Wie sag ich’s meinem Menschen? – Teil 2

Am nächsten Morgen erscheint Nora tatsächlich mit Nadine in meiner Praxis. „Untersucht sie, nicht mich – bitte“, fleht sie uns an, als sie den Behandlungsraum betritt.
„Wie stellst du dir das vor?“, frage ich. „Nadine ist schließlich ein Mensch.“
„Mensch oder Hund, ist doch egal“, jault Nora und will sich nicht auf den Tisch heben lassen, sondern zappelt wie verrückt auf Silas‘ Armen herum, so dass er sie wieder absetzen und erst mal aufatmen muss.
„Das macht sie doch sonst nie“, jammert Nadine. „Was ist bloß mit ihr los?“ Der Verzweiflung nahe, schließt sie Nora in die Arme und weint ihr das Fell nass.
„Damit signalisieren Sie ihr nur, dass Sie große Probleme haben“, warnt Silas. „Mittlerweile glaube ich, es muss psychisch bedingt sein.“
„Ja dann…“, beginnt Nadine. „Können Sie mir einen Hundepsychologen empfehlen?“
…der am besten auch noch Menschenarzt ist, überlege ich. Doch plötzlich fällt mir etwas anderes ein.

Kaum kann ich die nächsten Spaziergänge erwarten, bei denen ich möglichst viele Artgenossen zu treffen hoffe. „Noras Mensch muss ganz dringend zum Arzt!“, kläffe ich allen zu und unterbreite ihnen meinen ausgeklügelten Plan. Sogar die Vögel über uns in den Bäumen zwitschern aufgeregt mit.
Silas dagegen stellt nur immer wieder verwundert fest: „Komisch, wie ausgelassen Tristan in letzter Zeit ist.“

Tage später weiß praktisch jeder Hund in Wufze Bescheid und will mithelfen, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet.
Die lässt zum Glück nicht lange auf sich warten. Wieder mal sind Silas, Manna, Isabel und ich abends im Wald unterwegs zur Hundewiese. „Super!“, belle ich, als von einem Seitenweg aus mein Freund Cooper zu uns stößt, der seine Menschen stets an einer langen Schleppleine führt. Er ist schneller als der Wind, weil einer seiner Ahnen ein Greyhound war.
„Du bist genau der Richtige für dieses Unterfangen! Jetzt fehlen nur noch…“ Mir stockt vor Aufregung der Atem, denn da kommen sie uns tatsächlich auf dem Waldweg entgegen – Nora und Nadine. Ein schneller Blickwechsel, und wir Hunde stürmen los.
„Halt!“ „Stop“ „Hierher!“ „Bei Fuß!“ und Ähnliches schreien unsere Menschen. Sollen sie ruhig, denn wir wissen, was wir tun.

Während Manna, Nora und ich um Nadine herumspringen, umkreist Cooper sie immer und immer wieder, bis sie eingewickelt ist. Die Ärmste, hat keine Ahnung wie ihr geschieht.
Ein letzter Schups noch von Manna und mir – da liegt sie auch schon am Boden und stöhnt. „Au – mein Knöchel!“
Tröstend leckt Nora ihr über’s Gesicht. Auch uns anderen tut sie leid, doch wer nicht verstehen will… Nun ja, die Aktion war ein voller Erfolg! Silas telefoniert bereits mit dem Notarzt.

Etwa eine Woche später holen Silas, Nora und ich Nadine vom Krankenhaus ab. Mit Tränen in den Augen begrüßt sie uns, umarmt uns Hunde immer wieder, kann gar nicht von uns ablassen.
Endlich kniet sie sich zu Nora hinab und nimmt ihren Kopf zwischen die Hände. „Danke, mein Schatz, danke…, und verzeih mir… Wenn ich dich bloß verstanden hätte…“

Noch immer die überglückliche Nora streichelnd, blickt Nadine zu Silas auf. „Tausend Dank, dass Sie sich um meinen Goldschatz gekümmert haben.“
„Schon okay“, meint Silas und reibt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Hauptsache, Ihnen geht’s wieder gut.“
Nadine nickt. „Als die Ärzte das Melanom entdeckten, waren sie äußerst besorgt. Aber nun sind sie sehr zuversichtlich, konnten es gerade noch rechtzeitig entfernen.“

Das ist ja noch mal gut gegangen. Aber schon warten neue Herausforderungen auf mich, und davon kann ich euch erst in drei Wochen was erzählen. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

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