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Wie aus Mixen Pudel werden, Teil 2

Nachdenklich lasse ich Nase und Augen über die Warteschlange vor Silas und mir schweifen. Von überall her sind sie angereist, viele, viele Mixe – bunt, rund, von schlank bis windhundschlank, bullig, schrullig, wollig, mollig, rollig…
Rollig??? Eine Katze! Wieso hockt da eine Katze zwischen all den Hunden? Ich schaue zu Silas auf und belle Alarm, merke an seinem Gesicht wie auch an seinem Geruch, dass er genauso erstaunt darüber ist wie ich.
Doch Mieze, die Foxterrier-Labrador-Zwergpinscher-Hündin neben der Katze, meldet sich zu Wort: „Das ist Bella, mein Maskottchen. Ohne sie gehe ich nirgendwo hin.“
Ich bin gerade noch am Überlegen, ob wir das akzeptieren sollten, als ich plötzlich Zorro in der Menge erspähe – und neben ihm Klara, meine Klara. „Grrrrrrrrr!“
„Was hast du, Tristan?“
Oh, fast hätte ich vergessen, dass Silas neben mir steht. „Nichts“, fiepe ich und lecke mir beschwichtigend über die Nase.
Freilich könnte ich Zorro wegen seiner Durchfallneigung vom Wettbewerb ausschließen lassen, aber wäre das wirklich sinnvoll? Dann verbringt er womöglich sein ganzes weiteres Leben im festen Glauben, er hätte den ersten Platz belegt und benimmt sich entsprechend. Kann ich das verantworten, als Arzt?
„Wann geht’s denn endlich los?“, kläfft ungeduldig eine Beagle-Spitzin. „Nur zum Rumstehen bin ich nicht gekommen.“
Hat die ein Glück, dass sie ein Mädchen ist! Sonst würde ich sie gehörig in die Schranken weisen und ihr gleich einen Punkt abziehen, wegen schlechten Benehmens. Charakterstärke spielt bei diesem Wettbewerb nämlich auch eine Rolle, sagt Silas.
Aber eigentlich hat die Beagle-Spitzin ja Recht. Wir sollten wirklich anfangen, denn – auch wenn die Menschen das schöne Sommerwetter nun schon mehrfach loben -, ich und andere Vertreter meiner Spezies, wir trauen ihm ganz und gar nicht.
Außerdem vernehme ich inzwischen vereinzelt weitere Äußerungen unzufriedener Artgenossen, denen’s scheinbar langweilig wird. Wo und bei wem sollte man also mit dem Punkteabzug beginnen?
Als erste darf Fantasy den Laufsteg betreten. Whow, wie die mit ihren Hüften schlenkert, haut mich ja fast um! Oder hat sie etwa eine beginnende Dysplasie?
Der Mensch an ihrer Seite, ein junger Mann, trägt ein T-Shirt mit Pfötchendesign, farblich passend zu Fantasy’s graubraunem Fell, dem man sofort ansieht, dass sie noch nie in der Wufzener Gartenstraße war. An den Spitzen schimmert es leicht silbrig.
Auch sonst scheint das Hund/Mensch-Team gut miteinander zu harmonieren, präsentiert sich im Gleichschritt und hält Blickkontakt.
Fantasy mache ihrem Namen alle Ehre, höre ich jemanden sagen. Man brauche wirklich Fantasie, um sich vorzustellen, welche Rassen sie in sich vereine.
Mir ist das zwar wurscht, aber diese Dame ist tatsächlich eine Wucht! Ob ich wohl bei ihr landen könnte?

Ein wildes Etwas, das bloß aus ausgebürstetem Fell zu bestehen scheint, stürmt plötzlich den Laufsteg und wuselt zwischen Hundepfoten und Menschenfüßen umher. Die Leute lachen, warum nur? Ich finde das gar nicht lustig und protestiere lauthals. Fantasy und ihr Mensch zeigen ebenfalls wenig Begeisterung über die Störung. Sichtlich brüskiert, ziehen sie sich an den Rand des Laufstegs zurück.
„Oh tut mir leid, Entschuldigung, Entschuldigung!“, ruft eine Frau und versucht mit wachsender Verzweiflung, das offenbar entflohene Fellbüschel zu erhaschen. „Keks, komm sofort her – hierher Keks, hörst du nicht?!“
Wieder so ein Beispiel überbordender menschlicher Intelligenz, denke ich. Selbst die miserabelsten Hundeohren könnten dieses Geschrei unmöglich überhören.
Gleich wird mir klar, warum Keks abgehauen ist. Ein Rüde mit deutlichem Jack-Russel-Einschlag hopst jetzt ebenfalls auf den Laufsteg und versucht, ihn dorthin zu zwicken, wo vermutlich seine Pfötchen sind.
Mir reicht’s. Ich kann das nicht länger mitansehen. Entschieden fahre ich zwischen die vermeintlichen Kontrahenten und fixiere sie. Wie plötzlich ausgestopft, halten sie auf der Stelle inne und gehorchen meinem Border Collie-Blick.
„Guck mal, ist das Absicht?“, höre ich ein Kind fragen und gleich darauf eine andere Stimme: „Der Neue da ist aber kein Mischling.“
Indessen wird Keks von seiner Menschenfrau auf den Arm genommen und scheint dabei in Sekundenschnelle zu wachsen. „Ich mach‘ euch alle, mach euch alle alle!“, kläfft er in den höchsten Tönchen hinunter.
Der Jack-Russel-Mix entflieht doch tatsächlich meinem Bannblick und zwickt Keks‘ Mensch in die Fersen. Wie eine hufkranke Ziege, hüpft die Frau über den Laufsteg.
„Hi, hi, hi“, kichert ein kleines Mädchen und ermutigt dadurch andere Kinder zum Mitlachen, endlich auch Erwachsene. Schallendes Gelächter umgibt uns.

Dann ertönt – von unseren Menschen völlig unerwartet -, ein Donnerschlag. Alle verstummen – alle Menschen, meine ich, wenn man mal von den Geräuschen absieht, die „Frau Ziege“ beim Herumhüpfen mit ihren Stöckelschuhen produziert. Keks und der Jack-Russel-Mix kläffen munter weiter, ersterer von oben runter, letzterer von unten rauf.
Andere Hunde melden sich zu Wort. „Kann mir mal einer erklären, warum die sich so aufführen?“, fragt Bombastica in die Runde.
„Ich hab’s zufällig mitbekommen“, heult ein superlanger Dackelmix auf Windhundstelzen. „Der Jacky will wissen, ob Keks wie ein Keks schmeckt.“

„Ich zerbeiß‘ dir den Magen, wenn du es wagst, mich zu fressen“, droht Keks aus dem Klammergriff seines Menschen heraus und übertönt damit fast den zweiten Donnerschlag. Vielstimmiges Gemurmel durchläuft die Menge der Zweibeiner.
Nach mehreren vergeblichen Versuchen, sich Gehör zu verschaffen, schreit die Moderatorin: „Der Wettbewerb muss für heute beendet werden, wegen Unwetter!“
Diese Erklärung hätte sie sich getrost sparen können, denn sie versinkt im Gewitter. Alles strebt auseinander, Autos oder anderen regensicheren Unterständen zu. Hunde suchen ihre Menschen und umgekehrt. Tausend gerufene Namen durchdringen gedämpft das Brausen des Regens – „Bello! Rika! Lex!“ Und und und…

Die armen Zweibeiner, muss ich wieder mal denken. Wie nötig sie doch unseren Beistand brauchen, sobald die Natur auch nur ein Machtwort spricht.
Es herrscht das schönste Chaos, und ich sehe ein, dass hier selbst meine hüterischen Qualitäten an ihre Grenzen geraten.
Doch unterwegs mit Silas zu unserem Auto, höre ich zu meinem größten Erstaunen tatsächlich einen verwegenen Menschen lachend ausrufen: „Jetzt haben wir keine Mixe mehr, sondern lauter begossene Pudel!“

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde – endlich möchte ich mich mal ganz herzlich bei euch bedanken, für eure Aufmerksamkeit und die vielen netten sowie interessanten Kommentare!
Leider fehlt mir die Zeit, sie alle persönlich zu beantworten, weil ich ja weiterhin fleißig Geschichten schreiben und euch damit erfreuen möchte.
Übrigens: Wenn ich es richtig verstanden habe, dann wollen einige wissen, ob ich den Blog selbst gestaltet habe. Nun, die Geschichten sind natürlich mein geistiges Eigentum und das Foto ist auch von mir.
Ob und wenn ja, wo es in London Kurse für kreatives Schreiben gibt, kann ich allerdings nicht sagen, weil ich ja in Deutschland lebe.
So, jetzt wünsche ich euch zwei schöne Wochen! Nächstes Mal erzähle ich euch was vom „Monster aus der Gartenstraße“. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

Wie aus Mixen Pudel werden, Teil 1

„Hör mal, Tristan!“ Silas blickt mich über den Rand seiner Zeitung hinweg an und liest vor: „Hund jagt Jaguar“.
Kritisch beschnuppere ich die Druckerschwärze und muss niesen. Wenn wir Vierbeiner solche unsinnigen Nachrichten in unserem Urin hinterlassen würden… Django ärgert sich bestimmt, dass er nicht namentlich erwähnt wird. Hund – damit könnte schließlich jeder gemeint sein, sogar Zorro.
Apropos Zorro – über diesen Mischlingswettbewerb weiß ich noch immer zu wenig. Ungeduldig schlage ich mit einer Pfote auf die blöde Zeitung. „Wuff! Lass uns endlich raus gehen!“
„Hey, was fällt dir ein?“, erbost sich mein Assistent, legt das Papier aber zusammen und steht auf.
Na also.

Leider muss ich bald erkennen, dass der heutige Tag zu jenen gehört, an denen sogar Hund besser im Bett, beziehungsweise Korb, geblieben wäre. Nicht etwa, weil wir unterwegs Bulldoggen-Sheltie Bombastica treffen und erfahren, dass sie die Vorauswahl für den Wettbewerb bestanden hat. Darüber freue ich mich natürlich, vor allem, weil Silas und ich keinen geringen Anteil daran haben. Positiv ins Gewicht fiel nämlich, außer Bombasticas guter Figur, ihre schicke Sommerfrisur.
Was mich hingegen fürchterlich wurmt – trotz regelmäßiger Wurmkuren -, ist folgendes: Zorro hat’s auch geschafft. Wie konnte er nur?! Hat der Kerl ein Glück, dass er mir jetzt nicht begegnet! Ich bezweifle nämlich wirklich, ob ich’s mir verkneifen könnte, ihn tüchtig zu zwicken, obwohl mir das als Arzt nicht zusteht – eigentlich.
Seufz – so hat eben jeder Beruf seine Schattenseiten -, wobei ich mich gern im Schatten aufhalte, vorzugsweise im Hochsommer, bei dreißig Grad. So heiß wird’s heute wohl erst am Nachmittag, aber kochen tu‘ ich jetzt schon, vor Wut!

Heute Vormittag kommt Django und lässt seine ramponierte Schnauze nachbehandeln. Diese Blechkatze hat ihn doch ganz ordentlich in die Lefzen geschnitten. Daraus würden ja Ehrenmale, meint er, aber: „Nicht zu fassen, Doc – dieses Mistvieh thront schon wieder auf der Motorhaube, als wäre überhaupt nichts geschehen.“
Während er das sagt, kommt er so richtig in Rage. Sein Mensch, Silas und auch Emma beziehen es auf sich. „Ist doch schon gut, wir wollen dir doch nur helfen“, säuseln sie im Chor.
Ich dagegen schaue meinen Patienten streng an. „Beherrsch dich, Kumpel! Sonst streifen wir dir eine Maulschlaufe über.“
Zum Glück wirkt meine Drohung, denn ob ich sie diesmal wahr machen könnte, ist fraglich. Wie sollten wir sein Maul mit Maulschlaufe behandeln?

So weit denkt Django nicht mit, ist zu erregt oder halt doch nicht der Hellste. Zorro dagegen… In der Mittagspause treffe ich ihn an Klaras Seite im Wald. Meine Klara! Aber – ist sie das überhaupt noch? Er darf sie überall beriechen, ich nicht! Grrrrrrrr, ich könnte…
Nein Tristan, sage ich mir, halte dich zurück, deine Zeit wird noch kommen.

„Was ist, warum spielst du nicht mit den anderen?“, fragen unsere Menschen, weil ich mich nur bei ihnen aufhalte. Lauthals klage ich mein Leid, aber sie verstehen mich wieder mal nicht.
Na, wenigstens kassiere ich viele Streicheleinheiten, vor allem von Klaras Herrn Rieger. Großzügig teilt sie ihn mit Zorro. Dessen Herr Dörrle kann nämlich noch nicht mit, muss sein frisch verheiltes Bein schonen.

Irre ich mich, oder glotzt dieser „Viertelsdackel“ nicht ein bisschen neidisch zu uns rüber? Der soll bloß kommen, dann zwicke ich ihn, hypokratischer Eid hin oder her!
Aber – nach all dem, was ich jetzt durch die menschlichen Gespräche erfahre, ist er schon ein gerissener Kerl. Das muss ich ihm lassen. Jedenfalls sieht es ganz danach aus, als habe er cool vorausgeplant und sich bewusst diesen inkonsequenten Herrn Dörrle ausgesucht. Denn wäre Dörrle konsequenter gewesen, hätte er Zorro nicht zu früh ein Leckerchen gegeben. Folglich hätte Zorro keinen Durchfall bekommen und nachts nicht raus gemusst. Dörrle wäre also nicht im Dunkeln gestürzt und hätte sich kein Bein gebrochen, wäre nicht ins Krankenhaus gebracht worden, hätte dort keinen Herrn Wanner getroffen und sich von dem nichts über den Wettbewerb „Wer ist der originellste Mix?“ erzählen lassen. Zorro wäre also nie in die Vorauswahl gekommen und hätte jetzt nicht die geringste Chance, den ersten Platz zu belegen.
Und nicht genug, dass schon allein durch Dörrles Unfall meine Klara nun mit Zorro zusammen lebt – nein, durch seinen Sieg würde er obendrein völlig überflüssigerweise noch mehr in ihrer Achtung steigen – himmelhoch!
Wau! Wenn du tatsächlich ganz von Anfang an so strategisch vorgegangen sein solltest, Zorro, dann bist du wahrhaftig ein Genie. Leine ab!!!
Doch zunächst heißt es zumindest für Klara und Zorro: Leine ran, denn wir betreten eine stark befahrene Straße. Meinen Silas kann ich auch hier getrost frei laufen lassen.

Ha, wenn ich schon nicht selbst an diesem Wettbewerb teilnehmen kann, so habe ich wenigstens eine gewisse Kontrolle darüber. Denn was glaubt ihr, wer dabei als amtlicher Arzt mitwirkt? Richtig, ich!

Am nächsten Samstag ist es soweit. Alle Teilnehmer treffen sich auf der Streuobstwiese am Ortsrand von Wufze. Wäre da nicht der vertraute Duft – vor Tagen oder erst gestern hinterlassen von meinen Freunden und Patienten -, ich könnte glatt glauben, ich wäre in Hundiwood.
Sogar ein Fernsehteam samt zugehöriger Apparaturen tummelt sich zwischen Tribüne, Laufsteg und Siegerpodest. In meinen schlimmsten Visionen sehe ich Zorro darauf stehen.
Hm… ob er überhaupt schon wieder gesund genug ist, um teilnehmen zu können… Ist schließlich aufregend und anstrengend, so ein Wettbewerb, und Zorro kriegt doch so schnell Durchfall.

Darüber muss ich ausgiebig nachdenken. Bis in zwei Wochen also und macht’s gut – euer Tristan

Django im Straßendschungel, Teil 2

Tags darauf, beim Spaziergang in der Mittagspause, berichtet er mir stolz von seinen ersten Ermittlungserfolgen: „Es ist ein Auto, lauert in geduckter Haltung am Straßenrand auf Beute.“
„Ein Auto??? Django, nein, unmöglich. Du musst doch wissen, dass Autos…“ Ich stocke, als ich sehe, wie sein Nackenfell sich sträubt, will lieber nicht an seinem Ehrgefühl kratzen. Aber eigentlich müsste er in seinem Alter wirklich längst wissen, dass Autos nicht eigenständig handeln können.
„Das ist ein ganz außergewöhnliches Auto“, belehrt er mich. „Eine winzige Katze ist vorne drauf. Die hat ein Fell, ich sage dir, wenn du da drauf guckst, kannst du völlig irre werden, siehst Hunde und und und…“
Während er so berichtet, legt sich seine Bürste wieder. Erleichtert darüber, hüte ich mich, ihn zu unterbrechen. „Behandle du deine Patienten, Doc“, meint er abschließend, „und überlass‘ mir das Monster, okay?“
Ergeben stimme ich zu. Was bleibt mir schon anderes übrig?

Den ganzen Nachmittag über verfolgt mich auf Schritt und Tritt ein ungutes Gefühl. Ich übertrage Silas, was ich nicht unbedingt selbst erledigen muss und grüble herum.
Menschen lassen Autos handeln. Wenn also tatsächlich ein Auto am Straßenrand arglos vorbei kommenden Hunden auflauern und sie durch Dornenbüsche jagen sollte, so müsste dabei ein Mensch hinter’m Steuer sitzen.

Mein ungutes Gefühl lässt mir noch immer keine Ruhe, als wir nach Feierabend die Praxis verlassen. Silas bemerkt es und fragt, was denn los sei. „Django ist los“, antworte ich, aber mein Assistent versteht mich leider nicht.
Für Erklärungsversuche bleibt keine Zeit, denn meine Ohren melden plötzlich Alarmstufe rot aus der Gartenstraße. Ich sprinte los.
Noch ehe meine Augen einschätzen können, was geschehen ist, rieche ich Djangos Blut, aber wo steckt er?
Schon von weitem leuchten mir die Scheinwerfer eines Autos entgegen. Quer steht es auf der schmalen Straße, mit einer Delle in der Motorhaube. Das muss Djangos Verdachtsobjekt sein, denn tatsächlich wirkt es irgendwie so, als setze es eben zum Sprung an.
Neben der offenen Fahrertür steht ein Mitdreißiger im noblen Anzug und fuchtelt wütend herum. „Verdammte Töle!“, schreit er, immer und immer wieder. „Du verdammte Töle!“

Keine Ahnung, wen er meint – mich oder Django, der jetzt unter einem anderen Auto am Straßenrand hervor kriecht. Ebenfalls verbeult, aber voller Siegerstolz, präsentiert er mir einen länglichen, silberfarbenen Gegenstand. „Schau Tristan, das ist sie, die komische Katze!“

Als er Djangos Mensch und Silas kommen sieht, geht das Geschrei des Mitdreißigers in ein derart wehleidiges Gezeter über, dass man glauben könnte, er sei verletzt. „Mein Jaguar, mein schöner Jaguar. Sehen Sie ihn sich nur an!“
Silas denkt nicht daran, sondern kniet sich zu Django hinab und begutachtet behutsam dessen verbeulten Kopf sowie Risse in den Lefzen. „Junge, Junge, wie bist du bloß auf diese dumme Idee gekommen?“, fragt er ihn kopfschüttelnd.

Unterdessen wird Djangos Mensch immer wieder vom Autobesitzer angebrüllt: „Mein schöner Jaguar, sehen Sie nur, mein schöner, armer Jaguar!“

Eingehend visiere ich den Schreihals, kann mir kaum vorstellen, dass der, hinter’m Steuer seiner Blechkiste hockend, Hunde jagt und dabei auch nur ein Kratzerchen am Lack riskiert.
Und überhaupt – warum nennt er das Ding andauernd Jaguar? Tatsächlich weiß ich, was das ist, weil wir mal einem aus dem Zoo einen vereiterten Zahn ziehen mussten.
Menschen – sie sind halt wirklich voller Rätsel.

In zwei Wochen geht’s auf den Laufsteg! Macht’s bis dahin gut – euer Tristan

Django im Straßendschungel, Teil 1

Kennt ihr das auch, dass euch der Tag schon am frühen Morgen so richtig gründlich verdorben wird, noch vor dem Frühstück, so dass ihr gar keine Lust mehr darauf habt?
Na, dann kann’s mir wenigstens nicht gleich wieder hochkommen, denkt der Optimist. Von wegen, mir ist bereits dermaßen übel, dass ich kotzen könnte, noch ehe ich gefrühstückt hab – mault der Pessimist.

Erzählt mir doch Labrador Sammy zwischen zwei Ballwürfen auf der Wiese, Zorro wolle jetzt noch viel höher hinaus.
„Was!“, belle ich und lasse meinen Ball fallen. „Klettert der etwa wieder auf Bäume?“ Und – noch schlimmer -, denke ich bei mir, verleitet er womöglich meine Klara dazu?
„Nein“, antwortet Sammy und schnappt mir doch glatt meinen Ball weg. „Er will zum originellsten Mischling Deutschlands gekrönt werden.“
Zum Größenwahnsinn, denke ich und frage, wer denn wo solche Krönungen vornimmt. Sammy schweigt, muss aufpassen, dass sein Mensch ihm nicht davon läuft und rennt ihm nach. Aber ohne meinen Ball in der Schnauze! „Halt!“, protestiere ich und sprinte hinterher.
„Tristan!“, schreit Silas mir nach.
Zur Katze! Ich kann doch nicht an zwei Orten zugleich sein. Das bringt nicht mal ein Tausendsassa wie ich fertig. Andererseits fühle ich mich geschmeichelt, bin eben ein gefragter Typ.
Sammy lässt sich von seinem Menschen die Beifahrertür aufhalten, springt ins Auto und spuckt den Ball vor meine Pfoten. „Da, den mag ich sowieso nicht“, meint er.
„Neidhammel“, kontere ich und will wieder auf Zorro zu sprechen kommen, aber Sammys Mensch hat inzwischen den Motor angelassen. Fürchterlich, diese Automotoren! Hund versteht sein eigenes Gebell nicht mehr.
Ich bezähme meine Neugierde und kehre zu Silas zurück. Vielleicht weiß ja einer meiner Patienten was von diesem ominösen Wettbewerb.

Kurz vor der Mittagspause erfahre ich endlich mehr. „Mein schönes Fell, total zerzaust!“, schimpft Bulldoggen-Sheltie Bombastica. „So erklimme ich nie die oberste Stufe des Siegertreppchens.“ Tatsächlich strotzt ihr wallendes Seidenhaar, ein Erbe ihrer Sheltiemutter, nur so vor Dornen. „Ach was“, versuche ich sie zu trösten, während der Scherkopf in Silas‘ Hand zu schnurren beginnt. „Wirst sehen, im modischen Sommerlook bist du der letzte Schrei.“
„Iiiiiiiiiiiii“, fiept Bombastica in den höchsten Tönen und kneift die Augen zu. Sogar eine Intimrasur bleibt der Ärmsten nicht erspart. Ob sie in ihrem neuen Outfit tatsächlich Chancen haben wird… Dabei würde ich ihr den ersten Preis ja sooo gönnen, aber… Na ja, vielleicht besteht noch Hoffnung. Bei diesem Wettbewerb wird ja nicht der schönste, sondern der originellste Mix gekürt.
So meint jedenfalls Silas zu Laras Mensch, einer älteren Dame in Mahagonirot.
Bombastica, ihrer Haarpracht beraubt, kann das nicht trösten. „Daran ist nur dieses Monster schuld“, knurrt sie und wirkt mit ihren jetzt sichtbar überstehenden Reißzähnen auf geradezu liebenswürdige Weise bedrohlich.
Monster??? Ich überlege. Dann fällt es mir wieder ein – die Überfallserie in der Gartenstraße! Noch immer ist ja rätselhaft, wer meine armen Artgenossen seit Wochen durchs Dornengestrüpp scheucht. Höchste Zeit, einen Detektiv auf den Übeltäter anzusetzen, beschließe ich.

Django, den ich am Nachmittag unterwegs zum Wald treffe, erscheint mir dafür geeignet, nicht zuletzt deshalb, weil er seinen Menschen oft in der Gartenstraße spazieren führt.
Django ist ein Boxer und der neugierigste Kerl, den ich kenne. Draufgängerisch von der Nasen- bis zur Schwanzspitze, geht er allem auf den Grund. Manchmal versenkt er sein Riechorgan so tief ins Gras, dass ich fürchte, er schnüffele sich bis nach Australien durch.
Wie sich später noch herausstellen wird, unterschätze ich allerdings seine Hitzköpfigkeit. Mit seinen eineinhalb Jahren ist er halt noch nicht richtig erwachsen und neigt zu überstürztem Vorgehen.
Doch momentan – und wir Hunde leben nun mal in der Gegenwart -, sehe ich in ihm einen zumindest ebenbürtigen Gegner des geheimnisvollen Hundehassers. Mit seinen stattlichen sechzig Zentimetern Schulterhöhe und den Muskeln, die er gern unter seinem Kurzhaarfell spielen lässt, wird Django nicht vor ihm kuschen – denke ich.
Er nimmt auch sofort den Auftrag an. „Klar Doc!“ Jagdeifrig peitscht sein Säbelschwanz durch die Luft, dass es nur so zischt. „Dem werd ich’s zeigen!“
„Aber sei vorsichtig“, warne ich. „Kürzlich soll dieses Monster einem Berner Sennenhund auf den Rücken gesprungen sein und ihn nicht mehr losgelassen haben. In seiner Panik schwamm der Berner durch den halben Baggersee und wäre vor Erschöpfung ertrunken, wenn ein Junge ihn nicht in sein Schlauchboot gezogen hätte. Das Biest war inzwischen abgesprungen, wollte vielleicht nicht nass werden.“
„Phhh!“, schnaubt Django. „So was soll es bei mir bloß mal wagen!“
Ich höre nur halb hin, denn während ich so erzähle, fällt mir etwas auf. Ist besagtes Monster etwa wasserscheu? Wahrscheinlich begegnet man ihm besser mit Schläue, als mit Muskelkraft, aber zu spät… Nun habe ich Django schon scharf gemacht.

Ist Django erfolgreich? In zwei Wochen erfahrt ihr mehr. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

Kleiner Leitfaden: Menschen artgerecht erziehen!

Unsere Menschen müssen wir ein Leben lang erziehen! Das gilt nicht nur für Hunde, sondern auch für alle anderen Menschenbesitzer.
Natürlich verfügen wir Hunde darin über die längste Erfahrung, weil schon unsere wölfischen Vorfahren sich Menschen hielten. Wer diese Tradition ursprünglich eingeführt hat und warum, das ist ja immer noch umstritten.

Ich persönlich glaube, es müssen besonders mitfühlende Wölfe gewesen sein, die nicht mehr mitansehen konnten, wie hilflos diese neuartigen Wesen waren, die da von den Bäumen stiegen. Nicht mal ein eigenes wärmendes Fell konnten sie sich wachsen lassen! Das gelingt ihnen ja bekanntlich bis heute nicht.
Sagt selbst, liebe Mithunde, mussten unsere Vorfahren da nicht unbedingt eingreifen und ihnen bei der Jagd helfen, damit sie endlich etwas Vernünftiges bekamen – sowohl auf die Knochen als auch auf die bibbernde Haut?

Und wie, so frage ich euch, hätten sie sich gegen Angriffe wehren sollen? Andere Tiere, wie beispielsweise Hunde, können in bedrohlichen Situationen eine beeindruckende Bürste aufstellen und prächtige Reißzähne präsentieren.
Gegen Kälte sind sogar fliegende Zweibeiner besser ausgestattet als Menschen. Sie plustern sich einfach auf. Unseren Menschen sträuben sich höchstens die paar lächerlichen Härchen auf Armen und Beinen, so dass sie aussehen wie gerupfte Gänse.
Nebenbei bemerkt: Seltsam, dass die sich nicht über sie totlachen, wo sie doch mitunter ziemlich frech sein können.
Doch zum Glück gibt’s ja uns, insbesondere uns Hütehunde. Nicht nur wandelnden Wollpullis zeigen wir, wo’s lang geht und machen sie gefügig. Wir kümmern uns auch hervorragend ums Geflügel – ob auf der Wiese oder im Fressnapf, wau wau!

Halten wir mal fest: Ohne uns Hunde wären Menschen nur in einer Hinsicht vollkommen, nämlich vollkommen aufgeschmissen!
Allerdings neigen sie immer wieder dazu, das zu vergessen, obwohl ihr Gehirn – zugegebenermaßen – leidlich gut entwickelt ist.
Also muss man es ihnen rechtzeitig in Erinnerung rufen. Wichtig dabei: erste Anzeichen erkennen und sofort konsequent gegensteuern! Dabei kommt es auf das richtige Timing an. Wirklich, das dürfen wir niemals unterschätzen!

Eine konsequente Grunderziehung bildet natürlich die Basis für ein gutes Zusammenleben, aber sogar unterwürfige Menschen wollen sich in mehr oder weniger großen Abständen profilieren. Ich spreche da nicht nur aus eigener Erfahrung.
Typische Klagen meiner Patienten lauten beispielsweise: „Jetzt liege ich schon seit Wochen nach jedem Spaziergang gemütlich auf meinem Sofa, völlig unbehelligt. Da versucht er plötzlich wieder, mich runter zu schmeißen!“
Manchmal – und das nimmt leider bedenklich zu -, werden Menschen auch erst von Artgenossen auf dumme Ideen gebracht.
Berichtet mir doch kürzlich ein Patient fassungslos: „Stell dir nur vor, Tristan, neuerdings kommt jeden Dienstag so ein Typ, nennt sich ‚Hundepsychologe‘ und redet meinem Menschen ein, ich hätte in ’seinem‘ Bett nichts zu suchen. Was sagst du dazu???“
Tja, was soll ich dazu schon sagen? „Freilich hast du dort nichts zu suchen. Betten sind schließlich zum Schlafen da.“
Wie können Menschen nur so dumm sein???

In einem verblüffend ähnlich gelagerten Fall behauptet ein Typ gegenüber dem Menschen einer Patientin, sie hätte im Bett nichts verloren.
Also noch verrückter geht’s ja nun wirklich nicht, oder?!
Ich frage euch: Wie kann man im Bett überhaupt etwas verlieren? Zumal besagte Patientin kein bisschen zerstreut ist und immer sehr auf Kauknochen und dergleichen achtet.

Tage später stellt sich durch einen Zufall übrigens heraus, dass es sich bei beiden Typen um ein und denselben handelt.
Also der gehört ja nun wirklich auf die Couch!!!

In zwei Wochen kommen wir dem „Monster aus der Gartenstraße“ auf die Spur. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

Isabel sucht ihre Manna, Teil 2

Wie viele ihrer Artgenossen, schließt diese junge Frau von sich auf andere Spezies, eine typisch menschliche Schwäche. Vermutlich ist ihnen ihr jämmerlicher Orientierungssinn, der diese Bezeichnung ja kaum verdient, völlig unbewusst.
Aber mein Silas kennt sich aus, wie ich gleich darauf vernehme. „Sechs Wochen! – mehr als genug Zeit für einen Hund, um sich einen Weg einzuprägen“, lächelt er.

Erneut fällt mir auf, wie lange sein Blick auf Isabel ruht. Diesmal scheint aber auch Emma es zu bemerken. „Ja, am besten gehen Sie gleich nach Hause. Bestimmt sitzt Manna längst vor ihrer Tür und wartet auf Sie.“
Aha, kombiniere ich. Natürlich ist das ein sinnvoller Rat – und obendrein aufschlussreich. Offensichtlich will Emma diese Isabel nun los werden.
Das lässt mich doch tief in ihre Seele blicken – mindestens so tief, wie Silas gerade auf Isabels Dekolleté blickt und dabei augenscheinlich denkt: „tres belle!“ So würde ich es jedenfalls formulieren, als gebürtiger Franzose.
Aber eins ist sicher: Die arme Isabel kriegt von alldem nichts mit, denkt gerade nur an Manna. „Oh, Sie könnten natürlich recht haben“, stößt sie schuldbewusst hervor, verabschiedet sich und eilt davon.

Emma könnte nicht nur, sie hat recht – und sieht Isabel gleich tags darauf wieder in der Praxis. Auf der Suche nach ihr ist Manna nämlich in eine Glasscherbe getreten.
„Eigentlich passe ich besser auf“, erzählt mir die reizende Malteserhündin schon im Wartezimmer. „Aber gestern nicht. Weißt du, Tristan, ich hatte doch solche Angst um Isabel! Sie ist sooo ein lieber Mensch und mir bis gestern noch nie davon gelaufen, seitdem ich sie besitze.“
Irgendwie, denke ich, haben sich da wirklich zwei gesucht und gefunden. Sie mache sich ja solche Vorwürfe, beteuert Manna. „Was hätte meiner Isabel nicht alles passieren können! Aber sag selbst, wie sollte ich annehmen, dass sie fortlaufen würde, wo sie sich doch gerade so gut mit einer Freundin unterhielt?“
Ich fiepe. „Menschen sind und bleiben halt unberechenbar.“ Dann frage ich sie nach dem Mann im langen Mantel, diesem Priester.
„Das war es ja, wonach ich unbedingt sehen musste“, fällt sie mir fast ins Wort. „Da tauchte plötzlich was zwischen den Bäumen auf, so etwas Dunkles, Langes, Wallendes. Ich glaubte, da wäre einer von seiner Sorte, rannte hin und…“
„Was sind das denn für komische Menschen?“, unterbreche ich sie. „Tragen die wirklich immer lange, schwarze Mäntel?“
„Meistens“, bestätigt Manna. „Außerdem leben sie allein, ich meine, nicht mit Frauen zusammen.“
„Ach so.“ Allmählich wird mir klar, warum sie nicht mehr bei ihm ist.
„Aber stell dir vor“, fährt die Malteserin fort. „Das, was ich gesehen habe, dieses Dunkle, Wallende, du weißt schon… Das war gar kein Priester, nur eine dieser Decken, auf die sich die Menschen am Baggersee so gerne legen. War wohl ein bisschen Sand drauf gekommen. Deshalb haben sie sie ausgeschüttelt. Ich bin natürlich sofort zurück, aber zu spät – meine Isabel war schon abgehauen.“

Ich überlege, komme zu dem Schluss, dass Manna ihr einfach viel zu früh viel zu viel abverlangt hat und will ihr das gerade sagen, als sich eine Terrierdame in vornehmem Westhighland-Weiß plötzlich in unser Gespräch mischt und mir das Wort abschneidet. „Oh!“, stößt sie hervor, „jetzt weiß ich, von welchem Priester ihr die ganze Zeit redet. Der wohnt in meiner Nachbarschaft und wacht seit Wochen immer mit einem Kater auf. Wirklich unerträglich, dieser ständige Katerjammer!“

„So, der darf jetzt erst mal seinen Rausch ausschlafen“, unterbricht nun Emma die Terrierdame und trägt einen Patienten aus dem Operationsraum, den Kater von gestern. Ahnungslos schlummert er in seiner Box.
Die Westhighlanderin schnuppert, wirft einen Blick durch das Gittertürchen und atmet hoffnungsvoll auf. „Oh, ich glaube, mein Martyrium hat ein Ende.“

Allmählich beginne ich zu begreifen. Das muss der Kater des Priesters sein! Ich bin bloß deshalb nicht früher darauf gekommen, weil er mit einer Frau hier ist.
Auch Manna beäugt ihn – ein bisschen eifersüchtig, wie mir scheint. Schließlich hat er ihren Platz eingenommen.
„Der ist jetzt um mindestens fünfzig Gramm erleichtert“, scherzt Emma.

Unangenehm berührt wende ich mich ab, kann derartige Frauenwitze partout nicht ausstehen, selbst dann nicht, wenn es um Katzen geht.
„Na ja“, seufzt Manna. „Wahrscheinlich passt der Kater doch besser zu meinem Priester, wenigstens äußerlich.“
Das weckt nun doch meine Neugierde. Ich schaue in die Box und lasse meinen Blick über das tiefschwarz wallende Haarkleid schweifen.

In zwei Wochen erteile ich euch ein paar Erziehungstipps für eure Zweibeiner. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

Isabel sucht ihre Manna, Teil 1

Ich muss jetzt unbedingt mal an das Verantwortungsbewusstsein unseren Menschen gegenüber appellieren. Und um gerecht zu sein: Nicht nur Deutsch Drahthaar und Co. lassen ihren Zweibeiner nicht selten einfach irgendwo stehen, weil ihnen plötzlich einfällt, dass – was auch immer -, gerade jetzt erledigt werden muss.
Selbstverständlich können überraschend vorbeiziehende Gerüche schnelles Handeln erfordern. Unsere Menschen mit ihrem – sogar bei stattlichstem Riechorgan -, kümmerlich entwickelten Geruchssinn kriegen davon natürlich nichts mit.
Umso wichtiger ist es, ihnen frühzeitig beizubringen, dass sie in jedem Fall an Ort und Stelle auf uns zu warten haben, auch wenn sie nicht begreifen, warum wir plötzlich weg müssen.

Am besten bringt man ihnen das schrittweise bei, etwa, indem man zunächst immer mal wieder nur ein paar Schritte in den Wald hinein läuft. Es beruhigt sie sichtlich, wenn sie sehen, dass wir zurückkommen und macht sie glücklich. Und – welcher Hund möchte seinen Menschen nicht glücklich machen? Ja, vor lauter Glück über unsere Rückkehr loben sie uns. Oft gibt’s sogar ein Leckerchen!
Nach und nach kann diese Übung dann ausgeweitet werden, bis der Mensch gelernt hat, auf seinen Hund zu warten.
Für den folgenden Fall kommt meine Appellation leider zu spät. Doch halt, ich greife vor.

Bei hochsommerlichen Temperaturen lassen wir die Eingangstür zur Praxis für gewöhnlich offen stehen. Dadurch dringt jedoch allerhand Straßenlärm herein.
Ganz nebenbei: Vielleicht sollte man Schilder für störende Straßengeräusche erfinden, etwa mit der Aufschrift „Wir müssen draußen bleiben.“ Aber – ließe sich das rein technisch überhaupt umsetzen? Schluss damit, ich schweife ab!
Wo war ich stehen geblieben? Ach ja! Also, da dringt eines Abends die jämmerliche Stimme einer jungen Zweibeinerin ins Wartezimmer herein. „Manna! Manna! Manna!“, ruft sie immer sehnsuchtsvoller. „Wo bist du denn, Manna? Komm, komm zu Isabel!“

Menschen können wirklich sehr hilflos sein. Ich ahne sofort, was geschehen ist. Besagte Manna muss ihre Isabel irgendwo allein zurückgelassen haben, obwohl die noch nicht gelernt hat, damit umzugehen.
Silas kriegt von alledem nichts mit, weil er sich im Untersuchungsraum um einen Kater kümmert, der einen Op-Termin bekommen soll.

Emma erträgt das Gejammere von der Straße bald nicht mehr, tritt hinaus und fragt, ob sie helfen könne.
Dankbar blickt die zierliche junge Frau zu ihr auf und schluchzt: „Ich weiß nicht, wie denn?“ Ein Hoffnungsblitz durchzuckt ihre geröteten Augen. „Oder haben Sie vielleicht meine Manna gesehen? Plötzlich war sie einfach weg.“
Als Isabel so richtig klar wird, dass sie vor einer Tierarztpraxis steht, schlägt die Hoffnung in ihren Augen um in Angst. „Ihr wird doch nichts passiert sein, oder? Nicht, dass sie überfahren wurde!?“

Ausgerechnet heute ist Emma ein bisschen später gekommen, weil sie selbst zum Arzt musste, und kann nicht auf Anhieb versprechen, dass Manna ganz sicher nicht zu unseren Patienten gehört. „Nun kommen Sie erst mal rein“, meint sie beruhigend, führt Isabel ins Wartezimmer, serviert ihr einen Kaffee und geht zu Silas in den Untersuchungsraum.
Tröstend schmiege ich mich an die total aufgelöste junge Frau. Statt ihrer jammert drüben nun der Kater herum und nervt meinen Assistenten.
Wieder mal froh, ihm die Behandlung dieser Spezies übertragen zu können, lasse ich mir von Isabel das Fell kraulen, während sie verlegene Blicke in die Runde wirft. Alle Menschen wollen sie beruhigen. Nur ich weiß natürlich, dass heute noch keine unangemeldete Patientin hier war – und dann auch noch eine mit so ungewöhnlichem Namen. Aber vielleicht ist der ihr peinlich, und sie hätte ihn mir verschwiegen.
Eine mittelalterliche Zweibeinerin kann ihre Neugierde nicht länger bezähmen. „Darf ich mal fragen… Wie sind Sie denn darauf gekommen, ihre Hündin Manna zu nennen?“
Zum ersten Mal sehe ich Isabel lächeln. „Gar nicht“, erklärt sie. „Sie hieß schon so. Ich habe sie von einem Priester übernommen.“

Kaum hat sie ausgesprochen, kommt Emma mit Silas ins Wartezimmer. Er reicht Isabel die Hand und blickt ihr in die Augen – ziemlich lange und intensiv, aber das fällt selbstverständlich nur mir auf. Unter uns Hunden gilt so was ja als unhöflich, kann sogar als Bedrohung aufgefasst werden. Doch wer mit Menschen zusammen lebt, lernt ihre Körpersprache schnell verstehen.

„Tatsächlich, von einem Priester?“, staunt die neugierige Zweibeinerin.
„Ja, deshalb läuft sie gern Menschen mit langen schwarzen Mänteln hinterher“, berichtet Isabel und stockt, als ihr einfällt, dass die im Hochsommer ziemlich selten sind – vor allem an Baggerseen. An einem solchen, erfährt Silas mit dem nächsten Satz, ist Manna vor knapp einer Stunde verschwunden.

Aha, wundere ich mich. Wenn Menschen lange schwarze Mäntel tragen, nennt man sie also Priester. Sollte ich diese Manna treffen, muss ich sie unbedingt danach fragen! Wo könnte sie bloß sein? Wahrscheinlich ist sie nach Hause gelaufen.
Kaum erwäge ich das, spricht Silas es auch schon aus. Bittend, als könne er ihr diesen Wunsch erfüllen, blickt Isabel zu ihm auf. „Meinen Sie wirklich? Ob sie den Weg wohl findet… Sie ist noch nicht sooo lange bei mir, ungefähr sechs Wochen. Gestern war ich zum dritten Mal mit ihr am Baggersee, hab eine Freundin getroffen und mich eine Weile mir ihr unterhalten, ohne auf Manna zu achten. Das war wohl schrecklich leichtsinnig von mir!“

Wie die Geschichte ausgeht, erfahrt ihr in zwei Wochen von mir. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

Igel, Igel… Igel???, 2. Teil

Emma, unsere Sekretärin, denke ich tags darauf, als wir die Praxis betreten. Die würde doch wunderbar zu ihm passen! Dass mir das erst jetzt auffällt…
Silas weiß es nur noch nicht, orientiert sich ja an Äußerlichkeiten, wie jeder Mensch. Vor allem riecht Emma angenehm vertraut, weil sie täglich in meiner Praxis arbeitet.
Und sie, weiß sie es? Ich glaube nicht, bin mir allerdings nicht sicher, habe ja bisher selbst keine Verpaarung der beiden erwogen und deshalb nicht so darauf geachtet, womöglich wichtige Anzeichen verpasst. Mist!
„Hi Silas“, lauten allmorgendlich ihre ersten Worte, sobald sie meine Praxis betritt und seine: „Hi Emma.“ Mich dagegen begrüßt sie viiiiieeeeel liebevoller, mit langen, eingehenden Streichlern hinter den Ohren.
Wobei – also, eins muss ich ihr noch beibringen, nämlich, mich zuerst zu begrüßen, aber ich glaube, sie ist lernfähig, sehr sogar. Das rieche ich ihr an, ja, wirklich. Auf meine Menschenkenntnis kann ich mich verlassen!

Heute Morgen drücke und schmiege ich mich betont deutlich gegen Emmas Schienbeine, noch ehe sie ihr übliches „Hi Silas“ über die Lippen bringt. „Ja, du natürlich auch, Tristan“, schickt sie sogleich hinterher und lächelt. „Du zuallererst. Schließlich bist du hier der Chef!“
Na, hab ich’s doch gewusst! Wirklich beeindruckend, wie schnell sie kapiert!

Silas öffnet gerade den Mund, um etwas zu erwidern, als mein erster Patient durch die Tür kommt. Ich glaube, ein Déjà-vue zu erleben. Meinem Silas geht’s genauso. Ich seh’s an seinem verdutzten Gesicht. Unser erster Patient ist ein Igel, der nach Hund riecht – als welcher er sich auch entpuppt, nachdem wir ihm die Dornen rausgezogen haben.
Uiii, den hat’s ja noch viel schlimmer erwischt, erschrecke ich, weil er seine durchstochene Haut pur trägt, mal abgesehen von lächerlichen Haarbüschelchen auf Kopf und Schwanzspitze.

Es gehört zu meinen kleinen Schwächen, Verlegenheiten durch Humor zu kaschieren, und so bemerke ich: „Aha, Schweizer Käse-Look!“ Besonders gut kommt das allerdings nicht bei ihm an. „Ich heiße Di und bin ein Chinesischer Nackthund“, belehrt er mich brüskiert.

Seinem Menschen, der ebenfalls Glatze trägt, steht der Schrecken noch immer ins Gesicht geschrieben. „Wenn ich nur wüsste, warum er durch die Dornenhecken gerannt ist!“, stößt er hervor und schaut Silas und mich an, als erwarte er von uns eine Erklärung, obwohl wir ja gar nicht dabei waren.
Fragend schaue ich meinem Patienten in die Augen. „Gartenstraße? Auto?“
„Woher weißt du?“, piepst er mit zittrigem Stimmchen.
Anstelle einer Antwort forsche ich weiter: „Riesiges graues Monster mit glühenden Augen?“
Der Geschundene kann nur zustimmend jaulen und leckt sich die Pfötchen, derweil ich den Rest übernehme. Mein Assistent holt eine lindernde Salbe für Di aus dem Arzneischrank und reicht sie seinem Menschen.

Am nächsten Tag würde wieder das Murmeltier pfeifen, wenn wir eins hätten, aber diesmal schon vor der Sprechstunde.
Silas und ich sitzen noch zu Hause am Frühstückstisch, er auf einem Stuhl, ich im Sessel daneben, als durch die Terrassentür – drei Mal dürft ihr raten -, ein Igel trippelt, der nach Hund riecht. „Hilfe, Asyl, Hilfe!“, höre ich ihn fauchen. Mein Assistent versteht natürlich nichts dergleichen und glotzt mich nur fragend an.
Ich sprinte auf die Terrasse und stelle mich dem Verfolger des Kerlchens in den Weg, einem drahthaarigen Jagdhund, den ich hier noch nie gesehen habe. Voll im Jagdeifer, dachte er offensichtlich nicht daran, dass hier ein Hund wohnen könnte. „Wo ist er, wo, wo, wo?“, hechelt er Speichel triefend und entschuldigt sich erst angesichts meiner Bürste für sein unbefugtes Eindringen.
„Wo ist dein Mensch?“, frage ich zurück. „Wie kannst du ihn einfach so allein lassen, wo er sich hier vielleicht gar nicht auskennt?“
Meine vorwurfsvolle Stimme bringt ihn zur Vernunft. Es ist doch immer wieder ärgerlich, wie verantwortungslos gerade Jagdhunde ihrem Menschen gegenüber sein können, denke ich noch, als ich ihn mit hängendem Kopf davon traben sehe. Kreuzt auch nur ein Eichhörnchen ihren Weg, lassen sie ihn einfach hilflos allein im Wald stehen.

Silas hat unseren Asylanten inzwischen gastfreundschaftlich bewirtet. „Danke, liebe Lebensretter“, schmatzt er zwischen Ei und Hühnchen. „Meine bedauernswerte Cousine hatte sich seinerzeit eingeigelt, wurde dann von so einem einfach aufgehoben und auf einen Stein geworfen. Da sagte ich mir…“
„Schon gut“, unterbreche ich ihn und blicke zu Silas. Auch er zieht die Lefzen fast bis zu den Ohren.
Igel… Igel? – Igel!

Macht’s gut bis zur nächsten Geschichte in zwei Wochen – euer Tristan

Igel, Igel… Igel???, 1. Teil

Heute morgen kommt Igel Igor in meine Sprechstunde. Durch mindestens drei Dornenhecken muss der gerast sein, riecht stark nach Hund und ist total verschreckt.
Na klar, denke ich, typisch Wildtier, wundere mich allerdings, warum er sich nicht eingeigelt hat.

Könnt ihr euch auch nur annähernd mein Erstaunen vorstellen, als Igor sich, während wir ihn von seinen Dornen befreien, zusehends in einen Kurzhaardackel verwandelt?
„Puuuuuhhh“, atmet er befreit auf. „Ihr glaubt nicht, was ich durchgemacht habe.“
„Doch, schon.“ Schaudernd blicke ich auf den Dornenhaufen neben ihm auf dem Behandlungstisch. „Aber warum? Welche Beute hat dich dazu veranlasst, da durchzulaufen? So was ist schließlich für den dickfelligsten Dackel eindeutig zu viel.“
Empört glotzt er mich an. „Beute??? Die Beute war ich!!!“
„Du???“ Ich bin fassungslos. Ein fliehender Dackel; was um Himmels Willen kann einen Dackel in die Flucht schlagen?
Während ich mich das frage, rieche ich ihm an, dass er seine vor Schmerz und Empörung herausgekläfften Worte bereut. Ist ja nicht besonders rühmlich, wie ein Angsthase davon zu laufen, ganz besonders für einen Dackel.
„Halt mich jetzt bloß nicht für feige“, knurrt er auch schon warnend. Silas glaubt, es sei gegen ihn gerichtet und streift ihm vorsichtshalber einen Maulkorb über – was Igor natürlich vollends zur Raserei bringt. Sein Mensch, eine ältere Dame mit silbernem Haaransatz, entschuldigt ihn, aber das geht gründlich daneben. „Er hat ja solche Angst, das arme Kerlchen“, meint sie.
Um ein Dackelhaar wäre Igor Silas‘ Händen entflutscht und vom Tisch gesprungen. „Von wegen Kerlchen!!! Ein Kerl bin ich, ein ganzer Kerl!!!“
Dank Klappi, hätte ich beinahe ergänzt, sehe offenbar zu viel Werbung. Silas spricht aus, was ich denke: „Angst? Nein, nein, der ist sauer – stinksauer.“ Zum Glück richtet er damit Igors Ansehen wieder ein bisschen auf.
Was täte ich nur ohne Silas? Den Maulkorb verzeiht Igor ihm trotzdem nicht. „Der kann was erleben, wenn er mir das Ding wieder abnimmt“, verkündet er.
Drohend fixiere ich ihn, worauf er zwar zum Halbdackel schrumpft, das aber nie zugeben würde. „Ich meinte natürlich, dann kann er erleben, wie ich mich freue“, korrigiert er sich rasch und schaut mich dabei an, als hielte er mich für begriffsstutzig. „Lass ihn jetzt runter“, fiepe ich meinem Assistenten zu, was der auch brav befolgt. Vom Maulkorb erlöst, schüttelt sich Igor und stolziert im Behandlungsraum umher, als wäre er auf einer Ausstellung.
Erleichtert schließt die Silberhaarige ihn in die Arme, doch weil er heftig strampelt, setzt sie ihn gleich wieder am Boden ab und seufzt: „Wenn ich nur wüsste, warum er durch die Dornenhecken gerannt ist.“
Tröstend lecke ich Igor über die waidwunde Nase, was Silas veranlasst, auf mich zu deuten und grinsend zu bemerken: „Ich wette, Dr. Tristan weiß es.“
Das stimmt natürlich – und auch wieder nicht, denn was Igor mir inzwischen erzählt hat, gibt nicht nur vorn und hinten, sondern auch in der Mitte keinen Sinn. Ein riesiges graues Monster mit glühenden Augen sei in der Gartenstraße plötzlich unter einem Auto hervorgeschossen, um ihn zu ermorden. Nur seinem ausgezeichneten Intellekt habe er sein Leben zu verdanken. Die Dornen, so habe er blitzschnell überlegt, hielten die Bestie sicher davon ab, ihn weiter zu verfolgen.
Kein schlechter Gedanke, muss ich anerkennend zugeben, gar nicht schlecht. Augenblicklich steigt Dackel Igor in meinem Ansehen, zumindest auf Kleinpudelhöhe. Wir müssen ja nicht gleich übertreiben.

Bis zum Feierabend ist es heute ziemlich ruhig in meiner Praxis, und so bleibt mir viel – viel zu viel -, Zeit, um mich meinem Liebeskummer hinzugeben. Ihr wisst ja, Klara.
Seit fast zwei Wochen lebt sie nun mit Zorro zusammen. Grrrrrrrrrr – Zorro! Und das nur, weil sein Mensch nicht widerstehen… Schon gut, ich möchte euch nicht mit Wiederholungen langweilen. Dafür sorgt das Fernsehprogramm bereits zur Genüge.
Andere Hündinnen haben auch schöne Töchter, sage ich mir immer und immer wieder, aber – „heul, welche duftet schon so lecker, so verführerisch lecker wie Klara, meine Klaraaaaa, huuuhoooooh Klaaaraaaaaaa!“

„Tristan, du Heulboje, halt endlich die Schnauze!“, höre ich Silas schreien, schlage die Augen auf und wittere. Ihr Duft, wo ist ihr Duft?
Weg, im Traum, aus dem ich gerade gerissen wurde. Vorwurfsvoll sehe ich meinen Assistenten an, der aufrecht im Bett sitzt, sein Kopfkissen wurfbereit in den Händen. „Komm her, mein Junge“, seufzt er im nächsten Moment.
Nur kurz und eher aus erzieherischen Gründen überlege ich, ob ich ihm verzeihen soll. Dann siegt mein Großmut. Ich weiß ja, dass es ihm derzeit auch nicht gerade blendend geht, denn Silas ist nicht nur mein Assistent und bester Freund, sondern auch mein Leidensgenosse. Im Frühjahr, als alles blühte und grünte, erblühte auch die Liebe seiner Freundin Karin – allerdings für einen anderen. Ich spürte es schon Wochen zuvor und wollte Silas warnen, aber er begriff wieder mal nichts, gar nichts. Seufz, Menschen! Was soll Hund da bloß machen?
Unter uns gesagt: Wenn Silas nicht so darunter leiden würde, wäre ich über den Verlust dieser Karin gar nicht böse.
Was heißt hier überhaupt Verlust? Eigentlich ist es sogar ein Gewinn, dass sie weg ist. Silas wird das auch noch merken, braucht halt ein bisschen länger dazu. Schließlich ist er ein Mensch. Nein, ehrlich, wenn ihr diese Karin gekannt hättet… Aber seid froh. Nichts habt ihr verpasst, rein gar nichts! Dauernd hat sie andere Rüden – ich meine, Männer -, angemacht und Silas sogar davon abgehalten, mit mir ausgiebige Wanderungen zu unternehmen. Stattdessen gingen wir dann „shoppen“, denn wenn Karin nicht bekam, was sie wollte, wurde sie stupflig wie ein Igel!
Bitte versteht mich richtig. Ich habe ja gar nichts gegen’s Shoppen, solange man sinnvolle Dinge kauft, wie Schweinsohren oder – noch feiner -, Ochsenziemer.
Aber Karin wollte immer bloß Klamotten, besonders Schuhe, und wehe, ich hab mal ein klein bisschen am Riemchen herum geknabbert… Zu allem Übel stank sie auch noch fürchterlich nach künstlichen Rosen.
Seufz – wie schaffe ich’s bloß, meinen Silas mal für eine wirklich nette und passende Frau zu begeistern?

Aber heute wird daraus nichts mehr. In zwei Wochen geht’s weiter. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

Kleine Abhandlung über etwas von großer Bedeutung

„Ich spüre es im Urin“, höre ich Menschen gelegentlich sagen und frage mich dabei jedes Mal: Warum spülen sie dieses kostbare Nass dann so leichtfertig weg???

Seit abertausenden von Jahren begleiten wir unsere Menschen – jeden Tag ix Mal, morgens, mittags, nachmittags, abends – und machen ihnen vor, wie’s geht. Trotzdem scheinen sie es einfach nicht zu kapieren, wie mir Patienten und andere Mithunde immer wieder bestätigen.

Aber was rede ich, sehe es ja selbst. Wenn schon ein ziemlich intelligentes Exemplar dieser Spezies wie mein Silas es nicht begreift, nach nunmehr über sieben Jahren…

Nur manchmal, allerdings überaus selten, wie mir auch von Freunden, Patienten, etc. gelegentlich berichtet wird, leuchtet ein Hoffnungsschimmer auf am Horizont. Erst, wenn er’s gar nicht mehr verdrücken kann, schlägt sich dann der ein oder andere Zweibeiner verschämt ein paar Schritte in den Wald und markiert.

Wobei ich zugeben muss, dass Frauen es wesentlich besser hinkriegen. Männer dagegen lernen selbst in diesen seltenen Momenten geistiger Erleuchtung seltsamerweise nie, ihre Vorteile zu nutzen. Obwohl Mutter Naturs Lieblinge, weil anatomisch von ihr begünstigt, pinkeln sie immer nach unten, anstatt möglichst hoch an die Rinde.

Kaum zu glauben, aber manche begießen sogar Gras oder Gestrüpp anstatt der Bäume, wie mir erst kürzlich im Wartezimmer eine Patientin fassungslos erzählte. Wenn ich mich richtig entsinne, leidet die allerdings an Halluzinationen, weshalb ich für den Wahrheitsgehalt ihrer Äußerungen nicht unbedingt die Pfote ins Feuer legen möchte.

Apropos Wartezimmer – meine Behandlung beginnt bereits dort, während Silas in den Untersuchungsräumen herumwerkelt, Instrumente richtet und so.

Emma, meine Sekretärin, empfängt die Menschen und regelt mit ihnen den formellen Kram. Dabei werfe ich nicht nur eines, sondern gleich beide Augen auf meine Patienten. Hund muss sich Zeit für Gespräche mit ihnen nehmen, ja, wirklich! Das kann Hund gar nicht hoch genug bewerten.

Selbstverständlich begutachte ich immer auch ihre Menschen und stelle fest, dass sehr häufig, wenn nicht sogar in den meisten Fällen, die Probleme bei ihnen liegen. Viele kochen zum Beispiel zu kalorienreich. „Wie konntest du dir ausgerechnet so einen Menschen aussuchen?“, frage ich Patienten immer wieder.

„Ja, ja, wo die Liebe hinfällt“, kann ich da nur seufzen und betreibe Schadensbegrenzung. Oft gelingt mir das so gut, dass ich selbst darüber staune, aber manchmal…

So traurig es ist und so ungern ich es sage, aber manche Menschen sind schlichtweg unerziehbar! In solchen Fällen muss Hund das Beste daraus machen, denn seinen einmal erwählten Zweibeiner wieder abgeben?

Niemals! Schließlich tragen wir die Verantwortung für unsere Mitgeschöpfe.

Erziehungsbeispiel Silas: Wie ich bereits sagte, ist er ziemlich intelligent – für einen Menschen, wohlgemerkt. Ich muss nur lange genug mit ihm herumspazieren, dann tritt er irgendwann doch ein paar Schritte in den Wald und hinter einen Baum, einen möglichst dicken. Unter mangelndem Selbstbewusstsein scheint er also nicht zu leiden.

Kommt er zurück auf den Weg, so bestätige ich ihn sofort schwanzwedelnd, damit er begreift, dass er es richtig gemacht hat.

Na ja, sagen wir, fast richtig. Denn zweierlei will oder kann er halt einfach immer noch nicht begreifen, zum einen (und das ist mir das weitaus größere Rätsel, weil er sonst nicht verschwenderisch ist), dass man mit solch einem wertvollen Stoff wirtschaftlich umgehen muss. Jedes Mal entleert er seine Blase auf ein Mal und an einen einzigen Baum – unfassbar! So dick kann ja gar kein Baum sein, dass er so etwas rechtfertigt.

Zum anderen – ihr ahnt sicher schon, was ich jetzt meine -, die hohe Kunst des Beinhebens. Spätestens ab dem elften Lebensmonat begreift doch auch der dümmste Hund, wie das geht. Sogar meinem Kumpel Cooper, der in dieser Hinsicht ein Spätzünder ist, habe ich es beigebracht. Silas dagegen…

Inzwischen habe ich erkannt, dass Menschen, insbesondere Männer, bedingt durch die Domestikation, (psycho)logisch über das Kindesalter nicht wirklich hinaus gelangen.

Egal. Wir lieben sie trotzdem!

Am übernächsten Samstag erzähle ich euch eine schier unglaubliche Geschichte. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan