Nicht ohne meine Katze! – Teil 2

Von wegen Tierheim! Nachdem der Wagen hält und Walter den Kofferraum öffnet, signalisieren mir Ohren sowie Nase, dass wir hier unmöglich beim Tierheim sein können. Aber wo dann? Und noch schlimmer: Was, wenn er mich jetzt entdeckt – im wahrsten Sinne des Wortes? Schon spüre ich Wärme und Schweiß seiner Hand, als sie nach der Decke greifen will, die auf mir liegt.
Doch plötzlich lässt der Ruf einer Frauenstimme Walters Hand in ihrer Bewegung innehalten. „Komm doch erst mal rauf!“, tönt es von weit oben herunter.
Der Mann gehorcht und ich riskiere einen Blick unter der Decke hervor. Hinter einem der Fenster eines Hochhauses, ziemlich weit oben, erhasche ich eine Bewegung. Aha, von daher wird wohl der Ruf gedrungen sein.
Ich warte, bis Walter im Haus verschwunden ist, verlasse dann mit einem Satz den Kofferraum und verberge mich unter dem Auto. Noch ehe ich recht überlegen kann, was er wohl hier will und wer die Frau hinter dem Fenster sein mag, wittere ich einen vertrauten Geruch, der meinen ganzen Leib vor Erregung zittern lässt. Dann kriecht sie auch schon zu mir unter’s Auto – Bella. „Tristan, du hier?“
Uns bleibt kaum Zeit, übereinander zu staunen, denn Walter kann ja jeden Moment zurück sein. Hastig berichtet mir Bella, sie sei nach der Flucht vor Django nach Hause gegangen. Kurz vor der Tür habe Walter sie gepackt und heimlich nach hierher verfrachtet.
Seither lebe sie bei dieser Frau, einer Tante von Walter, und dürfe die Wohnung nie verlassen. „Als sie ihm vorhin geöffnet hat, bin ich unbemerkt durch den Türspalt geschlüpft und ins Treppenhaus entkommen. Sie glauben, ich hätte mich unter dem Sofa verkrochen.“
Ich überlege. „Walter wird den Kofferraum zumachen wollen.“
„Ja“, pflichtet Bella mir bei. „Aber wenn wir uns jetzt da drin verstecken, bemerkt er uns beim Ausräumen.“
Wir bleiben, wo wir sind. Wie erwartet, erscheint Walter bald darauf, räumt den Kofferraum aus, schlägt den Deckel zu und geht wieder. „Wahrscheinlich trinken sie jetzt zusammen diese eklige braune Brühe“, spekuliert Bella. Ich stimme ihr zu. „Ja, wahrscheinlich.“
Die Warterei nervt uns entsetzlich, und wir wagen es nicht, unsere größte Befürchtung auszusprechen – nämlich, dass die dort oben beschließen könnten, Bella unter dem Sofa hervorzulocken und dabei bemerken, dass sie ausgerissen ist. „Weißt du, Tristan“, erzählt sie mir jetzt, „seine Tante will eigentlich gar nicht, dass ich bei ihr wohne. Kein einziges Mal hat sie mich gestreichelt oder mit freundlicher Stimme zu mir geredet.
Na ja, ich hab sie auch immer angefaucht, weil ich es nicht ertrage, eingesperrt zu sein. Walter sagte zu ihr, ins Tierheim könnte er mich nicht bringen. ‚Anhand seines Chips würde man das Vieh sofort identifizieren, und dann hätte ich es wieder am Hals.‘
„Am Hals…“
Entrüstet und gekränkt zugleich wiederholt Bella Walters Worte. „Als wenn ich seinen blöden Hals ein einziges Mal auch nur berührt hätte!“
Ich lecke tröstend über ihr Fell, doch sie duckt sich angstvoll: „Wie kommen wir bloß wieder nach Hause zurück? Ich sehne mich so nach Mieze und Marlene – und nach meiner Freiheit!“
„Lass mich nur machen“, beruhige ich sie, bin mir aber selbst nicht sicher, ob mein Plan gelingen kann.
So sehr uns das Warten auch stresst – als Walter plötzlich naht, sind unsere Nerven bis zum Zerreißen gespannt. „Achtung“, winsle ich Bella leise zu. „Wenn er die Fahrertür öffnet, musst du blitzschnell einsteigen und dich hinter dem Sitz auf den Boden ducken.“
Zitternd späht Bella unter dem Auto hervor. Nur noch wenige Schritte ist Walter entfernt. „Aber…“, beginnt sie zweifelnd. Ich hake schnell ein. „Er wird nicht auf den Boden gucken, wird dich nicht sehen.“ Nicht etwa, dass ich davon überzeugt wäre, doch ich muss sie ja ermutigen.
„Aber was ist mit dir? Du bist viel größer als ich. Selbst wenn er dich nicht sieht… Wie willst du dich hinter den Fahrersitz quetschen, ohne dass er es merkt?“
Sie hat recht. Daran hab ich gar nicht gedacht.
Ich verstehe, wenn es euch schwer fällt, mir zu glauben, was ich euch jetzt erzähle, doch es war wirklich so. Ehrlich, Hunde lügen nicht!
Wenn die im Fernsehen nicht wissen, wie eine Geschichte weitergehen soll, dann muss meistens irgendein Zufall herhalten. Genau so eine Art Zufall, so unglaublich es klingen mag, eilt uns jetzt zu Hilfe. Aber er muss sich beeilen, denn Walter hat bereits die Fahrertür geöffnet. Bella huscht wie ein weißer Blitz hinein, kauert sich hinter dem Beifahrersitz auf den Boden und hält Ausschau nach mir, denn ich… Ja, ich liege immer noch unter dem Fahrgestell.
Schon hat Walter ein Bein im Wagen, als er plötzlich von einer jungen Frau angesprochen wird. Ob er ihr sagen könne, wo der Bahnhof sei.
Ich wittere Walters Testosteronausstoß. „Der liegt auf meinem Weg“, schwindelt er, bittet die Frau einzusteigen und geht um das Auto herum. Noch ehe er die Beifahrertür geöffnet hat, hocke ich bei Bella hinten auf dem Boden.
Die Frau bedankt sich und steigt ein.
Doch kaum sind wir losgefahren, da muss sie niesen – ein Mal, dann wieder und wieder, immer schneller hintereinander. Walter, der sie in ein Gespräch einbinden wollte, kommt gar nicht hinterher mit seinem „Gesundheit, Gesundheit“. Ob er eine Katze hätte, fragt sie.
Bella und ich, wir halten den Atem an. Walter scheint sich zu wundern. Er verneint. Sie sei allergisch gegen Katzen, erklärt die Frau. Wir riechen förmlich Walters Ärger, als er bekennt, dass er kürzlich eine Decke mit Katzenhaaren im Kofferraum habe transportieren müssen.
Müssen – so ein fieser, verlogener Kerl!, denken Bella und ich.
Walter will zu einer Tankstelle fahren, um den Kofferraum zu reinigen, aber die Frau lehnt ab und bittet ihn, anzuhalten. Sie sei ja jetzt nicht mehr weit vom Bahnhof entfernt, habe vorhin ein Schild gesehen.
Ob das stimmt – wir wissen es nicht, und eigentlich ist es uns auch egal. Wir wollen nur eins: zurück nach Hause!
Die Frau steigt aus, und ein kräftiger Adrenalinschub lässt Walter das Gaspedal so durchtreten, dass wir beide heftig gegen den Boden gedrückt werden.
Als er nach rasanter Fahrt vor Bellas Haus hält, wissen wir im ersten Moment nicht, wo oben und wo unten ist. Doch gleich ist uns das egal, denn wir hören, wie Mieze bellend auf das Auto zustürmt. Walter steigt aus und begrüßt sie scheißfreundlich. Marlene steht nämlich im Garten. „Schatz!“, ruft sie begeistert und unter Freudentränen. „Wie hast du das bloß geschafft? Wo hast du sie denn gefunden?“
Verwirrt sieht Walter sich um, bemerkt Bella und findet keine Worte, während Marlene ihm um den Hals fällt.
Mieze und Bella sind nur miteinander beschäftigt, belecken sich gegenseitig von oben bis unten, von hinten bis vorn. Da kann es mir gerade recht sein, dass Silas um die Ecke biegt – wenigstens einer, der sich um mich kümmert. „Tristan, wo warst du denn? Ich such‘ dich schon die ganze Zeit!“, stößt er hervor.
„Er muss ins Auto gesprungen sein“, vermutet Marlene, die inzwischen mit Bella schmust.
„Ins Auto?“ Silas wundert sich. Zu Recht, denn eigentlich bewege ich mich nur auf vier Rädern, wenn es nötig ist. Doch sagt selbst, wann hätte es nötiger sein können als heute?
Meinem Silas kann ich das natürlich nicht erklären. Wie auch? Er ist schließlich ein Mensch.

Glaubt ihr, dass Walter sich an Bella gewöhnt? In drei Wochen wird’s richtig dramatisch. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

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