Tricksi, die KFZ-Mechanikerin, Teil 1

Eigentlich hätten wir längst Mittagspause, aber das Wartezimmer ist noch voll. Gelangweilt, genervt, zitternd, schicksalsergeben oder beneidenswert gelassen – je nach Temperament -, verharren meine Patienten bei ihren Menschen.

Manche sind kaum wiederzuerkennen – Bruno und Zampano zum Beispiel, zwei Terrier, die sich sonst schier an die Gurgel springen, wenn sie sich begegnen. Jetzt sitzen sie still und scheinbar einträchtig beieinander, ja, haben sich noch nicht ein Mal angeknurrt – unfassbar!

Nur Silas‘ Magen, der beschwert sich vernehmlich, will sich nicht länger mit gelegentlich eingeworfenen Bonbons begnügen, sondern endlich richtig arbeiten! Doch wie soll das gehen, wenn der ganze übrige Teil meines Assistenten noch zu tun hat? Schließlich können wir unsere Kranken nicht unverrichteter Dinge rausschmeißen.
Zumindest Bruno wird allmählich doch nervös. Weil er nicht weiß, wie er damit umgehen soll, beginnt er, zittrig fiepend vor sich hin zu erzählen: „Feucht heute in der Parkstraße, sehr feucht, sehr sehr feucht, Spuren kaum noch lesbar, sonst nichts besonderes los, aber ales wirklich sehr sehr feucht.“
„Ach, halt doch die Schnauze“, murrt Zampano, hebt kurz den Kopf von den Vorderpfoten und döst dann weiter vor sich hin.
„Aber in der Parkstraße muss seit den frühen Morgenstunden ganz schön was los gewesen sein“, meldet sich eine Münsterländerin vom Sitzplatz gegenüber zu Wort.
„Lass mal dein Gehör untersuchen“, rät ein Scotchterrier. „Die Geräusche kamen eindeutig aus der Gartenstraße.“

Gartenstraße? Nun spitze auch ich meine Ohren. Der Scotch bemerkt es und wendet sich mir zu: „Ja, ich wohne dort, wo die Parkstraße in die Gartenstraße mündet und habe noch vor dem Morgengrauen gehört, dass da jemand rumschleicht, zwischen den Autos, die am Gehsteig parken. Hab’s meinem Menschen gesagt, aber…“ Er stockt und wirft einen Blick aufwärts zu einer müde aus ihrer Bluse blickenden Frau. „Sie wollte nichts davon wissen, hat weitergeschlafen, als gäb’s überhaupt nichts Gefährliches auf der Welt, typisch Mensch.“

Tja, darüber könnten wir Hunde nun ausgiebig philosophieren, denke ich bei mir, höre aber plötzlich, dass jemand vor der Praxistür steht und schaue hinaus. Es ist ein alter Mann mit einem großen Transportkorb, den er fest an sich klammert. Leider macht es mich nicht stutzig, dass das runde Gittertürchen mehrfach durch Schnüre gesichert ist.
Emma hat bereits vorsorglich abgeschlossen und verweist bedauernd auf ihre Armbanduhr. „Tut mir leid, heute Nachmittag wieder.“
Aber die Augen des Alten sind röter als die des rassetypischsten Bluthundes, und auch sonst bietet er ein einziges Bild des Jammers. Fragend blickt Emma zu Silas und mir. „Wau“, sage ich, „ist augenscheinlich ein Notfall, also lass ihn rein.“
Im nächsten Moment bereue ich meine Entscheidung auch schon. Notfall???!!! Kaum betritt der Alte unser Wartezimmer, da droht der Korb sich selbstständig zu machen. „Rache!“, faucht es so schauderhaft drohend aus ihm heraus, dass sämtliche meiner Patienten sich unter den Stühlen oder auf den Schößen ihrer Menschen verkriechen, sofern sie das können.
„Ich lass mich nicht einsperren! Racheee!“, dringt es markerschütternd laut und schrill aus dem Korb, steigert vermutlich die Zahl meiner hörgeschädigten Patienten.

Zwei Katzen verdrücken sich bis in die hintersten Ecken ihrer Transportboxen, und ein Meerschweinchen quiekt, als würde es abgeschlachtet werden. Emma will den Korb samt Inhalt übernehmen, zuckt aber reflexartig zurück. „Au!“
Tröstend lecke ich den Blutstropfen von ihrer Hand und fixiere scheinbar unzählige scharfer Krallen, die immer wieder blitzartig durch das Weidengeflecht hervor schießen.
Noch ehe der alte Mann den Mund öffnen und sich für das Verhalten seiner Schutzbefohlenen entschuldigen kann, überwindet Emma ihren Schock. Beherzt greift sie zu, stellt den Korb direkt neben dem nächstgelegenen Behandlungsraum auf den Boden und will die Personalien aufnehmen. „Tricksi, mit ck“, buchstabiert der Alte – eine gut begründete Schreibweise, wie sich gleich darauf heraus stellt.
Tricksis Pfote zwängt sich nämlich durch das Gittertürchen des Korbes und zieht, gewusst wie, an den Schnüren. Zack! Das Türchen springt auf, und ein graumeliertes Etwas mit giftgrünfunkelnden Augen schießt hinaus, in die Freiheit des Wartezimmers.

Hunde, die bereits auf den Schößen ihrer Menschen Zuflucht genommen haben, versuchen regelrecht, in sie hinein zu kriechen. Ein deutscher Schäferhund fühlt sich unter dem Stuhl nicht mehr sicher, will jetzt auch zum Schoßhund werden. „Aber Arco“, möchte sein Mensch ihn beschwichtigen. „Stell dich nicht so an. Das ist doch bloß ein kleines Kätzchen.“

Kätzchen???!!! Sicher, diese Furie, die da durch’s Wartezimmer schießt und dabei überall und nirgends zugleich ist, die riecht nach Katze – wenn man mal von diversen anderen Duftstoffen absieht, die ihr anhaften, wie zum Beispiel Motorenöl. Aber ist das – ja -, kann das denn wirklich eine Katze sein???
Emma, unsere liebe Emma, die stets an das Gute in allen Wesen glaubt, spricht beruhigend auf Tricksi ein, aber die kauert stur in einer Ecke, hinter unserem Drachenbaum, beäugt von meinen anderen Patienten und ihren Menschen. Die bringen ihr sichtlich gemischte Gefühle entgegen.
Misstrauen funkelt in Tricksis Augen, und fast unsichtbar eng liegen ihre Ohren am Kopf. „Nicht fixieren, am besten gar nicht beachten“, meint Silas mit ruhiger Stimme und wendet sich an Tricksis Personal: „Was fehlt ihr denn?“
„Nichts“, antwortet der Alte, als wundere er sich über diese Frage. „Sie braucht nur eine neue Impfung.“
„Ist das eine Russisch Blau?“, möchte ein Menschenmädchen wissen. Der alte Mann grinst. „Nein. Tricksi ist KFZ-Mechanikerin, und vor ihrer Lehre war sie eine original Wufzener Weiß.“

Wenn ihr wissen wollt, wie’s weiter geht, dann schaut in zwei Wochen wieder rein. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

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