Wie sag ich’s meinem Menschen? – Teil 1

Puh, geschafft! Das Wartezimmer ist leer, im Behandlungsraum noch der letzte Patient für heute. Aber was ist das? Draußen steht Manna, die Malteserin, mit ihrer Isabel.

Emma ringt sich ein Lächeln ab, öffnet die bereits geschlossene Tür und lässt die beiden herein, obwohl es sich diesmal eindeutig um keinen Notfall handelt. „Seid ihr bereit?“, begrüßt mich Manna schwanzwedelnd.
„Mal sehen.“ Ich lasse mir von einer murrenden Emma, die eigentlich die Abrechnung für heute fertig machen will, die Tür zum Behandlungsraum öffnen, wo Silas gerade einem Kaninchen die zu lang gewachsenen Zähne gekürzt hat. „Und?“, erkundige ich mich bei dem Kerlchen, „bist du zufrieden mit meinem Assistenten?“
Zustimmend mümmelt der Rammler. „Jetzt kann ich wieder richtig essen.“
Silas streichelt ihn, setzt ihn in seine Kiste und wendet sich erwartungsvoll an mich. „Sind die beiden schon da?“
„Wuff“, antworte ich. Silas strahlt.
„Der versteht wohl jedes Wort“, meint der Mensch meines Patienten anerkennend. Silas klopft mir auf die Schulter. „Klar doch, nicht wahr, Doc? Wir sind ein gutes Team.“
Dem kann ich natürlich nur zustimmen und springe ungeduldig im Kreis. „Aber jetzt raus hier, auf die Wiese und Ball spielen!“

Im Wald treffen wir ausgerechnet Zorro und Herrn Dörrle, die auch zur Wiese wollen. Sein Bein ist zwar verheilt, jedoch nur bedingt brauchbar. Also kommen die Zwei sehr langsam voran, und Zorro hat länger Gelegenheit zum Schnüffeln, als ihm lieb ist.
Wie es sich unter anständigen Hunden geziemt, begrüße ich ihn kurz und eile weiter. „Komm Manna, auf den warten wir nicht.“
Silas und Isabel wechseln ein paar freundliche Worte mit Herrn Dörrle, wünschen ihm einen schönen Abend und folgen uns dann Richtung Wiese.
Auch Zorro rennt uns nach, aber da gerät er bei mir gerade an den Richtigen. „Du, bleib gefälligst bei deinem Menschen!“, schärfe ich ihm leise knurrend ein und setze mich mit steil erhobener Rute an die Spitze unseres Mini-Rudels. „Wuff, welch herrrrrrrlicher Abend!“

Nach einer Weile kommt uns von weitem plötzlich Klara entgegen, noch ein Grund zur Freude! Aber sie ist nicht allein unterwegs mit ihrem Menschen. Neben ihr trottet eine blaugrau gesprenkelte Australische Schäferhündin. Immer wieder schaut sie besorgt zu ihrer Begleiterin auf, einer etwa vierzigjährigen Frau.
Als Klara mich erkennt, läuft sie mir sofort entgegen. „Hallo Tristan, geht’s dir gut?“
„Wenn ich dich sehe, immer, mein Sch(m)atz“, schmeichle ich und beschnuppere sie ausgiebig. „Übrigens – meine herzliche Gratulation zum ersten Preis!“
„Ach“, wedelt sie bescheiden ab, „wenn’s wenigstens einen ordentlichen Brocken Fleisch für den ganzen Aufwand gegeben hätte, so einen herrlich duftenden Pansen zum Beispiel…“
Während ich ihr neues Geschirr belecke, erzählt sie davon und wird jetzt doch ein bisschen stolz. „Ich sei eine Gewinnerin“, soll drauf stehen, hat man mir gesagt. „Wir können’s nicht lesen, ist ja auch auf Englisch. Aber viele Menschen freuen sich darüber und loben mich.“

Von hinten naht zwar schon wieder Zorro, hält aber respektvoll Abstand. Das rate ich ihm auch! Unterdessen ändert der Wind seine Richtung und weht mir den Duft der Australischen Schäferhündin samt dem ihrer Partnerin zu.
Endlich erkenne ich in ihnen Nora und ihre Nadine. Sie waren erst vor wenigen Wochen bei mir in der Praxis, weil Nadine sich Sorgen um Nora machte. Zum Glück haben wir aber keine Erkrankung bei ihr festgestellt.
„Was mach ich bloß, Tristan?“, wendet sich Nora bedrückt an mich, nachdem alle Vier- und Zweibeiner sich gegenseitig gebührend begrüßt haben. „Wie mach ich meiner Nadine klar, dass sie unbedingt zum Arzt gehen muss, nicht ich? Schnuppere doch mal. Riechst du nicht auch, dass irgendwas mit ihr nicht stimmt?“
Als großer Menschenfreund tue ich Nora gern den Gefallen. „Du bist ja mal ein Netter“, stellt Nadine fest und krault mich ausgiebig hinter den Ohren. „Aber was suchst du denn? Ich hab leider keine Leckerlis dabei.“
„Schon gut“, fiepe ich und stelle mich auf die Hinterpfoten, um ihren Bauch eingehender beschnuppern zu können.

„Tristan“, mahnt Silas verlegen, doch ich lasse mich nicht beirren. Nora hat recht. Durch Nadines T-Shirt wittere ich, dass mit ihrer Haut etwas nicht stimmt.
Mich weiter kraulend, wendet sie sich an Silas. „Übrigens gut, dass ich Sie treffe. Ich mache mir nämlich immer noch große Sorgen um meine Nora. Sie muss etwas haben. Es geht ihr nicht gut. Immer schaut sie mich so leidend an.“

„Es ist wirklich zum Verzweifeln“, meint die Schäferhündin zu mir, während Silas ihr in Augen und Ohren sieht, sie abtastet, aber einfach nichts feststellen kann, was auf eine Erkrankung hinweist.
Sie sei natürlich froh darüber, betont Nadine, aber… „Es muss doch einen Grund haben, wenn sie sich so seltsam verhält.“
„Hm“, überlegt Silas. „Bestimmt, aber vielleicht ist der ganz woanders zu suchen.“
„Wau, wau, wau“, pflichte ich ihm eifrig bei, und auch Nora stimmt mit ein.

Die Menschen um uns herum lachen. „Schon gut, wir gehen ja gleich auf die Wiese.“
Was soll ich sagen? Manchmal ist es einfach zum Verzweifeln mit den Zweibeinern.

Was glaubt ihr, wie lösen wir das Problem? In zwei Wochen erzähle ich es euch. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

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