Archiv für den Monat: Mai 2014

Wie sag ich’s meinem Menschen? – Teil 2

Am nächsten Morgen erscheint Nora tatsächlich mit Nadine in meiner Praxis. „Untersucht sie, nicht mich – bitte“, fleht sie uns an, als sie den Behandlungsraum betritt.
„Wie stellst du dir das vor?“, frage ich. „Nadine ist schließlich ein Mensch.“
„Mensch oder Hund, ist doch egal“, jault Nora und will sich nicht auf den Tisch heben lassen, sondern zappelt wie verrückt auf Silas‘ Armen herum, so dass er sie wieder absetzen und erst mal aufatmen muss.
„Das macht sie doch sonst nie“, jammert Nadine. „Was ist bloß mit ihr los?“ Der Verzweiflung nahe, schließt sie Nora in die Arme und weint ihr das Fell nass.
„Damit signalisieren Sie ihr nur, dass Sie große Probleme haben“, warnt Silas. „Mittlerweile glaube ich, es muss psychisch bedingt sein.“
„Ja dann…“, beginnt Nadine. „Können Sie mir einen Hundepsychologen empfehlen?“
…der am besten auch noch Menschenarzt ist, überlege ich. Doch plötzlich fällt mir etwas anderes ein.

Kaum kann ich die nächsten Spaziergänge erwarten, bei denen ich möglichst viele Artgenossen zu treffen hoffe. „Noras Mensch muss ganz dringend zum Arzt!“, kläffe ich allen zu und unterbreite ihnen meinen ausgeklügelten Plan. Sogar die Vögel über uns in den Bäumen zwitschern aufgeregt mit.
Silas dagegen stellt nur immer wieder verwundert fest: „Komisch, wie ausgelassen Tristan in letzter Zeit ist.“

Tage später weiß praktisch jeder Hund in Wufze Bescheid und will mithelfen, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet.
Die lässt zum Glück nicht lange auf sich warten. Wieder mal sind Silas, Manna, Isabel und ich abends im Wald unterwegs zur Hundewiese. „Super!“, belle ich, als von einem Seitenweg aus mein Freund Cooper zu uns stößt, der seine Menschen stets an einer langen Schleppleine führt. Er ist schneller als der Wind, weil einer seiner Ahnen ein Greyhound war.
„Du bist genau der Richtige für dieses Unterfangen! Jetzt fehlen nur noch…“ Mir stockt vor Aufregung der Atem, denn da kommen sie uns tatsächlich auf dem Waldweg entgegen – Nora und Nadine. Ein schneller Blickwechsel, und wir Hunde stürmen los.
„Halt!“ „Stop“ „Hierher!“ „Bei Fuß!“ und Ähnliches schreien unsere Menschen. Sollen sie ruhig, denn wir wissen, was wir tun.

Während Manna, Nora und ich um Nadine herumspringen, umkreist Cooper sie immer und immer wieder, bis sie eingewickelt ist. Die Ärmste, hat keine Ahnung wie ihr geschieht.
Ein letzter Schups noch von Manna und mir – da liegt sie auch schon am Boden und stöhnt. „Au – mein Knöchel!“
Tröstend leckt Nora ihr über’s Gesicht. Auch uns anderen tut sie leid, doch wer nicht verstehen will… Nun ja, die Aktion war ein voller Erfolg! Silas telefoniert bereits mit dem Notarzt.

Etwa eine Woche später holen Silas, Nora und ich Nadine vom Krankenhaus ab. Mit Tränen in den Augen begrüßt sie uns, umarmt uns Hunde immer wieder, kann gar nicht von uns ablassen.
Endlich kniet sie sich zu Nora hinab und nimmt ihren Kopf zwischen die Hände. „Danke, mein Schatz, danke…, und verzeih mir… Wenn ich dich bloß verstanden hätte…“

Noch immer die überglückliche Nora streichelnd, blickt Nadine zu Silas auf. „Tausend Dank, dass Sie sich um meinen Goldschatz gekümmert haben.“
„Schon okay“, meint Silas und reibt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Hauptsache, Ihnen geht’s wieder gut.“
Nadine nickt. „Als die Ärzte das Melanom entdeckten, waren sie äußerst besorgt. Aber nun sind sie sehr zuversichtlich, konnten es gerade noch rechtzeitig entfernen.“

Das ist ja noch mal gut gegangen. Aber schon warten neue Herausforderungen auf mich, und davon kann ich euch erst in drei Wochen was erzählen. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

Wie sag ich’s meinem Menschen? – Teil 1

Puh, geschafft! Das Wartezimmer ist leer, im Behandlungsraum noch der letzte Patient für heute. Aber was ist das? Draußen steht Manna, die Malteserin, mit ihrer Isabel.

Emma ringt sich ein Lächeln ab, öffnet die bereits geschlossene Tür und lässt die beiden herein, obwohl es sich diesmal eindeutig um keinen Notfall handelt. „Seid ihr bereit?“, begrüßt mich Manna schwanzwedelnd.
„Mal sehen.“ Ich lasse mir von einer murrenden Emma, die eigentlich die Abrechnung für heute fertig machen will, die Tür zum Behandlungsraum öffnen, wo Silas gerade einem Kaninchen die zu lang gewachsenen Zähne gekürzt hat. „Und?“, erkundige ich mich bei dem Kerlchen, „bist du zufrieden mit meinem Assistenten?“
Zustimmend mümmelt der Rammler. „Jetzt kann ich wieder richtig essen.“
Silas streichelt ihn, setzt ihn in seine Kiste und wendet sich erwartungsvoll an mich. „Sind die beiden schon da?“
„Wuff“, antworte ich. Silas strahlt.
„Der versteht wohl jedes Wort“, meint der Mensch meines Patienten anerkennend. Silas klopft mir auf die Schulter. „Klar doch, nicht wahr, Doc? Wir sind ein gutes Team.“
Dem kann ich natürlich nur zustimmen und springe ungeduldig im Kreis. „Aber jetzt raus hier, auf die Wiese und Ball spielen!“

Im Wald treffen wir ausgerechnet Zorro und Herrn Dörrle, die auch zur Wiese wollen. Sein Bein ist zwar verheilt, jedoch nur bedingt brauchbar. Also kommen die Zwei sehr langsam voran, und Zorro hat länger Gelegenheit zum Schnüffeln, als ihm lieb ist.
Wie es sich unter anständigen Hunden geziemt, begrüße ich ihn kurz und eile weiter. „Komm Manna, auf den warten wir nicht.“
Silas und Isabel wechseln ein paar freundliche Worte mit Herrn Dörrle, wünschen ihm einen schönen Abend und folgen uns dann Richtung Wiese.
Auch Zorro rennt uns nach, aber da gerät er bei mir gerade an den Richtigen. „Du, bleib gefälligst bei deinem Menschen!“, schärfe ich ihm leise knurrend ein und setze mich mit steil erhobener Rute an die Spitze unseres Mini-Rudels. „Wuff, welch herrrrrrrlicher Abend!“

Nach einer Weile kommt uns von weitem plötzlich Klara entgegen, noch ein Grund zur Freude! Aber sie ist nicht allein unterwegs mit ihrem Menschen. Neben ihr trottet eine blaugrau gesprenkelte Australische Schäferhündin. Immer wieder schaut sie besorgt zu ihrer Begleiterin auf, einer etwa vierzigjährigen Frau.
Als Klara mich erkennt, läuft sie mir sofort entgegen. „Hallo Tristan, geht’s dir gut?“
„Wenn ich dich sehe, immer, mein Sch(m)atz“, schmeichle ich und beschnuppere sie ausgiebig. „Übrigens – meine herzliche Gratulation zum ersten Preis!“
„Ach“, wedelt sie bescheiden ab, „wenn’s wenigstens einen ordentlichen Brocken Fleisch für den ganzen Aufwand gegeben hätte, so einen herrlich duftenden Pansen zum Beispiel…“
Während ich ihr neues Geschirr belecke, erzählt sie davon und wird jetzt doch ein bisschen stolz. „Ich sei eine Gewinnerin“, soll drauf stehen, hat man mir gesagt. „Wir können’s nicht lesen, ist ja auch auf Englisch. Aber viele Menschen freuen sich darüber und loben mich.“

Von hinten naht zwar schon wieder Zorro, hält aber respektvoll Abstand. Das rate ich ihm auch! Unterdessen ändert der Wind seine Richtung und weht mir den Duft der Australischen Schäferhündin samt dem ihrer Partnerin zu.
Endlich erkenne ich in ihnen Nora und ihre Nadine. Sie waren erst vor wenigen Wochen bei mir in der Praxis, weil Nadine sich Sorgen um Nora machte. Zum Glück haben wir aber keine Erkrankung bei ihr festgestellt.
„Was mach ich bloß, Tristan?“, wendet sich Nora bedrückt an mich, nachdem alle Vier- und Zweibeiner sich gegenseitig gebührend begrüßt haben. „Wie mach ich meiner Nadine klar, dass sie unbedingt zum Arzt gehen muss, nicht ich? Schnuppere doch mal. Riechst du nicht auch, dass irgendwas mit ihr nicht stimmt?“
Als großer Menschenfreund tue ich Nora gern den Gefallen. „Du bist ja mal ein Netter“, stellt Nadine fest und krault mich ausgiebig hinter den Ohren. „Aber was suchst du denn? Ich hab leider keine Leckerlis dabei.“
„Schon gut“, fiepe ich und stelle mich auf die Hinterpfoten, um ihren Bauch eingehender beschnuppern zu können.

„Tristan“, mahnt Silas verlegen, doch ich lasse mich nicht beirren. Nora hat recht. Durch Nadines T-Shirt wittere ich, dass mit ihrer Haut etwas nicht stimmt.
Mich weiter kraulend, wendet sie sich an Silas. „Übrigens gut, dass ich Sie treffe. Ich mache mir nämlich immer noch große Sorgen um meine Nora. Sie muss etwas haben. Es geht ihr nicht gut. Immer schaut sie mich so leidend an.“

„Es ist wirklich zum Verzweifeln“, meint die Schäferhündin zu mir, während Silas ihr in Augen und Ohren sieht, sie abtastet, aber einfach nichts feststellen kann, was auf eine Erkrankung hinweist.
Sie sei natürlich froh darüber, betont Nadine, aber… „Es muss doch einen Grund haben, wenn sie sich so seltsam verhält.“
„Hm“, überlegt Silas. „Bestimmt, aber vielleicht ist der ganz woanders zu suchen.“
„Wau, wau, wau“, pflichte ich ihm eifrig bei, und auch Nora stimmt mit ein.

Die Menschen um uns herum lachen. „Schon gut, wir gehen ja gleich auf die Wiese.“
Was soll ich sagen? Manchmal ist es einfach zum Verzweifeln mit den Zweibeinern.

Was glaubt ihr, wie lösen wir das Problem? In zwei Wochen erzähle ich es euch. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

Philosophische Betrachtung über Menschen im Allgemeinen und im Besonderen

Nicht zu fassen, aber den ersten Preis des Mischlingswettbewerbs haben sie doch tatsächlich unter Klara und Zorro aufgeteilt. Dabei hätte er ihr wirklich allein gebührt! Wer hat bloß diese Jury zusammengestellt?
Immerhin freut es mich für Bulldoggen-Sheltie Bombastica, dass sie den zweiten erhielt. Hat sie aber auch wirklich verdient – vor allem, wenn man bedenkt, was sie im Vorfeld durchmachen musste. Übrigens konnte ich schon fünf Hunde davon überzeugen, dass es besser ist, in der Gartenstraße nicht an Autoreifen zu pinkeln.
Und der dritte Preis, wer hat den gewonnen? Ach ja, Fantasy – und zwar hauptsächlich, weil sie schließlich so mutig war, doch noch mal den Laufsteg zu betreten. Nicht zuletzt hat sie das ihrem Menschen zu verdanken, weil er so viel Sicherheit ausstrahlte und sie damit bestärkte.
Dann gab’s noch einen Sonderpreis für’s außergewöhnlichste Team. Den ergatterten Foxterrier-Labrador-Zwergpinscher-Hündin Mieze und ihre Katze Bella.

„Wenn auch nicht alle Hunde – und Katzen – gewinnen können, so sind sie doch alle gleichermaßen liebenswert“, tröstete die Moderatorin nach der Siegerehrung die Teilnehmer und ihre Menschen. Hat sie das nicht schön ausgedrückt?

Apropos Menschen – die sind ja angeblich auch alle gleich, heißt es in der Flimmerkiste ständig, vor allem in den Nachrichten.
Also – demnach, was sie sich beim Spaziergang, im Wartezimmer, usw. immer wieder erzählen, scheinen sie das aber selbst überhaupt nicht zu glauben.
Da ereifern und streiten sie sich zum Beispiel über Schwarze, Rote, Grüne und Gelbe, (wobei ich bislang nur Erstere tatsächlich schon leibhaftig gesehen habe).

Wir Hunde urteilen nicht nach Farben oder Formen. Uns ist es egal, ob ein Artgenosse schwarz ist, braun, einfarbig, gescheckt, getupft, gesprenkelt oder oder oder…
Wobei ich leider einräumen muss, dass schlechte Angewohnheiten und negative menschliche Ansichten mittlerweile auf manche unserer Spezies abfärben.

Dieser Tage im Wartezimmer: „Sie gefällt mir nicht, trägt so ein eng gestreiftes Fell“, sagt doch tatsächlich ein Rottweiler. Dabei kann gerade der froh sein, dass er überhaupt noch eins trägt. Manch einer würde Vertretern seiner Rasse das Fell am liebsten über die Ohren ziehen, auch wenn sie niemals irgendwem – ob Zwei-, Vier-, Sechs-, Acht- oder Sonstwievielbeinern -, auch nur ein Härchen gekrümmt haben.
Aber es kommt noch schlimmer. Glaubt ihr etwa, auch nur einer meiner anderen Patienten würde dagegen Einspruch erheben?
Na ja, ein Whippet, aber der stört sich rein an Äußerlichkeiten. „Das nennt man gestromt“, belehrt er den Rotti hochnäsig und beginnt aufzuzählen: „Es gibt dunkel Gestromte, hell Ge…“ „Grrrrrrrr“, unterbreche ich ihn, kann es nicht mit anhören.
„Da fällt mir etwas ein“, piepst ein Chihuahuamädchen, „hab ich im Fernsehen gesehen, ehrlich. Da leben Labradore mit Menschen in Zimmerchen mit gestreiften Fenstern. Wenn die Sonne reinscheint, sind sogar die Böden gestreift, und die Menschen tragen immer gestreifte Sachen, und die Labradore sollen dafür sorgen, dass sie sich bessern.“
„Wer – die Sachen oder die Menschen?“, spöttelt ein Pudel, wahrscheinlich ein intellektueller Zyniker.

Nun – glücklicher Weise sind Diskriminierungen bezüglich von Äußerlichkeiten unter uns die Ausnahme. Noch. Den allermeisten Hunden und – zugegebenermaßen auch Katzen sowie anderen Tieren -, ist das Aussehen ihrer Mitgeschöpfe völlig wurst.

Apropos Wurst: Unfassbar, aber wisst ihr schon, dass es unter Menschen auch heute noch Kannibalen gibt – oder wenigstens solche, die es gern wären? „Ob grün, gelb, schwarz oder rot“, höre ich kürzlich beim Spaziergang jemanden sagen, „die kannst du alle in einen Topf werfen.“

Andere sind da zumindest ein bisschen geschmackvoller, wenn auch nicht weniger grausam: „Am besten alle Politiker in einen großen Sack, zubinden und im tiefsten See versenken!“
Ja, tatsächlich, ihr dürft es mir glauben, das hat ein Mensch gesagt, erst gestern am Bankschalter. Und er meinte damit Artgenossen, denn Politiker – das weiß ich genau, wenn’s auch manchmal schwer fällt, es zu glauben -, Politiker sind auch Menschen.

Wenn euch dazu was einfällt und ihr Lust habt, dürft ihr es mir gern mitteilen, wuff! Ansonsten bis zum nächsten Mal, und macht’s gut – euer Tristan