Wie aus Mixen Pudel werden, Teil 1

„Hör mal, Tristan!“ Silas blickt mich über den Rand seiner Zeitung hinweg an und liest vor: „Hund jagt Jaguar“.
Kritisch beschnuppere ich die Druckerschwärze und muss niesen. Wenn wir Vierbeiner solche unsinnigen Nachrichten in unserem Urin hinterlassen würden… Django ärgert sich bestimmt, dass er nicht namentlich erwähnt wird. Hund – damit könnte schließlich jeder gemeint sein, sogar Zorro.
Apropos Zorro – über diesen Mischlingswettbewerb weiß ich noch immer zu wenig. Ungeduldig schlage ich mit einer Pfote auf die blöde Zeitung. „Wuff! Lass uns endlich raus gehen!“
„Hey, was fällt dir ein?“, erbost sich mein Assistent, legt das Papier aber zusammen und steht auf.
Na also.

Leider muss ich bald erkennen, dass der heutige Tag zu jenen gehört, an denen sogar Hund besser im Bett, beziehungsweise Korb, geblieben wäre. Nicht etwa, weil wir unterwegs Bulldoggen-Sheltie Bombastica treffen und erfahren, dass sie die Vorauswahl für den Wettbewerb bestanden hat. Darüber freue ich mich natürlich, vor allem, weil Silas und ich keinen geringen Anteil daran haben. Positiv ins Gewicht fiel nämlich, außer Bombasticas guter Figur, ihre schicke Sommerfrisur.
Was mich hingegen fürchterlich wurmt – trotz regelmäßiger Wurmkuren -, ist folgendes: Zorro hat’s auch geschafft. Wie konnte er nur?! Hat der Kerl ein Glück, dass er mir jetzt nicht begegnet! Ich bezweifle nämlich wirklich, ob ich’s mir verkneifen könnte, ihn tüchtig zu zwicken, obwohl mir das als Arzt nicht zusteht – eigentlich.
Seufz – so hat eben jeder Beruf seine Schattenseiten -, wobei ich mich gern im Schatten aufhalte, vorzugsweise im Hochsommer, bei dreißig Grad. So heiß wird’s heute wohl erst am Nachmittag, aber kochen tu‘ ich jetzt schon, vor Wut!

Heute Vormittag kommt Django und lässt seine ramponierte Schnauze nachbehandeln. Diese Blechkatze hat ihn doch ganz ordentlich in die Lefzen geschnitten. Daraus würden ja Ehrenmale, meint er, aber: „Nicht zu fassen, Doc – dieses Mistvieh thront schon wieder auf der Motorhaube, als wäre überhaupt nichts geschehen.“
Während er das sagt, kommt er so richtig in Rage. Sein Mensch, Silas und auch Emma beziehen es auf sich. „Ist doch schon gut, wir wollen dir doch nur helfen“, säuseln sie im Chor.
Ich dagegen schaue meinen Patienten streng an. „Beherrsch dich, Kumpel! Sonst streifen wir dir eine Maulschlaufe über.“
Zum Glück wirkt meine Drohung, denn ob ich sie diesmal wahr machen könnte, ist fraglich. Wie sollten wir sein Maul mit Maulschlaufe behandeln?

So weit denkt Django nicht mit, ist zu erregt oder halt doch nicht der Hellste. Zorro dagegen… In der Mittagspause treffe ich ihn an Klaras Seite im Wald. Meine Klara! Aber – ist sie das überhaupt noch? Er darf sie überall beriechen, ich nicht! Grrrrrrrr, ich könnte…
Nein Tristan, sage ich mir, halte dich zurück, deine Zeit wird noch kommen.

„Was ist, warum spielst du nicht mit den anderen?“, fragen unsere Menschen, weil ich mich nur bei ihnen aufhalte. Lauthals klage ich mein Leid, aber sie verstehen mich wieder mal nicht.
Na, wenigstens kassiere ich viele Streicheleinheiten, vor allem von Klaras Herrn Rieger. Großzügig teilt sie ihn mit Zorro. Dessen Herr Dörrle kann nämlich noch nicht mit, muss sein frisch verheiltes Bein schonen.

Irre ich mich, oder glotzt dieser „Viertelsdackel“ nicht ein bisschen neidisch zu uns rüber? Der soll bloß kommen, dann zwicke ich ihn, hypokratischer Eid hin oder her!
Aber – nach all dem, was ich jetzt durch die menschlichen Gespräche erfahre, ist er schon ein gerissener Kerl. Das muss ich ihm lassen. Jedenfalls sieht es ganz danach aus, als habe er cool vorausgeplant und sich bewusst diesen inkonsequenten Herrn Dörrle ausgesucht. Denn wäre Dörrle konsequenter gewesen, hätte er Zorro nicht zu früh ein Leckerchen gegeben. Folglich hätte Zorro keinen Durchfall bekommen und nachts nicht raus gemusst. Dörrle wäre also nicht im Dunkeln gestürzt und hätte sich kein Bein gebrochen, wäre nicht ins Krankenhaus gebracht worden, hätte dort keinen Herrn Wanner getroffen und sich von dem nichts über den Wettbewerb „Wer ist der originellste Mix?“ erzählen lassen. Zorro wäre also nie in die Vorauswahl gekommen und hätte jetzt nicht die geringste Chance, den ersten Platz zu belegen.
Und nicht genug, dass schon allein durch Dörrles Unfall meine Klara nun mit Zorro zusammen lebt – nein, durch seinen Sieg würde er obendrein völlig überflüssigerweise noch mehr in ihrer Achtung steigen – himmelhoch!
Wau! Wenn du tatsächlich ganz von Anfang an so strategisch vorgegangen sein solltest, Zorro, dann bist du wahrhaftig ein Genie. Leine ab!!!
Doch zunächst heißt es zumindest für Klara und Zorro: Leine ran, denn wir betreten eine stark befahrene Straße. Meinen Silas kann ich auch hier getrost frei laufen lassen.

Ha, wenn ich schon nicht selbst an diesem Wettbewerb teilnehmen kann, so habe ich wenigstens eine gewisse Kontrolle darüber. Denn was glaubt ihr, wer dabei als amtlicher Arzt mitwirkt? Richtig, ich!

Am nächsten Samstag ist es soweit. Alle Teilnehmer treffen sich auf der Streuobstwiese am Ortsrand von Wufze. Wäre da nicht der vertraute Duft – vor Tagen oder erst gestern hinterlassen von meinen Freunden und Patienten -, ich könnte glatt glauben, ich wäre in Hundiwood.
Sogar ein Fernsehteam samt zugehöriger Apparaturen tummelt sich zwischen Tribüne, Laufsteg und Siegerpodest. In meinen schlimmsten Visionen sehe ich Zorro darauf stehen.
Hm… ob er überhaupt schon wieder gesund genug ist, um teilnehmen zu können… Ist schließlich aufregend und anstrengend, so ein Wettbewerb, und Zorro kriegt doch so schnell Durchfall.

Darüber muss ich ausgiebig nachdenken. Bis in zwei Wochen also und macht’s gut – euer Tristan

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