Archiv für den Monat: Juni 2014

Nicht ohne meine Katze! – Teil 1

An einem der letzten schönen Spätsommertage widme ich mich auf der Wiese mit Silas meiner Lieblingsbeschäftigung – dem Ballspiel. Die erste Wochenhälfte haben wir hinter uns gebracht und die Praxis schon mittags geschlossen. Endlich kann man wieder früher raus, weil es längst nicht mehr so heiß ist. Dem Himmel sei Dank!
Noch tummeln sich wenige Vier- und Zweibeiner auf der Wiese – dafür viele dieser lästigen Wespen, vor denen man sich besser in Acht nimmt. Nun ja, sie können durchaus geschäftsfördernd sein. Schon manch ein Hund kam mit geschwollener Nase in meine Praxis, weil er eines dieser kleinen Biester beschnüffelt hat.
Aber daran will ich jetzt nicht denken, habe gerade nur meinen Ball im Kopf. Ball, Ball, Ball… Wo liegt er bloß, wo, wo, wo…?
Silas hat ihn weit auf die Streuobstwiese hinaus geworfen, und das Gras ist schon wieder ziemlich hoch gesprossen. Er sei rot, hab ich ihn mal zu einem anderen Menschen sagen hören, damit man ihn im Gras besser sehen könne.
Da kichern ja die Katzen, wie soll mir das was nützen, wo ich doch rot – wie immer das auch aussehen mag -, gar nicht wahrnehmen kann. Überhaupt muss ich mich ja auf meine Nase verlassen, aber die ist nun mal – unter uns gesagt –, nicht die allerbeste. Also achte ich immer sehr darauf, in welche Richtung der Ball fliegt und wo er landet. Silas erteilt mir mit Hand und Stimme Hinweise, wenn ich gar nicht fündig werde.
Jetzt zum Beispiel wäre es für ihn an der Zeit, mich zu unterstützen. Stattdessen höre ich, wie er mit einem anderen Menschen spricht. Ich schaue auf, über die Grasspitzen hinweg und sehe Silas auf dem Feldweg stehen, neben einem Pärchen, von dem mir nur die Frau bekannt erscheint. Dann vernehme ich, wie in meiner Nähe das Gras geteilt wird. Eine mittelgroße Hündin, die irritierend nach Katze riecht, kommt auf mich zu. Ich begrüße sie trotzdem freundlich, erkenne sie dann erst so richtig an ihrem Analgesicht – Mieze, ja, Mieze, die Foxterrier-Labrador-Zwergpinscher-Hündin! „Du hast doch zusammen mit der Katze einen Sonderpreis gewonnen, bei dem Wettbewerb. Ich wusste nicht, dass du in Wufze wohnst.“
„Wir sind auch erst kürzlich nach hierher gezogen, Bella, meine Marlene und ich“, erklärt sie mir und fügt leise knurrend hinzu: „…wegen Walter.“
„Walter?“
„Ja“, erzählt Mieze weiter. „Bei dem wohnen wir jetzt.“
Es klingt alles andere als begeistert, aber ich komme nicht dazu, sie zu fragen, warum. Sie wird nämlich im nächsten Moment gerufen und möchte, dass ich mitkomme zum Feldweg. „Mein Ball, ich muss erst noch meinen Ball finden“, erkläre ich ihr. „Ohne den kehre ich nicht zurück!“
Mieze ist sichtlich irritiert, interessiert sich offenbar nicht für’s Apportieren und geht schon mal zu ihren Menschen.
Als ich kurz darauf mit meinem Ball auf den Feldweg trabe, traue ich Nase und Augen kaum. Hockt da doch tatsächlich die schneeweiße Katze Bella neben Mieze und genießt die freundliche Aufmerksamkeit der Menschen. Nur besagter Walter – der verstellt sich. Ich wittere es genau. Der würde Bella am liebsten den Hals umdrehen.
„Bella hält sich wahrscheinlich für einen Hund“, meint Marlene lachend. „Kein Wunder, sie kam ja als verwaistes Baby zu mir, hatte so gut wie keinen Kontakt zu anderen Katzen und wurde sofort von Mieze adoptiert.“
„Aber wie kam Mieze zu ihrem ungewöhnlichen Namen“, fragt Silas. „Sie hieß doch damals schon so, oder?“
Marlene setzt gerade zum Erklären an, als ausgerechnet Django in großen Sätzen angesprungen kommt. „Hallo, hallo!“, kläfft er laut und übermütig, entdeckt Bella und starrt sie an. Ich erkenne genau, was hinter seiner krausen Stirn vorgeht: Ist das da eine Katze? Kann das wirklich eine Katze sein, wenn es einfach da hocken bleibt?
So oder so ähnlich brodelt es in seinem Boxerhirn. Nichts Gutes ahnend, trete ich an Djangos Seite, um ihm zu erklären, dass Bella hier dazu gehört. Ich glaube, es kann mir gelingen, ja, es kann mir gelingen!
Aber da zwickt plötzlich dieser Walter verstohlen in Djangos Hinterbacke. Die anderen Menschen bekommen nichts davon mit, nicht mal Silas.
„Die Katze kann nichts dafür!“, kläffe ich Django zu, doch er ist viel zu aufgeregt, um auf mich zu hören. Im nächsten Augenblick, bevor einer auch nur irgendetwas dagegen unternehmen kann, springt Bella davon, gejagt von knapp fünfzig Kilo Boxer.
Ich setze ihnen nach, vorbei an Djangos Mensch, der von all dem gar nichts mitbekommt und mit offenem Mund durch die Luft schaut. Dem Boxer an Geschwindigkeit zumindest ebenbürtig, habe ich ihn am Waldsaum fast eingeholt, als er auf Ruf seines Menschen plötzlich umkehrt und mich hechelnd und mit leuchtenden Augen anblickt. „So, die wird sich so schnell nicht mehr hier blicken lassen!“
Das fürchte ich auch, rufe aber trotzdem aus Leibeskräften nach Bella, während Django zu den anderen trabt. Auf eine Standpauke verzichte ich. Die wird er, wie ich fern hinter mir höre, zur Genüge aus Miezes Schnauze über sich ergehen lassen müssen. Und da Django mit Damen – zumindest mit Hundedamen -, vorbildlich umgeht, kann sie sich das ganz sicher gefahrlos leisten.

Über zwei Monate vergehen, ohne das geringste Lebenszeichen von Bella. Niedergeschlagen wie am ersten Tag ihres Verschwindens, begegnet mir Mieze stets mit todtraurigem Blick und hängender Rute.
Sogar Walter beklagt Bellas Verlust. Marlene und anderen Menschen, die immer wieder nach Bella fragen, kann er das weismachen – Mieze und mir natürlich nicht!
„Ich weiß ja, dass Menschen verlogen sein können“, empört sie sich, als wir uns eines Nachmittags im Spätherbst im Wohnviertel begegnen, nur wenige Meter von ihrem Haus entfernt. „Aber Walter bricht wirklich alle Rekorde, grrrrrrrrrrrrrr! Wenn es dafür einen Wettbewerb gäbe… grrrrrrrrrrrrrr!“ Mit gefletschten Zähnen blickt sie zu ihrer Haustür, durch welche er gerade nach draußen geht, zum offenen Kofferraum seines Autos – beladen mit Katzenkorb, Decken, Kissen sowie Spielzeugen.
„All ihre Sachen bringt er jetzt ins Tierheim“, jault Mieze, „angeblich, damit wir nicht dauernd an Bella denken müssen. Aber ich will ja an sie denken, wahuuuuuuu!“
Walter schaut kurz zu uns hinüber und eilt dann zurück ins Haus, hat offenbar etwas vergessen. Diesen Moment muss ich nutzen, denn ich habe eine Idee. „Verrate mich nicht“, fiepe ich Mieze zu, springe in den noch offenen Kofferraum, wühle mich unter eine von Bellas Decken und verharre mucksmäuschenstill – gerade noch rechtzeitig, denn da kommt Walter auch schon. Zum Glück schaut er nicht genau hin, klappt nur den Kofferraumdeckel zu, steigt ein und braust davon.
Oh je, denke ich, eingeschlossen in mein dunkles, stickiges Verließ, wie konntest du dir das bloß antun, Tristan? Willst du etwa mit abgeliefert werden, im Tierheim?

Ob ich tatsächlich im Tierheim lande, das erfahrt ihr in drei Wochen. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan