Archiv für den Monat: Februar 2014

Wie aus Mixen Pudel werden, Teil 1

„Hör mal, Tristan!“ Silas blickt mich über den Rand seiner Zeitung hinweg an und liest vor: „Hund jagt Jaguar“.
Kritisch beschnuppere ich die Druckerschwärze und muss niesen. Wenn wir Vierbeiner solche unsinnigen Nachrichten in unserem Urin hinterlassen würden… Django ärgert sich bestimmt, dass er nicht namentlich erwähnt wird. Hund – damit könnte schließlich jeder gemeint sein, sogar Zorro.
Apropos Zorro – über diesen Mischlingswettbewerb weiß ich noch immer zu wenig. Ungeduldig schlage ich mit einer Pfote auf die blöde Zeitung. „Wuff! Lass uns endlich raus gehen!“
„Hey, was fällt dir ein?“, erbost sich mein Assistent, legt das Papier aber zusammen und steht auf.
Na also.

Leider muss ich bald erkennen, dass der heutige Tag zu jenen gehört, an denen sogar Hund besser im Bett, beziehungsweise Korb, geblieben wäre. Nicht etwa, weil wir unterwegs Bulldoggen-Sheltie Bombastica treffen und erfahren, dass sie die Vorauswahl für den Wettbewerb bestanden hat. Darüber freue ich mich natürlich, vor allem, weil Silas und ich keinen geringen Anteil daran haben. Positiv ins Gewicht fiel nämlich, außer Bombasticas guter Figur, ihre schicke Sommerfrisur.
Was mich hingegen fürchterlich wurmt – trotz regelmäßiger Wurmkuren -, ist folgendes: Zorro hat’s auch geschafft. Wie konnte er nur?! Hat der Kerl ein Glück, dass er mir jetzt nicht begegnet! Ich bezweifle nämlich wirklich, ob ich’s mir verkneifen könnte, ihn tüchtig zu zwicken, obwohl mir das als Arzt nicht zusteht – eigentlich.
Seufz – so hat eben jeder Beruf seine Schattenseiten -, wobei ich mich gern im Schatten aufhalte, vorzugsweise im Hochsommer, bei dreißig Grad. So heiß wird’s heute wohl erst am Nachmittag, aber kochen tu‘ ich jetzt schon, vor Wut!

Heute Vormittag kommt Django und lässt seine ramponierte Schnauze nachbehandeln. Diese Blechkatze hat ihn doch ganz ordentlich in die Lefzen geschnitten. Daraus würden ja Ehrenmale, meint er, aber: „Nicht zu fassen, Doc – dieses Mistvieh thront schon wieder auf der Motorhaube, als wäre überhaupt nichts geschehen.“
Während er das sagt, kommt er so richtig in Rage. Sein Mensch, Silas und auch Emma beziehen es auf sich. „Ist doch schon gut, wir wollen dir doch nur helfen“, säuseln sie im Chor.
Ich dagegen schaue meinen Patienten streng an. „Beherrsch dich, Kumpel! Sonst streifen wir dir eine Maulschlaufe über.“
Zum Glück wirkt meine Drohung, denn ob ich sie diesmal wahr machen könnte, ist fraglich. Wie sollten wir sein Maul mit Maulschlaufe behandeln?

So weit denkt Django nicht mit, ist zu erregt oder halt doch nicht der Hellste. Zorro dagegen… In der Mittagspause treffe ich ihn an Klaras Seite im Wald. Meine Klara! Aber – ist sie das überhaupt noch? Er darf sie überall beriechen, ich nicht! Grrrrrrrr, ich könnte…
Nein Tristan, sage ich mir, halte dich zurück, deine Zeit wird noch kommen.

„Was ist, warum spielst du nicht mit den anderen?“, fragen unsere Menschen, weil ich mich nur bei ihnen aufhalte. Lauthals klage ich mein Leid, aber sie verstehen mich wieder mal nicht.
Na, wenigstens kassiere ich viele Streicheleinheiten, vor allem von Klaras Herrn Rieger. Großzügig teilt sie ihn mit Zorro. Dessen Herr Dörrle kann nämlich noch nicht mit, muss sein frisch verheiltes Bein schonen.

Irre ich mich, oder glotzt dieser „Viertelsdackel“ nicht ein bisschen neidisch zu uns rüber? Der soll bloß kommen, dann zwicke ich ihn, hypokratischer Eid hin oder her!
Aber – nach all dem, was ich jetzt durch die menschlichen Gespräche erfahre, ist er schon ein gerissener Kerl. Das muss ich ihm lassen. Jedenfalls sieht es ganz danach aus, als habe er cool vorausgeplant und sich bewusst diesen inkonsequenten Herrn Dörrle ausgesucht. Denn wäre Dörrle konsequenter gewesen, hätte er Zorro nicht zu früh ein Leckerchen gegeben. Folglich hätte Zorro keinen Durchfall bekommen und nachts nicht raus gemusst. Dörrle wäre also nicht im Dunkeln gestürzt und hätte sich kein Bein gebrochen, wäre nicht ins Krankenhaus gebracht worden, hätte dort keinen Herrn Wanner getroffen und sich von dem nichts über den Wettbewerb „Wer ist der originellste Mix?“ erzählen lassen. Zorro wäre also nie in die Vorauswahl gekommen und hätte jetzt nicht die geringste Chance, den ersten Platz zu belegen.
Und nicht genug, dass schon allein durch Dörrles Unfall meine Klara nun mit Zorro zusammen lebt – nein, durch seinen Sieg würde er obendrein völlig überflüssigerweise noch mehr in ihrer Achtung steigen – himmelhoch!
Wau! Wenn du tatsächlich ganz von Anfang an so strategisch vorgegangen sein solltest, Zorro, dann bist du wahrhaftig ein Genie. Leine ab!!!
Doch zunächst heißt es zumindest für Klara und Zorro: Leine ran, denn wir betreten eine stark befahrene Straße. Meinen Silas kann ich auch hier getrost frei laufen lassen.

Ha, wenn ich schon nicht selbst an diesem Wettbewerb teilnehmen kann, so habe ich wenigstens eine gewisse Kontrolle darüber. Denn was glaubt ihr, wer dabei als amtlicher Arzt mitwirkt? Richtig, ich!

Am nächsten Samstag ist es soweit. Alle Teilnehmer treffen sich auf der Streuobstwiese am Ortsrand von Wufze. Wäre da nicht der vertraute Duft – vor Tagen oder erst gestern hinterlassen von meinen Freunden und Patienten -, ich könnte glatt glauben, ich wäre in Hundiwood.
Sogar ein Fernsehteam samt zugehöriger Apparaturen tummelt sich zwischen Tribüne, Laufsteg und Siegerpodest. In meinen schlimmsten Visionen sehe ich Zorro darauf stehen.
Hm… ob er überhaupt schon wieder gesund genug ist, um teilnehmen zu können… Ist schließlich aufregend und anstrengend, so ein Wettbewerb, und Zorro kriegt doch so schnell Durchfall.

Darüber muss ich ausgiebig nachdenken. Bis in zwei Wochen also und macht’s gut – euer Tristan

Django im Straßendschungel, Teil 2

Tags darauf, beim Spaziergang in der Mittagspause, berichtet er mir stolz von seinen ersten Ermittlungserfolgen: „Es ist ein Auto, lauert in geduckter Haltung am Straßenrand auf Beute.“
„Ein Auto??? Django, nein, unmöglich. Du musst doch wissen, dass Autos…“ Ich stocke, als ich sehe, wie sein Nackenfell sich sträubt, will lieber nicht an seinem Ehrgefühl kratzen. Aber eigentlich müsste er in seinem Alter wirklich längst wissen, dass Autos nicht eigenständig handeln können.
„Das ist ein ganz außergewöhnliches Auto“, belehrt er mich. „Eine winzige Katze ist vorne drauf. Die hat ein Fell, ich sage dir, wenn du da drauf guckst, kannst du völlig irre werden, siehst Hunde und und und…“
Während er so berichtet, legt sich seine Bürste wieder. Erleichtert darüber, hüte ich mich, ihn zu unterbrechen. „Behandle du deine Patienten, Doc“, meint er abschließend, „und überlass‘ mir das Monster, okay?“
Ergeben stimme ich zu. Was bleibt mir schon anderes übrig?

Den ganzen Nachmittag über verfolgt mich auf Schritt und Tritt ein ungutes Gefühl. Ich übertrage Silas, was ich nicht unbedingt selbst erledigen muss und grüble herum.
Menschen lassen Autos handeln. Wenn also tatsächlich ein Auto am Straßenrand arglos vorbei kommenden Hunden auflauern und sie durch Dornenbüsche jagen sollte, so müsste dabei ein Mensch hinter’m Steuer sitzen.

Mein ungutes Gefühl lässt mir noch immer keine Ruhe, als wir nach Feierabend die Praxis verlassen. Silas bemerkt es und fragt, was denn los sei. „Django ist los“, antworte ich, aber mein Assistent versteht mich leider nicht.
Für Erklärungsversuche bleibt keine Zeit, denn meine Ohren melden plötzlich Alarmstufe rot aus der Gartenstraße. Ich sprinte los.
Noch ehe meine Augen einschätzen können, was geschehen ist, rieche ich Djangos Blut, aber wo steckt er?
Schon von weitem leuchten mir die Scheinwerfer eines Autos entgegen. Quer steht es auf der schmalen Straße, mit einer Delle in der Motorhaube. Das muss Djangos Verdachtsobjekt sein, denn tatsächlich wirkt es irgendwie so, als setze es eben zum Sprung an.
Neben der offenen Fahrertür steht ein Mitdreißiger im noblen Anzug und fuchtelt wütend herum. „Verdammte Töle!“, schreit er, immer und immer wieder. „Du verdammte Töle!“

Keine Ahnung, wen er meint – mich oder Django, der jetzt unter einem anderen Auto am Straßenrand hervor kriecht. Ebenfalls verbeult, aber voller Siegerstolz, präsentiert er mir einen länglichen, silberfarbenen Gegenstand. „Schau Tristan, das ist sie, die komische Katze!“

Als er Djangos Mensch und Silas kommen sieht, geht das Geschrei des Mitdreißigers in ein derart wehleidiges Gezeter über, dass man glauben könnte, er sei verletzt. „Mein Jaguar, mein schöner Jaguar. Sehen Sie ihn sich nur an!“
Silas denkt nicht daran, sondern kniet sich zu Django hinab und begutachtet behutsam dessen verbeulten Kopf sowie Risse in den Lefzen. „Junge, Junge, wie bist du bloß auf diese dumme Idee gekommen?“, fragt er ihn kopfschüttelnd.

Unterdessen wird Djangos Mensch immer wieder vom Autobesitzer angebrüllt: „Mein schöner Jaguar, sehen Sie nur, mein schöner, armer Jaguar!“

Eingehend visiere ich den Schreihals, kann mir kaum vorstellen, dass der, hinter’m Steuer seiner Blechkiste hockend, Hunde jagt und dabei auch nur ein Kratzerchen am Lack riskiert.
Und überhaupt – warum nennt er das Ding andauernd Jaguar? Tatsächlich weiß ich, was das ist, weil wir mal einem aus dem Zoo einen vereiterten Zahn ziehen mussten.
Menschen – sie sind halt wirklich voller Rätsel.

In zwei Wochen geht’s auf den Laufsteg! Macht’s bis dahin gut – euer Tristan