Isabel sucht ihre Manna, Teil 2

Wie viele ihrer Artgenossen, schließt diese junge Frau von sich auf andere Spezies, eine typisch menschliche Schwäche. Vermutlich ist ihnen ihr jämmerlicher Orientierungssinn, der diese Bezeichnung ja kaum verdient, völlig unbewusst.
Aber mein Silas kennt sich aus, wie ich gleich darauf vernehme. „Sechs Wochen! – mehr als genug Zeit für einen Hund, um sich einen Weg einzuprägen“, lächelt er.

Erneut fällt mir auf, wie lange sein Blick auf Isabel ruht. Diesmal scheint aber auch Emma es zu bemerken. „Ja, am besten gehen Sie gleich nach Hause. Bestimmt sitzt Manna längst vor ihrer Tür und wartet auf Sie.“
Aha, kombiniere ich. Natürlich ist das ein sinnvoller Rat – und obendrein aufschlussreich. Offensichtlich will Emma diese Isabel nun los werden.
Das lässt mich doch tief in ihre Seele blicken – mindestens so tief, wie Silas gerade auf Isabels Dekolleté blickt und dabei augenscheinlich denkt: „tres belle!“ So würde ich es jedenfalls formulieren, als gebürtiger Franzose.
Aber eins ist sicher: Die arme Isabel kriegt von alldem nichts mit, denkt gerade nur an Manna. „Oh, Sie könnten natürlich recht haben“, stößt sie schuldbewusst hervor, verabschiedet sich und eilt davon.

Emma könnte nicht nur, sie hat recht – und sieht Isabel gleich tags darauf wieder in der Praxis. Auf der Suche nach ihr ist Manna nämlich in eine Glasscherbe getreten.
„Eigentlich passe ich besser auf“, erzählt mir die reizende Malteserhündin schon im Wartezimmer. „Aber gestern nicht. Weißt du, Tristan, ich hatte doch solche Angst um Isabel! Sie ist sooo ein lieber Mensch und mir bis gestern noch nie davon gelaufen, seitdem ich sie besitze.“
Irgendwie, denke ich, haben sich da wirklich zwei gesucht und gefunden. Sie mache sich ja solche Vorwürfe, beteuert Manna. „Was hätte meiner Isabel nicht alles passieren können! Aber sag selbst, wie sollte ich annehmen, dass sie fortlaufen würde, wo sie sich doch gerade so gut mit einer Freundin unterhielt?“
Ich fiepe. „Menschen sind und bleiben halt unberechenbar.“ Dann frage ich sie nach dem Mann im langen Mantel, diesem Priester.
„Das war es ja, wonach ich unbedingt sehen musste“, fällt sie mir fast ins Wort. „Da tauchte plötzlich was zwischen den Bäumen auf, so etwas Dunkles, Langes, Wallendes. Ich glaubte, da wäre einer von seiner Sorte, rannte hin und…“
„Was sind das denn für komische Menschen?“, unterbreche ich sie. „Tragen die wirklich immer lange, schwarze Mäntel?“
„Meistens“, bestätigt Manna. „Außerdem leben sie allein, ich meine, nicht mit Frauen zusammen.“
„Ach so.“ Allmählich wird mir klar, warum sie nicht mehr bei ihm ist.
„Aber stell dir vor“, fährt die Malteserin fort. „Das, was ich gesehen habe, dieses Dunkle, Wallende, du weißt schon… Das war gar kein Priester, nur eine dieser Decken, auf die sich die Menschen am Baggersee so gerne legen. War wohl ein bisschen Sand drauf gekommen. Deshalb haben sie sie ausgeschüttelt. Ich bin natürlich sofort zurück, aber zu spät – meine Isabel war schon abgehauen.“

Ich überlege, komme zu dem Schluss, dass Manna ihr einfach viel zu früh viel zu viel abverlangt hat und will ihr das gerade sagen, als sich eine Terrierdame in vornehmem Westhighland-Weiß plötzlich in unser Gespräch mischt und mir das Wort abschneidet. „Oh!“, stößt sie hervor, „jetzt weiß ich, von welchem Priester ihr die ganze Zeit redet. Der wohnt in meiner Nachbarschaft und wacht seit Wochen immer mit einem Kater auf. Wirklich unerträglich, dieser ständige Katerjammer!“

„So, der darf jetzt erst mal seinen Rausch ausschlafen“, unterbricht nun Emma die Terrierdame und trägt einen Patienten aus dem Operationsraum, den Kater von gestern. Ahnungslos schlummert er in seiner Box.
Die Westhighlanderin schnuppert, wirft einen Blick durch das Gittertürchen und atmet hoffnungsvoll auf. „Oh, ich glaube, mein Martyrium hat ein Ende.“

Allmählich beginne ich zu begreifen. Das muss der Kater des Priesters sein! Ich bin bloß deshalb nicht früher darauf gekommen, weil er mit einer Frau hier ist.
Auch Manna beäugt ihn – ein bisschen eifersüchtig, wie mir scheint. Schließlich hat er ihren Platz eingenommen.
„Der ist jetzt um mindestens fünfzig Gramm erleichtert“, scherzt Emma.

Unangenehm berührt wende ich mich ab, kann derartige Frauenwitze partout nicht ausstehen, selbst dann nicht, wenn es um Katzen geht.
„Na ja“, seufzt Manna. „Wahrscheinlich passt der Kater doch besser zu meinem Priester, wenigstens äußerlich.“
Das weckt nun doch meine Neugierde. Ich schaue in die Box und lasse meinen Blick über das tiefschwarz wallende Haarkleid schweifen.

In zwei Wochen erteile ich euch ein paar Erziehungstipps für eure Zweibeiner. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

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