zurück zu ziehen.
Seines ist knallrot angelaufen. Drei Mal hätte er mich schon gerufen, höre ich jemanden sagen. Na ja, erstens stimmt das nicht und zweitens…

Begeisterter Applaus um uns herum lenkt meine Aufmerksamkeit zurück auf den Laufsteg, wo Klara und Zorro gerade preisgekrönt werden. …zweitens kann ich es mir leisten, hier einen Ruf zu überhören, habe bei diesem Wettbewerb ja sowieso keinen Kauknochen zu gewinnen.

In zwei Wochen gibt’s eine kleine Nachlese zum Wettbewerb und wieder mal ein bisschen Philosophie. Bis dahin alles Gute und schöne Ostern – Euer Tristan

Tricksi, die KFZ-Mechanikerin, Teil 2

Emma, wieder auf ihrem Stuhl hinter dem Empfang, tippt alles eifrig in den Computer. Ich ahne natürlich längst, welch prominente Persönlichkeit wir hier haben: Das „Monster aus der Gartenstraße“.
Durch Dornensträucher muss ich mich hier zwar nicht jagen lassen, begegne Tricksi aber dennoch vorsichtig. Andererseits – in meinem Wartezimmer bin natürlich ich der Chef, was ich ihr auch unmissverständlich klar mache, indem ich mich anschleiche und sie fixiere.
Tatsächlich wendet sie ihren Blick ab, beginnt sich zu putzen. „Sinnlos“, sage ich. „Das kriegst du so nicht ab.“ Sie ignoriert meinen Einwand, leckt beharrlich über den Ruß an ihren Vorderpfoten.

Mich plagt die Neugierde. „Sag mal – was hast du eigentlich gegen Hunde?“, frage ich Tricksi rundheraus.
Nur kurz unterbricht sie ihre Körperpflege, aber immerhin. „Ich hasse es, wenn sie die Reifen meiner Autos markieren.“
Ach so! Hätte ich darauf eigentlich nicht selbst kommen können, als Hund? „Okay…“, beginne ich überlegend, „wenn das alles ist… dem könnten wir ja abhelfen.“
Nun erlange ich doch noch ihre volle Aufmerksamkeit. „Tatsächlich?“ Ihr Blick ist kaum noch feindselig, dagegen voller Erstaunen. „Meinst du wirklich?“
„Klar“, versichere ich. Die meisten Hunde schlagen ja mittlerweile sowieso einen Bogen um die Gartenstraße. Letzteres muss ich Tricksi selbstverständlich nicht auf die Nase binden, sonst wird sie vielleicht völlig größenwahnsinnig und mutiert zur Löwin.
„Hm…“, überlegt mein Gegenüber. „Okay, so könnten wir ins Geschäft kommen.“

„Jetzt stellt sie ihre Ohren wieder auf!“, begeistert sich das Mädchen von vorhin. Stets erfreut über menschliche Aufmerksamkeit, wedle ich, wende mich aber sogleich wieder meiner Patientin zu, denn ich bin noch nicht mit ihr fertig. „Abgemacht Tricksi, aber nur unter einer Bedingung.“
„Und die wäre?“ Schon wieder legt sie die Ohren an, aber ich lasse mich nicht davon beeindrucken. „Du gehst jetzt in den Behandlungsraum und lässt dich impfen.“
Tricksi faucht. „Sag du mir nicht, was ich zu tun oder zu lassen habe! Nicht mal von anderen Katzen lass‘ ich mir das vorschreiben und von einem Hund schon gar nicht!“

Der alte Mann hat sich unterdessen auf einen frei gewordenen Stuhl gesetzt und schaut zu, wie ein Patient nach dem anderen im Behandlungsraum verschwindet. Wir können schließlich nicht wegen Tricksi den ganzen Betrieb anhalten. „O, oh“, seufzt er jetzt kopfschüttelnd. „Das wird doch nichts.“
Wie kann man nur so schnell aufgeben, ärgere ich mich, bevor mir einfällt, dass der Ärmste ja schon seit dem Morgengrauen in Sachen Tricksi unterwegs ist. „Na dann“, sage ich betont lässig zu ihr, „können wir den ganzen Handel sowieso vergessen. Du holst dir einen tüchtigen Katzenschnupfen, der deine Karriere als KFZ-Mechanikerin ganz schnell beendet.“
Entsetzt verstummt sie und steht auf. „Wenn es euch so viel Spaß macht, eine arme kleine Katze zu pieksen – bitteschön.“ Kapriziös schreitet Tricksi durch’s Wartezimmer und rümpft die Nase. „Mir stinkt’s hier sowieso zu sehr nach Hund.“

„Was ist eigentlich mit unserem Wettbewerb?“, wirft ein Spanielmix in die Runde, nachdem die Tür zum Behandlungsraum sich hinter Tricksi geschlossen hat.
„Was soll damit sein?“, frage ich zurück. „Am Samstag geht’s weiter.“

Genau, aber erst Samstag in einer Woche. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

Tricksi, die KFZ-Mechanikerin, Teil 1

Eigentlich hätten wir längst Mittagspause, aber das Wartezimmer ist noch voll. Gelangweilt, genervt, zitternd, schicksalsergeben oder beneidenswert gelassen – je nach Temperament -, verharren meine Patienten bei ihren Menschen.

Manche sind kaum wiederzuerkennen – Bruno und Zampano zum Beispiel, zwei Terrier, die sich sonst schier an die Gurgel springen, wenn sie sich begegnen. Jetzt sitzen sie still und scheinbar einträchtig beieinander, ja, haben sich noch nicht ein Mal angeknurrt – unfassbar!

Nur Silas‘ Magen, der beschwert sich vernehmlich, will sich nicht länger mit gelegentlich eingeworfenen Bonbons begnügen, sondern endlich richtig arbeiten! Doch wie soll das gehen, wenn der ganze übrige Teil meines Assistenten noch zu tun hat? Schließlich können wir unsere Kranken nicht unverrichteter Dinge rausschmeißen.
Zumindest Bruno wird allmählich doch nervös. Weil er nicht weiß, wie er damit umgehen soll, beginnt er, zittrig fiepend vor sich hin zu erzählen: „Feucht heute in der Parkstraße, sehr feucht, sehr sehr feucht, Spuren kaum noch lesbar, sonst nichts besonderes los, aber ales wirklich sehr sehr feucht.“
„Ach, halt doch die Schnauze“, murrt Zampano, hebt kurz den Kopf von den Vorderpfoten und döst dann weiter vor sich hin.
„Aber in der Parkstraße muss seit den frühen Morgenstunden ganz schön was los gewesen sein“, meldet sich eine Münsterländerin vom Sitzplatz gegenüber zu Wort.
„Lass mal dein Gehör untersuchen“, rät ein Scotchterrier. „Die Geräusche kamen eindeutig aus der Gartenstraße.“

Gartenstraße? Nun spitze auch ich meine Ohren. Der Scotch bemerkt es und wendet sich mir zu: „Ja, ich wohne dort, wo die Parkstraße in die Gartenstraße mündet und habe noch vor dem Morgengrauen gehört, dass da jemand rumschleicht, zwischen den Autos, die am Gehsteig parken. Hab’s meinem Menschen gesagt, aber…“ Er stockt und wirft einen Blick aufwärts zu einer müde aus ihrer Bluse blickenden Frau. „Sie wollte nichts davon wissen, hat weitergeschlafen, als gäb’s überhaupt nichts Gefährliches auf der Welt, typisch Mensch.“

Tja, darüber könnten wir Hunde nun ausgiebig philosophieren, denke ich bei mir, höre aber plötzlich, dass jemand vor der Praxistür steht und schaue hinaus. Es ist ein alter Mann mit einem großen Transportkorb, den er fest an sich klammert. Leider macht es mich nicht stutzig, dass das runde Gittertürchen mehrfach durch Schnüre gesichert ist.
Emma hat bereits vorsorglich abgeschlossen und verweist bedauernd auf ihre Armbanduhr. „Tut mir leid, heute Nachmittag wieder.“
Aber die Augen des Alten sind röter als die des rassetypischsten Bluthundes, und auch sonst bietet er ein einziges Bild des Jammers. Fragend blickt Emma zu Silas und mir. „Wau“, sage ich, „ist augenscheinlich ein Notfall, also lass ihn rein.“
Im nächsten Moment bereue ich meine Entscheidung auch schon. Notfall???!!! Kaum betritt der Alte unser Wartezimmer, da droht der Korb sich selbstständig zu machen. „Rache!“, faucht es so schauderhaft drohend aus ihm heraus, dass sämtliche meiner Patienten sich unter den Stühlen oder auf den Schößen ihrer Menschen verkriechen, sofern sie das können.
„Ich lass mich nicht einsperren! Racheee!“, dringt es markerschütternd laut und schrill aus dem Korb, steigert vermutlich die Zahl meiner hörgeschädigten Patienten.

Zwei Katzen verdrücken sich bis in die hintersten Ecken ihrer Transportboxen, und ein Meerschweinchen quiekt, als würde es abgeschlachtet werden. Emma will den Korb samt Inhalt übernehmen, zuckt aber reflexartig zurück. „Au!“
Tröstend lecke ich den Blutstropfen von ihrer Hand und fixiere scheinbar unzählige scharfer Krallen, die immer wieder blitzartig durch das Weidengeflecht hervor schießen.
Noch ehe der alte Mann den Mund öffnen und sich für das Verhalten seiner Schutzbefohlenen entschuldigen kann, überwindet Emma ihren Schock. Beherzt greift sie zu, stellt den Korb direkt neben dem nächstgelegenen Behandlungsraum auf den Boden und will die Personalien aufnehmen. „Tricksi, mit ck“, buchstabiert der Alte – eine gut begründete Schreibweise, wie sich gleich darauf heraus stellt.
Tricksis Pfote zwängt sich nämlich durch das Gittertürchen des Korbes und zieht, gewusst wie, an den Schnüren. Zack! Das Türchen springt auf, und ein graumeliertes Etwas mit giftgrünfunkelnden Augen schießt hinaus, in die Freiheit des Wartezimmers.

Hunde, die bereits auf den Schößen ihrer Menschen Zuflucht genommen haben, versuchen regelrecht, in sie hinein zu kriechen. Ein deutscher Schäferhund fühlt sich unter dem Stuhl nicht mehr sicher, will jetzt auch zum Schoßhund werden. „Aber Arco“, möchte sein Mensch ihn beschwichtigen. „Stell dich nicht so an. Das ist doch bloß ein kleines Kätzchen.“

Kätzchen???!!! Sicher, diese Furie, die da durch’s Wartezimmer schießt und dabei überall und nirgends zugleich ist, die riecht nach Katze – wenn man mal von diversen anderen Duftstoffen absieht, die ihr anhaften, wie zum Beispiel Motorenöl. Aber ist das – ja -, kann das denn wirklich eine Katze sein???
Emma, unsere liebe Emma, die stets an das Gute in allen Wesen glaubt, spricht beruhigend auf Tricksi ein, aber die kauert stur in einer Ecke, hinter unserem Drachenbaum, beäugt von meinen anderen Patienten und ihren Menschen. Die bringen ihr sichtlich gemischte Gefühle entgegen.
Misstrauen funkelt in Tricksis Augen, und fast unsichtbar eng liegen ihre Ohren am Kopf. „Nicht fixieren, am besten gar nicht beachten“, meint Silas mit ruhiger Stimme und wendet sich an Tricksis Personal: „Was fehlt ihr denn?“
„Nichts“, antwortet der Alte, als wundere er sich über diese Frage. „Sie braucht nur eine neue Impfung.“
„Ist das eine Russisch Blau?“, möchte ein Menschenmädchen wissen. Der alte Mann grinst. „Nein. Tricksi ist KFZ-Mechanikerin, und vor ihrer Lehre war sie eine original Wufzener Weiß.“

Wenn ihr wissen wollt, wie’s weiter geht, dann schaut in zwei Wochen wieder rein. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan