Archiv für den Monat: März 2014

Tricksi, die KFZ-Mechanikerin, Teil 1

Eigentlich hätten wir längst Mittagspause, aber das Wartezimmer ist noch voll. Gelangweilt, genervt, zitternd, schicksalsergeben oder beneidenswert gelassen – je nach Temperament -, verharren meine Patienten bei ihren Menschen.

Manche sind kaum wiederzuerkennen – Bruno und Zampano zum Beispiel, zwei Terrier, die sich sonst schier an die Gurgel springen, wenn sie sich begegnen. Jetzt sitzen sie still und scheinbar einträchtig beieinander, ja, haben sich noch nicht ein Mal angeknurrt – unfassbar!

Nur Silas‘ Magen, der beschwert sich vernehmlich, will sich nicht länger mit gelegentlich eingeworfenen Bonbons begnügen, sondern endlich richtig arbeiten! Doch wie soll das gehen, wenn der ganze übrige Teil meines Assistenten noch zu tun hat? Schließlich können wir unsere Kranken nicht unverrichteter Dinge rausschmeißen.
Zumindest Bruno wird allmählich doch nervös. Weil er nicht weiß, wie er damit umgehen soll, beginnt er, zittrig fiepend vor sich hin zu erzählen: „Feucht heute in der Parkstraße, sehr feucht, sehr sehr feucht, Spuren kaum noch lesbar, sonst nichts besonderes los, aber ales wirklich sehr sehr feucht.“
„Ach, halt doch die Schnauze“, murrt Zampano, hebt kurz den Kopf von den Vorderpfoten und döst dann weiter vor sich hin.
„Aber in der Parkstraße muss seit den frühen Morgenstunden ganz schön was los gewesen sein“, meldet sich eine Münsterländerin vom Sitzplatz gegenüber zu Wort.
„Lass mal dein Gehör untersuchen“, rät ein Scotchterrier. „Die Geräusche kamen eindeutig aus der Gartenstraße.“

Gartenstraße? Nun spitze auch ich meine Ohren. Der Scotch bemerkt es und wendet sich mir zu: „Ja, ich wohne dort, wo die Parkstraße in die Gartenstraße mündet und habe noch vor dem Morgengrauen gehört, dass da jemand rumschleicht, zwischen den Autos, die am Gehsteig parken. Hab’s meinem Menschen gesagt, aber…“ Er stockt und wirft einen Blick aufwärts zu einer müde aus ihrer Bluse blickenden Frau. „Sie wollte nichts davon wissen, hat weitergeschlafen, als gäb’s überhaupt nichts Gefährliches auf der Welt, typisch Mensch.“

Tja, darüber könnten wir Hunde nun ausgiebig philosophieren, denke ich bei mir, höre aber plötzlich, dass jemand vor der Praxistür steht und schaue hinaus. Es ist ein alter Mann mit einem großen Transportkorb, den er fest an sich klammert. Leider macht es mich nicht stutzig, dass das runde Gittertürchen mehrfach durch Schnüre gesichert ist.
Emma hat bereits vorsorglich abgeschlossen und verweist bedauernd auf ihre Armbanduhr. „Tut mir leid, heute Nachmittag wieder.“
Aber die Augen des Alten sind röter als die des rassetypischsten Bluthundes, und auch sonst bietet er ein einziges Bild des Jammers. Fragend blickt Emma zu Silas und mir. „Wau“, sage ich, „ist augenscheinlich ein Notfall, also lass ihn rein.“
Im nächsten Moment bereue ich meine Entscheidung auch schon. Notfall???!!! Kaum betritt der Alte unser Wartezimmer, da droht der Korb sich selbstständig zu machen. „Rache!“, faucht es so schauderhaft drohend aus ihm heraus, dass sämtliche meiner Patienten sich unter den Stühlen oder auf den Schößen ihrer Menschen verkriechen, sofern sie das können.
„Ich lass mich nicht einsperren! Racheee!“, dringt es markerschütternd laut und schrill aus dem Korb, steigert vermutlich die Zahl meiner hörgeschädigten Patienten.

Zwei Katzen verdrücken sich bis in die hintersten Ecken ihrer Transportboxen, und ein Meerschweinchen quiekt, als würde es abgeschlachtet werden. Emma will den Korb samt Inhalt übernehmen, zuckt aber reflexartig zurück. „Au!“
Tröstend lecke ich den Blutstropfen von ihrer Hand und fixiere scheinbar unzählige scharfer Krallen, die immer wieder blitzartig durch das Weidengeflecht hervor schießen.
Noch ehe der alte Mann den Mund öffnen und sich für das Verhalten seiner Schutzbefohlenen entschuldigen kann, überwindet Emma ihren Schock. Beherzt greift sie zu, stellt den Korb direkt neben dem nächstgelegenen Behandlungsraum auf den Boden und will die Personalien aufnehmen. „Tricksi, mit ck“, buchstabiert der Alte – eine gut begründete Schreibweise, wie sich gleich darauf heraus stellt.
Tricksis Pfote zwängt sich nämlich durch das Gittertürchen des Korbes und zieht, gewusst wie, an den Schnüren. Zack! Das Türchen springt auf, und ein graumeliertes Etwas mit giftgrünfunkelnden Augen schießt hinaus, in die Freiheit des Wartezimmers.

Hunde, die bereits auf den Schößen ihrer Menschen Zuflucht genommen haben, versuchen regelrecht, in sie hinein zu kriechen. Ein deutscher Schäferhund fühlt sich unter dem Stuhl nicht mehr sicher, will jetzt auch zum Schoßhund werden. „Aber Arco“, möchte sein Mensch ihn beschwichtigen. „Stell dich nicht so an. Das ist doch bloß ein kleines Kätzchen.“

Kätzchen???!!! Sicher, diese Furie, die da durch’s Wartezimmer schießt und dabei überall und nirgends zugleich ist, die riecht nach Katze – wenn man mal von diversen anderen Duftstoffen absieht, die ihr anhaften, wie zum Beispiel Motorenöl. Aber ist das – ja -, kann das denn wirklich eine Katze sein???
Emma, unsere liebe Emma, die stets an das Gute in allen Wesen glaubt, spricht beruhigend auf Tricksi ein, aber die kauert stur in einer Ecke, hinter unserem Drachenbaum, beäugt von meinen anderen Patienten und ihren Menschen. Die bringen ihr sichtlich gemischte Gefühle entgegen.
Misstrauen funkelt in Tricksis Augen, und fast unsichtbar eng liegen ihre Ohren am Kopf. „Nicht fixieren, am besten gar nicht beachten“, meint Silas mit ruhiger Stimme und wendet sich an Tricksis Personal: „Was fehlt ihr denn?“
„Nichts“, antwortet der Alte, als wundere er sich über diese Frage. „Sie braucht nur eine neue Impfung.“
„Ist das eine Russisch Blau?“, möchte ein Menschenmädchen wissen. Der alte Mann grinst. „Nein. Tricksi ist KFZ-Mechanikerin, und vor ihrer Lehre war sie eine original Wufzener Weiß.“

Wenn ihr wissen wollt, wie’s weiter geht, dann schaut in zwei Wochen wieder rein. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

Wie aus Mixen Pudel werden, Teil 2

Nachdenklich lasse ich Nase und Augen über die Warteschlange vor Silas und mir schweifen. Von überall her sind sie angereist, viele, viele Mixe – bunt, rund, von schlank bis windhundschlank, bullig, schrullig, wollig, mollig, rollig…
Rollig??? Eine Katze! Wieso hockt da eine Katze zwischen all den Hunden? Ich schaue zu Silas auf und belle Alarm, merke an seinem Gesicht wie auch an seinem Geruch, dass er genauso erstaunt darüber ist wie ich.
Doch Mieze, die Foxterrier-Labrador-Zwergpinscher-Hündin neben der Katze, meldet sich zu Wort: „Das ist Bella, mein Maskottchen. Ohne sie gehe ich nirgendwo hin.“
Ich bin gerade noch am Überlegen, ob wir das akzeptieren sollten, als ich plötzlich Zorro in der Menge erspähe – und neben ihm Klara, meine Klara. „Grrrrrrrrr!“
„Was hast du, Tristan?“
Oh, fast hätte ich vergessen, dass Silas neben mir steht. „Nichts“, fiepe ich und lecke mir beschwichtigend über die Nase.
Freilich könnte ich Zorro wegen seiner Durchfallneigung vom Wettbewerb ausschließen lassen, aber wäre das wirklich sinnvoll? Dann verbringt er womöglich sein ganzes weiteres Leben im festen Glauben, er hätte den ersten Platz belegt und benimmt sich entsprechend. Kann ich das verantworten, als Arzt?
„Wann geht’s denn endlich los?“, kläfft ungeduldig eine Beagle-Spitzin. „Nur zum Rumstehen bin ich nicht gekommen.“
Hat die ein Glück, dass sie ein Mädchen ist! Sonst würde ich sie gehörig in die Schranken weisen und ihr gleich einen Punkt abziehen, wegen schlechten Benehmens. Charakterstärke spielt bei diesem Wettbewerb nämlich auch eine Rolle, sagt Silas.
Aber eigentlich hat die Beagle-Spitzin ja Recht. Wir sollten wirklich anfangen, denn – auch wenn die Menschen das schöne Sommerwetter nun schon mehrfach loben -, ich und andere Vertreter meiner Spezies, wir trauen ihm ganz und gar nicht.
Außerdem vernehme ich inzwischen vereinzelt weitere Äußerungen unzufriedener Artgenossen, denen’s scheinbar langweilig wird. Wo und bei wem sollte man also mit dem Punkteabzug beginnen?
Als erste darf Fantasy den Laufsteg betreten. Whow, wie die mit ihren Hüften schlenkert, haut mich ja fast um! Oder hat sie etwa eine beginnende Dysplasie?
Der Mensch an ihrer Seite, ein junger Mann, trägt ein T-Shirt mit Pfötchendesign, farblich passend zu Fantasy’s graubraunem Fell, dem man sofort ansieht, dass sie noch nie in der Wufzener Gartenstraße war. An den Spitzen schimmert es leicht silbrig.
Auch sonst scheint das Hund/Mensch-Team gut miteinander zu harmonieren, präsentiert sich im Gleichschritt und hält Blickkontakt.
Fantasy mache ihrem Namen alle Ehre, höre ich jemanden sagen. Man brauche wirklich Fantasie, um sich vorzustellen, welche Rassen sie in sich vereine.
Mir ist das zwar wurscht, aber diese Dame ist tatsächlich eine Wucht! Ob ich wohl bei ihr landen könnte?

Ein wildes Etwas, das bloß aus ausgebürstetem Fell zu bestehen scheint, stürmt plötzlich den Laufsteg und wuselt zwischen Hundepfoten und Menschenfüßen umher. Die Leute lachen, warum nur? Ich finde das gar nicht lustig und protestiere lauthals. Fantasy und ihr Mensch zeigen ebenfalls wenig Begeisterung über die Störung. Sichtlich brüskiert, ziehen sie sich an den Rand des Laufstegs zurück.
„Oh tut mir leid, Entschuldigung, Entschuldigung!“, ruft eine Frau und versucht mit wachsender Verzweiflung, das offenbar entflohene Fellbüschel zu erhaschen. „Keks, komm sofort her – hierher Keks, hörst du nicht?!“
Wieder so ein Beispiel überbordender menschlicher Intelligenz, denke ich. Selbst die miserabelsten Hundeohren könnten dieses Geschrei unmöglich überhören.
Gleich wird mir klar, warum Keks abgehauen ist. Ein Rüde mit deutlichem Jack-Russel-Einschlag hopst jetzt ebenfalls auf den Laufsteg und versucht, ihn dorthin zu zwicken, wo vermutlich seine Pfötchen sind.
Mir reicht’s. Ich kann das nicht länger mitansehen. Entschieden fahre ich zwischen die vermeintlichen Kontrahenten und fixiere sie. Wie plötzlich ausgestopft, halten sie auf der Stelle inne und gehorchen meinem Border Collie-Blick.
„Guck mal, ist das Absicht?“, höre ich ein Kind fragen und gleich darauf eine andere Stimme: „Der Neue da ist aber kein Mischling.“
Indessen wird Keks von seiner Menschenfrau auf den Arm genommen und scheint dabei in Sekundenschnelle zu wachsen. „Ich mach‘ euch alle, mach euch alle alle!“, kläfft er in den höchsten Tönchen hinunter.
Der Jack-Russel-Mix entflieht doch tatsächlich meinem Bannblick und zwickt Keks‘ Mensch in die Fersen. Wie eine hufkranke Ziege, hüpft die Frau über den Laufsteg.
„Hi, hi, hi“, kichert ein kleines Mädchen und ermutigt dadurch andere Kinder zum Mitlachen, endlich auch Erwachsene. Schallendes Gelächter umgibt uns.

Dann ertönt – von unseren Menschen völlig unerwartet -, ein Donnerschlag. Alle verstummen – alle Menschen, meine ich, wenn man mal von den Geräuschen absieht, die „Frau Ziege“ beim Herumhüpfen mit ihren Stöckelschuhen produziert. Keks und der Jack-Russel-Mix kläffen munter weiter, ersterer von oben runter, letzterer von unten rauf.
Andere Hunde melden sich zu Wort. „Kann mir mal einer erklären, warum die sich so aufführen?“, fragt Bombastica in die Runde.
„Ich hab’s zufällig mitbekommen“, heult ein superlanger Dackelmix auf Windhundstelzen. „Der Jacky will wissen, ob Keks wie ein Keks schmeckt.“

„Ich zerbeiß‘ dir den Magen, wenn du es wagst, mich zu fressen“, droht Keks aus dem Klammergriff seines Menschen heraus und übertönt damit fast den zweiten Donnerschlag. Vielstimmiges Gemurmel durchläuft die Menge der Zweibeiner.
Nach mehreren vergeblichen Versuchen, sich Gehör zu verschaffen, schreit die Moderatorin: „Der Wettbewerb muss für heute beendet werden, wegen Unwetter!“
Diese Erklärung hätte sie sich getrost sparen können, denn sie versinkt im Gewitter. Alles strebt auseinander, Autos oder anderen regensicheren Unterständen zu. Hunde suchen ihre Menschen und umgekehrt. Tausend gerufene Namen durchdringen gedämpft das Brausen des Regens – „Bello! Rika! Lex!“ Und und und…

Die armen Zweibeiner, muss ich wieder mal denken. Wie nötig sie doch unseren Beistand brauchen, sobald die Natur auch nur ein Machtwort spricht.
Es herrscht das schönste Chaos, und ich sehe ein, dass hier selbst meine hüterischen Qualitäten an ihre Grenzen geraten.
Doch unterwegs mit Silas zu unserem Auto, höre ich zu meinem größten Erstaunen tatsächlich einen verwegenen Menschen lachend ausrufen: „Jetzt haben wir keine Mixe mehr, sondern lauter begossene Pudel!“

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde – endlich möchte ich mich mal ganz herzlich bei euch bedanken, für eure Aufmerksamkeit und die vielen netten sowie interessanten Kommentare!
Leider fehlt mir die Zeit, sie alle persönlich zu beantworten, weil ich ja weiterhin fleißig Geschichten schreiben und euch damit erfreuen möchte.
Übrigens: Wenn ich es richtig verstanden habe, dann wollen einige wissen, ob ich den Blog selbst gestaltet habe. Nun, die Geschichten sind natürlich mein geistiges Eigentum und das Foto ist auch von mir.
Ob und wenn ja, wo es in London Kurse für kreatives Schreiben gibt, kann ich allerdings nicht sagen, weil ich ja in Deutschland lebe.
So, jetzt wünsche ich euch zwei schöne Wochen! Nächstes Mal erzähle ich euch was vom „Monster aus der Gartenstraße“. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan