Archiv für den Monat: Dezember 2013

Isabel sucht ihre Manna, Teil 2

Wie viele ihrer Artgenossen, schließt diese junge Frau von sich auf andere Spezies, eine typisch menschliche Schwäche. Vermutlich ist ihnen ihr jämmerlicher Orientierungssinn, der diese Bezeichnung ja kaum verdient, völlig unbewusst.
Aber mein Silas kennt sich aus, wie ich gleich darauf vernehme. „Sechs Wochen! – mehr als genug Zeit für einen Hund, um sich einen Weg einzuprägen“, lächelt er.

Erneut fällt mir auf, wie lange sein Blick auf Isabel ruht. Diesmal scheint aber auch Emma es zu bemerken. „Ja, am besten gehen Sie gleich nach Hause. Bestimmt sitzt Manna längst vor ihrer Tür und wartet auf Sie.“
Aha, kombiniere ich. Natürlich ist das ein sinnvoller Rat – und obendrein aufschlussreich. Offensichtlich will Emma diese Isabel nun los werden.
Das lässt mich doch tief in ihre Seele blicken – mindestens so tief, wie Silas gerade auf Isabels Dekolleté blickt und dabei augenscheinlich denkt: „tres belle!“ So würde ich es jedenfalls formulieren, als gebürtiger Franzose.
Aber eins ist sicher: Die arme Isabel kriegt von alldem nichts mit, denkt gerade nur an Manna. „Oh, Sie könnten natürlich recht haben“, stößt sie schuldbewusst hervor, verabschiedet sich und eilt davon.

Emma könnte nicht nur, sie hat recht – und sieht Isabel gleich tags darauf wieder in der Praxis. Auf der Suche nach ihr ist Manna nämlich in eine Glasscherbe getreten.
„Eigentlich passe ich besser auf“, erzählt mir die reizende Malteserhündin schon im Wartezimmer. „Aber gestern nicht. Weißt du, Tristan, ich hatte doch solche Angst um Isabel! Sie ist sooo ein lieber Mensch und mir bis gestern noch nie davon gelaufen, seitdem ich sie besitze.“
Irgendwie, denke ich, haben sich da wirklich zwei gesucht und gefunden. Sie mache sich ja solche Vorwürfe, beteuert Manna. „Was hätte meiner Isabel nicht alles passieren können! Aber sag selbst, wie sollte ich annehmen, dass sie fortlaufen würde, wo sie sich doch gerade so gut mit einer Freundin unterhielt?“
Ich fiepe. „Menschen sind und bleiben halt unberechenbar.“ Dann frage ich sie nach dem Mann im langen Mantel, diesem Priester.
„Das war es ja, wonach ich unbedingt sehen musste“, fällt sie mir fast ins Wort. „Da tauchte plötzlich was zwischen den Bäumen auf, so etwas Dunkles, Langes, Wallendes. Ich glaubte, da wäre einer von seiner Sorte, rannte hin und…“
„Was sind das denn für komische Menschen?“, unterbreche ich sie. „Tragen die wirklich immer lange, schwarze Mäntel?“
„Meistens“, bestätigt Manna. „Außerdem leben sie allein, ich meine, nicht mit Frauen zusammen.“
„Ach so.“ Allmählich wird mir klar, warum sie nicht mehr bei ihm ist.
„Aber stell dir vor“, fährt die Malteserin fort. „Das, was ich gesehen habe, dieses Dunkle, Wallende, du weißt schon… Das war gar kein Priester, nur eine dieser Decken, auf die sich die Menschen am Baggersee so gerne legen. War wohl ein bisschen Sand drauf gekommen. Deshalb haben sie sie ausgeschüttelt. Ich bin natürlich sofort zurück, aber zu spät – meine Isabel war schon abgehauen.“

Ich überlege, komme zu dem Schluss, dass Manna ihr einfach viel zu früh viel zu viel abverlangt hat und will ihr das gerade sagen, als sich eine Terrierdame in vornehmem Westhighland-Weiß plötzlich in unser Gespräch mischt und mir das Wort abschneidet. „Oh!“, stößt sie hervor, „jetzt weiß ich, von welchem Priester ihr die ganze Zeit redet. Der wohnt in meiner Nachbarschaft und wacht seit Wochen immer mit einem Kater auf. Wirklich unerträglich, dieser ständige Katerjammer!“

„So, der darf jetzt erst mal seinen Rausch ausschlafen“, unterbricht nun Emma die Terrierdame und trägt einen Patienten aus dem Operationsraum, den Kater von gestern. Ahnungslos schlummert er in seiner Box.
Die Westhighlanderin schnuppert, wirft einen Blick durch das Gittertürchen und atmet hoffnungsvoll auf. „Oh, ich glaube, mein Martyrium hat ein Ende.“

Allmählich beginne ich zu begreifen. Das muss der Kater des Priesters sein! Ich bin bloß deshalb nicht früher darauf gekommen, weil er mit einer Frau hier ist.
Auch Manna beäugt ihn – ein bisschen eifersüchtig, wie mir scheint. Schließlich hat er ihren Platz eingenommen.
„Der ist jetzt um mindestens fünfzig Gramm erleichtert“, scherzt Emma.

Unangenehm berührt wende ich mich ab, kann derartige Frauenwitze partout nicht ausstehen, selbst dann nicht, wenn es um Katzen geht.
„Na ja“, seufzt Manna. „Wahrscheinlich passt der Kater doch besser zu meinem Priester, wenigstens äußerlich.“
Das weckt nun doch meine Neugierde. Ich schaue in die Box und lasse meinen Blick über das tiefschwarz wallende Haarkleid schweifen.

In zwei Wochen erteile ich euch ein paar Erziehungstipps für eure Zweibeiner. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

Isabel sucht ihre Manna, Teil 1

Ich muss jetzt unbedingt mal an das Verantwortungsbewusstsein unseren Menschen gegenüber appellieren. Und um gerecht zu sein: Nicht nur Deutsch Drahthaar und Co. lassen ihren Zweibeiner nicht selten einfach irgendwo stehen, weil ihnen plötzlich einfällt, dass – was auch immer -, gerade jetzt erledigt werden muss.
Selbstverständlich können überraschend vorbeiziehende Gerüche schnelles Handeln erfordern. Unsere Menschen mit ihrem – sogar bei stattlichstem Riechorgan -, kümmerlich entwickelten Geruchssinn kriegen davon natürlich nichts mit.
Umso wichtiger ist es, ihnen frühzeitig beizubringen, dass sie in jedem Fall an Ort und Stelle auf uns zu warten haben, auch wenn sie nicht begreifen, warum wir plötzlich weg müssen.

Am besten bringt man ihnen das schrittweise bei, etwa, indem man zunächst immer mal wieder nur ein paar Schritte in den Wald hinein läuft. Es beruhigt sie sichtlich, wenn sie sehen, dass wir zurückkommen und macht sie glücklich. Und – welcher Hund möchte seinen Menschen nicht glücklich machen? Ja, vor lauter Glück über unsere Rückkehr loben sie uns. Oft gibt’s sogar ein Leckerchen!
Nach und nach kann diese Übung dann ausgeweitet werden, bis der Mensch gelernt hat, auf seinen Hund zu warten.
Für den folgenden Fall kommt meine Appellation leider zu spät. Doch halt, ich greife vor.

Bei hochsommerlichen Temperaturen lassen wir die Eingangstür zur Praxis für gewöhnlich offen stehen. Dadurch dringt jedoch allerhand Straßenlärm herein.
Ganz nebenbei: Vielleicht sollte man Schilder für störende Straßengeräusche erfinden, etwa mit der Aufschrift „Wir müssen draußen bleiben.“ Aber – ließe sich das rein technisch überhaupt umsetzen? Schluss damit, ich schweife ab!
Wo war ich stehen geblieben? Ach ja! Also, da dringt eines Abends die jämmerliche Stimme einer jungen Zweibeinerin ins Wartezimmer herein. „Manna! Manna! Manna!“, ruft sie immer sehnsuchtsvoller. „Wo bist du denn, Manna? Komm, komm zu Isabel!“

Menschen können wirklich sehr hilflos sein. Ich ahne sofort, was geschehen ist. Besagte Manna muss ihre Isabel irgendwo allein zurückgelassen haben, obwohl die noch nicht gelernt hat, damit umzugehen.
Silas kriegt von alledem nichts mit, weil er sich im Untersuchungsraum um einen Kater kümmert, der einen Op-Termin bekommen soll.

Emma erträgt das Gejammere von der Straße bald nicht mehr, tritt hinaus und fragt, ob sie helfen könne.
Dankbar blickt die zierliche junge Frau zu ihr auf und schluchzt: „Ich weiß nicht, wie denn?“ Ein Hoffnungsblitz durchzuckt ihre geröteten Augen. „Oder haben Sie vielleicht meine Manna gesehen? Plötzlich war sie einfach weg.“
Als Isabel so richtig klar wird, dass sie vor einer Tierarztpraxis steht, schlägt die Hoffnung in ihren Augen um in Angst. „Ihr wird doch nichts passiert sein, oder? Nicht, dass sie überfahren wurde!?“

Ausgerechnet heute ist Emma ein bisschen später gekommen, weil sie selbst zum Arzt musste, und kann nicht auf Anhieb versprechen, dass Manna ganz sicher nicht zu unseren Patienten gehört. „Nun kommen Sie erst mal rein“, meint sie beruhigend, führt Isabel ins Wartezimmer, serviert ihr einen Kaffee und geht zu Silas in den Untersuchungsraum.
Tröstend schmiege ich mich an die total aufgelöste junge Frau. Statt ihrer jammert drüben nun der Kater herum und nervt meinen Assistenten.
Wieder mal froh, ihm die Behandlung dieser Spezies übertragen zu können, lasse ich mir von Isabel das Fell kraulen, während sie verlegene Blicke in die Runde wirft. Alle Menschen wollen sie beruhigen. Nur ich weiß natürlich, dass heute noch keine unangemeldete Patientin hier war – und dann auch noch eine mit so ungewöhnlichem Namen. Aber vielleicht ist der ihr peinlich, und sie hätte ihn mir verschwiegen.
Eine mittelalterliche Zweibeinerin kann ihre Neugierde nicht länger bezähmen. „Darf ich mal fragen… Wie sind Sie denn darauf gekommen, ihre Hündin Manna zu nennen?“
Zum ersten Mal sehe ich Isabel lächeln. „Gar nicht“, erklärt sie. „Sie hieß schon so. Ich habe sie von einem Priester übernommen.“

Kaum hat sie ausgesprochen, kommt Emma mit Silas ins Wartezimmer. Er reicht Isabel die Hand und blickt ihr in die Augen – ziemlich lange und intensiv, aber das fällt selbstverständlich nur mir auf. Unter uns Hunden gilt so was ja als unhöflich, kann sogar als Bedrohung aufgefasst werden. Doch wer mit Menschen zusammen lebt, lernt ihre Körpersprache schnell verstehen.

„Tatsächlich, von einem Priester?“, staunt die neugierige Zweibeinerin.
„Ja, deshalb läuft sie gern Menschen mit langen schwarzen Mänteln hinterher“, berichtet Isabel und stockt, als ihr einfällt, dass die im Hochsommer ziemlich selten sind – vor allem an Baggerseen. An einem solchen, erfährt Silas mit dem nächsten Satz, ist Manna vor knapp einer Stunde verschwunden.

Aha, wundere ich mich. Wenn Menschen lange schwarze Mäntel tragen, nennt man sie also Priester. Sollte ich diese Manna treffen, muss ich sie unbedingt danach fragen! Wo könnte sie bloß sein? Wahrscheinlich ist sie nach Hause gelaufen.
Kaum erwäge ich das, spricht Silas es auch schon aus. Bittend, als könne er ihr diesen Wunsch erfüllen, blickt Isabel zu ihm auf. „Meinen Sie wirklich? Ob sie den Weg wohl findet… Sie ist noch nicht sooo lange bei mir, ungefähr sechs Wochen. Gestern war ich zum dritten Mal mit ihr am Baggersee, hab eine Freundin getroffen und mich eine Weile mir ihr unterhalten, ohne auf Manna zu achten. Das war wohl schrecklich leichtsinnig von mir!“

Wie die Geschichte ausgeht, erfahrt ihr in zwei Wochen von mir. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan