SOS – Notruf nach Feierabend

Von unserer Pinnwand im Wartezimmer blickt uns aus traurigen Augen Elfi an. Sie sieht aus wie ein kleiner Wolf und ist, wie Emma allen Menschen erzählt, eine rumänische Straßenhündin.
Nun ja, genauer gesagt war sie das. Jetzt hockt sie in der Todeszelle, obwohl sie niemals in ihrem kurzen Leben auch nur irgendwas verbrochen hat. Unfassbar! Die Menschen dort drehen total durch!

Auch heute, kurz vor der Mittagspause – nur ich bin noch im Wartezimmer – fällt mir wieder mal auf, wie lange Emma vor Elfis Portrait verharrt und es nachdenklich anschaut, mit kaum weniger traurigen Augen.
Jetzt wird sie aber dabei unterbrochen, denn Isabel stürzt aufgeregt herein und hält ihr demonstrativ eine kleine Pappschachtel unter die Nase. „Sehen Sie nur!“, stößt sie atemlos hervor. „Das fand Marlene zwischen den Sachen ihres Freundes, während sie was fürs Krankenhaus zusammenpackte.“
Meine schlimme Ahnung wird bestärkt, als Emma das Päckchen entgegennimmt und Isabels entsetzten Blick mit ebensolchem Entsetzen erwidert. Rattengift!
Die Rede ist natürlich von Walter. Im Gegensatz zu Mieze und Bella, die zum Glück beide wieder quietschfidel sind, liegt er immer noch im Krankenhaus im Koma.
Einmal schnappte ich auf, wie Marlene erzählte, sie spiele ihm Geräusche vor, die ihm vertraut seien, darunter Bellas Schnurren. Komapatienten könnten zwar nicht reagieren, aber durchaus etwas in ihrer Umgebung wahrnehmen. Und Walter habe sich in letzter Zeit ja sooo gewandelt, sei sooo überraschend liebevoll mit der Katze umgegangen.
Pah! Wie sollte mich das überraschen, war doch bloß Teil seines fiesen Plans! So wollte er verhüten, dass ihn später jemand verdächtigen würde, die Ärmste vergiftet zu haben.

Silas hat die Aufregung mitbekommen und betritt das Wartezimmer, ist natürlich genauso entsetzt. Sie müsse jetzt wieder zu Marlene, meint Isabel und steht schon auf der Türschwelle. Die sei nämlich völlig aufgelöst.
Dort ist Isabel jetzt eigentlich immer, seit jenem Tag, an dem Mieze vergiftet wurde und Bella auf der Flucht vor Walter ins Kippfenster geriet. Vor unseren Patienten und ihren Menschen reißt Silas sich zusammen, rennt ansonsten mit säuerlichem Gesichtsausdruck umher.
Ich ahne schon – die Erkenntnis, dass Walter sogar dazu fähig war, die geliebte Katze seiner Freundin zu vergiften, wird Isabel und Marlene noch enger zusammenschweißen.

Als ich Mieze und Bella abends darauf mit Silas besuche, verkündet Marlene, sie beriesele Walter nun Tag und Nacht mit Katzenschnurren. Dabei umspielt ein sardonisches Lächeln ihre Lippen. „Schwestern und Ärzte finden’s ganz toll, wie sehr ich mich um ihn bemühe.“

Am nächsten Morgen ist Emma schon vor Silas und mir in der Praxis. Endlich kann ich Elfi, die Rumänin, auch riechen! Und ich muss sagen, sie riecht noch viiieeel besser als sie aussieht! Unsere Menschen mit ihrem unterentwickelten Geruchssinn können das natürlich nicht wahrnehmen.
Die Ärmste ist noch ziemlich ängstlich und scheu, kein Wunder, nach all dem, was sie erleben musste.
Emma und Silas kümmern sich sehr um sie, wollen unbedingt ihr Vertrauen gewinnen. Tatsächlich gelingt ihnen das schon nach wenigen Tagen, was natürlich vor allem mir zu verdanken ist. Durch mein Verhalten demonstriere ich der Hündin, wie vertrauenswürdig sie sind.
Besonders freut es mich allerdings, dass die beiden über Elfi endlich zueinander finden. Heute Abend scheinen sie es plötzlich selbst zu merken, nach ihrem ersten Kuss. Erst kurz zuvor hat Emma die Eingangstür verriegelt.
Vor lauter Begeisterung lecke ich meiner Elfi über die Lefzen. Mmmm, lecker! Mein Sch(m)atz!
Sie ist ein bisschen verdutzt, lässt es aber geschehen.
Seufz – wie das halt in unserem Beruf so ist – unsere traute Viersamkeit wird abrupt gestört. Diesmal steht zwar niemand vor unserer Tür. Nein, der Störenfried ist bereits drin – das Telefon. Einen Arm um Emmas Schultern gelegt, nimmt Silas ab und horcht ungläubig. „Wirklich? – Ein Marder???“
Erstaunt sehen wir uns alle an, dann laufe ich zur Tür. Liebe hin, Liebe her – erst kommt die Arbeit! Und als Tierarzt muss man selbstverständlich auch einem in Not geratenen Marder helfen.

Nur wenige Straßen weiter, steckt ein stattliches Exemplar dieser Spezies zwischen zwei Latten eines Gartenzauns fest. Verletzt ist er offenbar nicht, strampelt wie verrückt.
Ich erkenne sofort – mit feinen chirurgischen Instrumenten ist hier nichts auszurichten. Während Silas den Hausbesitzer davon zu überzeugen versucht, kläffe ich auf den Eingeklemmten ein: „Nun hör schon auf mit der Zappelei. Du tust dir doch nur weh.“
Ich ernte einen misstrauischen Blick. Sind ja eigentlich frech, diese Kerlchen, und nicht minder schlau. „Bleib weg“, warnt er mich. „Vorne bin ich nämlich nicht eingeklemmt.“
„Pa!“ Als ob ich das nicht selbst sehen würde! „Überleg Dir gut, ob du unbedingt in die Schnauze beißen willst, die dir hilft…“, gebe ich ihm zu denken und füge hinzu: „Du hast Glück, ich bin nämlich Arzt.“
Mit einer Säge in der Hand, naht endlich Silas und beginnt an einer der beiden Latten zu sägen, zwischen denen der Marder eingeklemmt ist. Derweil lenke ich ihn ab, lasse mir von ihm erzählen, was für ein toller Kerl er sei. „Und mein kleiner Bruder erst, der Mistie!“
Ich traue meinen Ohren kaum. Wahrscheinlich hat seine Panik dem Bedauernswerten den Verstand völlig vernebelt. Behauptet der doch glatt, besagter Mistie sei unterwegs auf einem Luxusliner. „Ja, Marder ahoi! Der ist jetzt in Schottland. Hab diesen Tausendsassa auf dem Titelblatt einer Zeitung gesehen, die auf einer Fußmatte lag, wollte sie gerade markieren, in der Morgendämmerung.“

Plötzlich stutzt er, hält inne und saust wie der Blitz davon. Ich schaue ihm nach, bis er vom Dunkel des Waldrands verschluckt wird.
Silas steht hinter mir, die durchgesägte Latte in der Hand, neben ihm der Hausbesitzer. Der meint lachend: „Jetzt hab ich nicht mehr alle Latten am Zaun.“

Schon wenige Minuten später, mit Elfi und unseren Menschen im trauten Heim, erscheint mir diese ganze Geschichte wie ein Spuk. Etwas daran muss aber wahr sein, denn Silas und Emma reden darüber – sofern sie dazu kommen, während sie einander ablutschen.
Auch Elfi und ich kuscheln uns auf dem Sofa wohlig aneinander – bis wieder jemand unsere Hilfe braucht.

Tja liebe Freunde, das wird wohl sehr bald sein und weil ich sooo viel zu tun habe, werde ich künftig leider nicht mehr zum Erzählen kommen.
Habt alle herzlichen Dank dafür, dass ihr meine Geschichten gelesen und mich so ein Stück meines Weges begleitet habt.
Wuff – also bevor ich jetzt noch völlig sentimental werde… Machts gut und genießt eine schöne Zeit – euer Tristan

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