Django im Straßendschungel, Teil 2

Tags darauf, beim Spaziergang in der Mittagspause, berichtet er mir stolz von seinen ersten Ermittlungserfolgen: „Es ist ein Auto, lauert in geduckter Haltung am Straßenrand auf Beute.“
„Ein Auto??? Django, nein, unmöglich. Du musst doch wissen, dass Autos…“ Ich stocke, als ich sehe, wie sein Nackenfell sich sträubt, will lieber nicht an seinem Ehrgefühl kratzen. Aber eigentlich müsste er in seinem Alter wirklich längst wissen, dass Autos nicht eigenständig handeln können.
„Das ist ein ganz außergewöhnliches Auto“, belehrt er mich. „Eine winzige Katze ist vorne drauf. Die hat ein Fell, ich sage dir, wenn du da drauf guckst, kannst du völlig irre werden, siehst Hunde und und und…“
Während er so berichtet, legt sich seine Bürste wieder. Erleichtert darüber, hüte ich mich, ihn zu unterbrechen. „Behandle du deine Patienten, Doc“, meint er abschließend, „und überlass‘ mir das Monster, okay?“
Ergeben stimme ich zu. Was bleibt mir schon anderes übrig?

Den ganzen Nachmittag über verfolgt mich auf Schritt und Tritt ein ungutes Gefühl. Ich übertrage Silas, was ich nicht unbedingt selbst erledigen muss und grüble herum.
Menschen lassen Autos handeln. Wenn also tatsächlich ein Auto am Straßenrand arglos vorbei kommenden Hunden auflauern und sie durch Dornenbüsche jagen sollte, so müsste dabei ein Mensch hinter’m Steuer sitzen.

Mein ungutes Gefühl lässt mir noch immer keine Ruhe, als wir nach Feierabend die Praxis verlassen. Silas bemerkt es und fragt, was denn los sei. „Django ist los“, antworte ich, aber mein Assistent versteht mich leider nicht.
Für Erklärungsversuche bleibt keine Zeit, denn meine Ohren melden plötzlich Alarmstufe rot aus der Gartenstraße. Ich sprinte los.
Noch ehe meine Augen einschätzen können, was geschehen ist, rieche ich Djangos Blut, aber wo steckt er?
Schon von weitem leuchten mir die Scheinwerfer eines Autos entgegen. Quer steht es auf der schmalen Straße, mit einer Delle in der Motorhaube. Das muss Djangos Verdachtsobjekt sein, denn tatsächlich wirkt es irgendwie so, als setze es eben zum Sprung an.
Neben der offenen Fahrertür steht ein Mitdreißiger im noblen Anzug und fuchtelt wütend herum. „Verdammte Töle!“, schreit er, immer und immer wieder. „Du verdammte Töle!“

Keine Ahnung, wen er meint – mich oder Django, der jetzt unter einem anderen Auto am Straßenrand hervor kriecht. Ebenfalls verbeult, aber voller Siegerstolz, präsentiert er mir einen länglichen, silberfarbenen Gegenstand. „Schau Tristan, das ist sie, die komische Katze!“

Als er Djangos Mensch und Silas kommen sieht, geht das Geschrei des Mitdreißigers in ein derart wehleidiges Gezeter über, dass man glauben könnte, er sei verletzt. „Mein Jaguar, mein schöner Jaguar. Sehen Sie ihn sich nur an!“
Silas denkt nicht daran, sondern kniet sich zu Django hinab und begutachtet behutsam dessen verbeulten Kopf sowie Risse in den Lefzen. „Junge, Junge, wie bist du bloß auf diese dumme Idee gekommen?“, fragt er ihn kopfschüttelnd.

Unterdessen wird Djangos Mensch immer wieder vom Autobesitzer angebrüllt: „Mein schöner Jaguar, sehen Sie nur, mein schöner, armer Jaguar!“

Eingehend visiere ich den Schreihals, kann mir kaum vorstellen, dass der, hinter’m Steuer seiner Blechkiste hockend, Hunde jagt und dabei auch nur ein Kratzerchen am Lack riskiert.
Und überhaupt – warum nennt er das Ding andauernd Jaguar? Tatsächlich weiß ich, was das ist, weil wir mal einem aus dem Zoo einen vereiterten Zahn ziehen mussten.
Menschen – sie sind halt wirklich voller Rätsel.

In zwei Wochen geht’s auf den Laufsteg! Macht’s bis dahin gut – euer Tristan

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