Auf der Schwelle zum Tod

Irgendwie wittere ich heute schon den ganzen Tag über Unheil, obwohl es eigentlich ein Arbeitstag ist wie jeder andere – auf den ersten Riecher. Ja, man könnte sogar sagen, ein richtig guter Tag, zumindest für meine Patienten. Keiner ist ernsthaft oder gar lebensbedrohlich erkrankt. Und trotzdem – ich traue ihm nicht, diesem Tag, auch jetzt noch nicht, obwohl der Feierabend kurz bevorsteht.
Emma, die sich sonst spürbar darauf freut, schaut grimmig auf ihre Abrechnung. Nur Manna und ich sind außer ihr noch im Wartezimmer, und wir wissen genau: Emmas Grimm gilt nicht dem Papier unter ihrer Nase, sondern Isabel, deren fröhliches Gekicher immer wieder vom Untersuchungsraum herüberdringt. Silas scherzt dort mit ihr, weiß wahrscheinlich gar nicht, dass Emma noch hier ist – oder denkt ganz einfach nicht daran.

Ungeduldig tappt Manna an den Stuhlreihen entlang, hin und her. „Menschen in Paarungsstimmung können einen ganz schön nerven, nicht wahr, Tristan?“, winselt sie. „Und ob“, stimme ich ihr zu, laufe zum Untersuchungsraum, kratze an der Tür und lausche.
Keine Reaktion. Ich glaube, ich muss Silas‘ Grundgehorsam mal auffrischen. „Kommt ihr jetzt endlich!“, belle ich also auffordernd. „Wir wollen auf die Wiese!“
„Aber Tristan, die beiden sind doch beschäftigt“, flüstert Emma.
Manna blickt mich nachdenklich an. „Warum sind Menschen eigentlich immer in Paarungsstimmung?“
„Weiß nicht“, entgegne ich und überprüfe Mannas Analgesicht. „Nase weg!“, knurrt sie. „In dieser Hinsicht bin ich züchtig wie mein Priester.“

Mein Seufzer darüber ist noch nicht verklungen, als ich Angstschweiß rieche und eine Frau auf die Eingangstür zustürzen sehe – Marlene, auf den Armen einen schlaffen Sack. Nein, es ist die Hündin Mieze!
Mit einem Satz bin ich bei der Tür und springe kläffend daran hoch. Das alles dürfte kaum mehr als eine Sekunde gedauert haben. Manna unterstützt mich mit ihrem Piepsstimmchen.
Unsere kluge Emma! Jede andere Assistentin würde jetzt schimpfen und auf ihren Feierabend beharren, aber sie begreift augenblicklich: Wenn wir dermaßen Alarm bellen, dann droht höchste Gefahr. In nullkommanix ist sie an der Tür und öffnet.
„Mieze“, schluchzt Marlene, „sie stirbt.“
„Ganz ruhig, so schnell stirbt man nicht“, versucht Emma sie zu beruhigen und pocht heftig gegen die Tür zum Behandlungsraum. „Dringender Notfall!“
Noch beim Öffnen streicht Silas über sein zerwühltes Haar, schließt seine drei obersten Hemdknöpfe und übernimmt unsere Patientin. Behutsam legt er sie auf den Tisch und überprüft ihre Reflexe.
Emma reicht Marlene ein Taschentuch für ihr tränenüberströmtes Gesicht. Noch während sie es trocknet, stammelt sie: „Ich hab es nicht gleich bemerkt, plötzlich war sie völlig lethargisch…“ Vernehmlich schneuzt sie in das Tuch.
„Ganz ruhig“, sagt nun auch Silas. „Mieze lebt, ist nur sehr schwach.“ Ich stelle mich auf die Hinterpfoten, die vorderen auf dem Behandlungstisch, und winsle in Miezes Gesicht. „Tristan, bist du’s?“, höre ich sie fragen, so leise, dass es keiner unserer Menschen mitkriegt. „Wie ist das passiert?“, frage ich zurück und sehe mein unheilvolles Gespür von heute bestätigt.
Die Konzentration auf mich erfordert zu viel Kraft von der Ärmsten. Sie stöhnt nur noch leise, doch ich glaube etwas herauszuhören: „Walter… Bella… ist mit ihm… allein.“

Ich begreife. Da Silas sich auf Sofortmaßnahmen bei Vergiftungen ausgezeichnet versteht, bin ich abkömmlich und husche durch die angelehnte Tür hinaus, Manna hinterdrein. Keiner der Menschen, die alle den Tisch umstehen, achtet auf uns.
Während Manna auf ihren kurzen Beinchen eifrig Schritt mit mir hält, äußert sie sich besorgt über ihre Isabel. „Die wird im angrenzenden Zimmer sein“, vermute ich. „Der droht keine Gefahr.“ Unterwegs zu Walters Haus, berichte ich ihr in wenigen Bellern, dass besagter Walter unbedingt die Katze Bella loswerden will und überlege laut: „Wahrscheinlich hat versehentlich Mieze das Gift erwischt.“
Kaum habe ich ausgesprochen, da vernehmen unsere empfindsamen Ohren auch schon ein erbärmliches Maunzen. Das Haus ist noch nicht in Sicht, wird von zwei anderen verdeckt. Besondere Umstände erfordern besonderes Handeln. Also tue ich, was sich eigentlich nicht gehört und renne mit allerhöchstem Border Collie-Tempo durch eine Buchsbaumhecke, um den dahinter liegenden Garten zu durchqueren. Manna bleibt zurück, will mich warnen. Zu spät – der English Bulldog wälzt seinen tonnenförmigen Leib bereits auf mich zu und knurrt: „Raus aus meinem Garten!“
Für Erklärungen habe ich jetzt wirklich keine Zeit, sause an ihm vorbei und will sein Grundstück durch die Hecke auf der anderen Seite wieder verlassen. Keine Ahnung, ob ich etwas zu langsam war oder diese Hecke einfach zu dicht gewachsen ist – jedenfalls bleibe ich mittendrin stecken. Wütend schnappt der Bulli nach meinem rechten Hinterbein, erwischt aber zum Glück nur das Höschen. „Lass mich los!“, belle ich lautstark. „Das ist ein Notfall!“ Er reagiert nicht. Ich kläffe weiter: „Es geht um Leben und Tod!“
In seiner Wut hört er nichts, hält beharrlich fest und hat mich fast schon auf seinen Rasen zurück gezerrt, als ich ihn plötzlich winseln höre. Fast gleichzeitig ruft Manna: „Los, weiter!“
Was ist passiert? Hat sie ihn gezwickt? Hoffentlich ist der Bulli ein waschechter Gentleman, denn ich sprinte davon. Bella scheint meine Hilfe nämlich dringender zu benötigen.

Kaum erreiche ich ihr Haus, da übertönt die Sirene eines Feuerwehrautos Bellas Wehgeschrei. Ein Blick zum Fenster im zweiten Stock offenbart mir ihr Elend. Sie steckt fest, im gekippten Fenster. Aus denen der Nachbarhäuser schauen Menschen heraus. Andere stehen auf Straße und Gehweg, empfangen die Feuerwehrmänner und deuten nach oben, zu Bella.
Er habe Sturm geläutet. Es sei niemand daheim, höre ich einen Jungen sagen und wundere mich. Wo ist Walter? „Halt durch!“, kläffe ich der Ärmsten zu. „Gleich wirst du befreit!“
Während ich zuschaue wie eine Leiter ausgefahren wird, ein Feuerwehrmann hochsteigt und Bella aus dem Kippfenster heraushebt, vernehme ich hinter mir ein Hecheln. Manna und der Bulli kommen angetrabt. Gemeinsam eilen wir zu Bellas Retter, der eben wieder festen Boden betritt, springen an ihm hoch und rufen: „Was ist mir dir, Bella? Bist du okay?“
„Das fehlt gerade noch“, meint der Feuerwehrmann und hebt sie über seinen Kopf. „Ich rette das Kätzchen, und ihr gebt ihm den Rest.“
Schaulustige versammeln sich um uns. Die müsse bestimmt eingeschläfert werden, meint einer und will vom traurigen Schicksal einer anderen Katze berichten, die auch in ein gekipptes Fenster geraten sei.
„Nur keine voreiligen Schlüsse ziehen. Ich bringe sie zum Tierarzt“, höre ich eine vertraute Stimme sagen – Isabel. Als der Feuerwehrmann ihr Bella übergibt, stoppt ein Auto vor dem Haus, und Marlene springt heraus. „Sie lebt“, versucht Isabel sie zu beruhigen, was die Katze mit schwachem Maunzen bestätigt. Marlene nimmt Bella vorsichtig entgegen, blickt sich um und stößt hervor: „Walter, wo ist denn Walter?“
Erstaunt sehen sich die Leute an. Isabel ergreift die Initiative, lässt sich von Marlene die Schlüssel geben, betritt das Haus und stößt einen schrillen Schrei aus. Augenblicklich sind wir Hunde an ihrer Seite, Manna zuerst. Mit verrenkten Gliedmaßen und offensichtlich bewusstlos, liegt Walter auf den untersten Stufen der Treppe, die ins Obergeschoss führt.
Das ist zu viel für Marlene. Bevor sie mit Bella auf dem Arm zusammenbricht, kann Isabel ihr die Katze gerade noch abnehmen. Inzwischen muss jemand den Notarzt gerufen haben, denn da erscheint er auch schon mit lautem „Tatü-tata!“
Neben Walter auf einer Tragbahre liegend, erwacht Marlene im Krankenwagen und blickt sich hilflos um. „Aber, meine Tiere…“, stammelt sie. „Wer…“
„Um die kümmere ich mich, seien Sie unbesorgt“, versichert ihr Isabel, bevor der Krankenwagen davonbraust.
Auch wir fahren ab, in meine Praxis – Manna, Bella, Isabel und ich, in Marlenes Auto. Unsere Gedanken sind bei Mieze. Wie wird es ihr wohl gehen?

Silas ist erschöpft, riecht nach Angst und Sorge. Wir stürmen an ihm vorbei ins offenstehende Behandlungszimmer, aber Mieze liegt nicht mehr auf dem Tisch. Manna und ich vernehmen durch ihr Atmen, dass sie lebt, noch ehe wir sie in einer Ecke des Raums entdecken, in einem Korb. Neben ihr auf dem Boden sitzt Emma, streicht sacht über ihren Rücken und lächelt uns zu, uns Vierbeinern. Als sie Isabel hereinkommen sieht, erlischt ihr Lächeln.
Unter halbgeschlossenen Lidern hervor, schenkt Mieze uns einen müden Blick und lässt sich die Lefzen lecken. „Bella war im Fenster eingeklemmt, wird aber bestimmt wieder gesund“, tröste ich meine Patientin. Die wittert ihre Freundin, will den Kopf heben und zum Tisch blicken, worauf sie gerade von Silas untersucht wird. Doch selbst dazu ist Mieze viel zu schwach.
Sie habe alles erbrochen, sagt mein Assistent zu Isabel. Das Rattengift sei wohl noch nicht in den Blutkreislauf gelangt.
Nun ja, sehr überzeugend klingt das nicht in meinen empfindsamen Hundeohren. Man müsse hoffen, dass die Hündin die Nacht überstehe, fügt Silas auch sogleich hinzu. Isabel schlägt vor, sie mit zu uns nach Hause zu nehmen, worauf Emma ein letztes Mal über ihr Fell streicht und sich seufzend erhebt. Sie gehe jetzt, werde hier ja nicht mehr gebraucht.
Während sich Silas geistesabwesend für ihr langes Dableiben bedankt, lecke ich Emma zum Abschied die Hand.

Nur durch mein beharrliches Zureden, lässt Bella eine Ultraschalluntersuchung über sich ergehen. „Es war für mich bestimmt, das Gift“, maunzt sie mir zu. „Walter wusste nicht, dass ich Mieze mein Essen überlasse, wenn es schon länger herumsteht.“
So ungefähr hatte ich mir das bereits gedacht. Nachdem er dann mit ihr allein gewesen sei, fährt Bella fort und erregt sich zusehends, habe er sie erdrosseln wollen. Kratzend und beißend sei sie ihm gerade noch entkommen, hinauf ins Schlafzimmer. „Wäre er die Treppe nicht hinuntergefallen…“
„Ist ja schon gut, gleich vorbei“, versichert Isabel und krault meine Patientin hinter den Öhrchen. Wie sich herausstellt, hatte sie unwahrscheinliches Glück, keinerlei innere Quetschungen oder Verletzungen.
Schweigend fahren wir nach Hause. In dieser Nacht fallen sogar unsere Menschen nur in einen oberflächlichen Schlaf.

Ob Mieze überlebt und Walter entlarvt wird, erzähle ich euch in drei Wochen. Bis dahin machts’s gut – euer Tristan

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