Igel, Igel… Igel???, 2. Teil

Emma, unsere Sekretärin, denke ich tags darauf, als wir die Praxis betreten. Die würde doch wunderbar zu ihm passen! Dass mir das erst jetzt auffällt…
Silas weiß es nur noch nicht, orientiert sich ja an Äußerlichkeiten, wie jeder Mensch. Vor allem riecht Emma angenehm vertraut, weil sie täglich in meiner Praxis arbeitet.
Und sie, weiß sie es? Ich glaube nicht, bin mir allerdings nicht sicher, habe ja bisher selbst keine Verpaarung der beiden erwogen und deshalb nicht so darauf geachtet, womöglich wichtige Anzeichen verpasst. Mist!
„Hi Silas“, lauten allmorgendlich ihre ersten Worte, sobald sie meine Praxis betritt und seine: „Hi Emma.“ Mich dagegen begrüßt sie viiiiieeeeel liebevoller, mit langen, eingehenden Streichlern hinter den Ohren.
Wobei – also, eins muss ich ihr noch beibringen, nämlich, mich zuerst zu begrüßen, aber ich glaube, sie ist lernfähig, sehr sogar. Das rieche ich ihr an, ja, wirklich. Auf meine Menschenkenntnis kann ich mich verlassen!

Heute Morgen drücke und schmiege ich mich betont deutlich gegen Emmas Schienbeine, noch ehe sie ihr übliches „Hi Silas“ über die Lippen bringt. „Ja, du natürlich auch, Tristan“, schickt sie sogleich hinterher und lächelt. „Du zuallererst. Schließlich bist du hier der Chef!“
Na, hab ich’s doch gewusst! Wirklich beeindruckend, wie schnell sie kapiert!

Silas öffnet gerade den Mund, um etwas zu erwidern, als mein erster Patient durch die Tür kommt. Ich glaube, ein Déjà-vue zu erleben. Meinem Silas geht’s genauso. Ich seh’s an seinem verdutzten Gesicht. Unser erster Patient ist ein Igel, der nach Hund riecht – als welcher er sich auch entpuppt, nachdem wir ihm die Dornen rausgezogen haben.
Uiii, den hat’s ja noch viel schlimmer erwischt, erschrecke ich, weil er seine durchstochene Haut pur trägt, mal abgesehen von lächerlichen Haarbüschelchen auf Kopf und Schwanzspitze.

Es gehört zu meinen kleinen Schwächen, Verlegenheiten durch Humor zu kaschieren, und so bemerke ich: „Aha, Schweizer Käse-Look!“ Besonders gut kommt das allerdings nicht bei ihm an. „Ich heiße Di und bin ein Chinesischer Nackthund“, belehrt er mich brüskiert.

Seinem Menschen, der ebenfalls Glatze trägt, steht der Schrecken noch immer ins Gesicht geschrieben. „Wenn ich nur wüsste, warum er durch die Dornenhecken gerannt ist!“, stößt er hervor und schaut Silas und mich an, als erwarte er von uns eine Erklärung, obwohl wir ja gar nicht dabei waren.
Fragend schaue ich meinem Patienten in die Augen. „Gartenstraße? Auto?“
„Woher weißt du?“, piepst er mit zittrigem Stimmchen.
Anstelle einer Antwort forsche ich weiter: „Riesiges graues Monster mit glühenden Augen?“
Der Geschundene kann nur zustimmend jaulen und leckt sich die Pfötchen, derweil ich den Rest übernehme. Mein Assistent holt eine lindernde Salbe für Di aus dem Arzneischrank und reicht sie seinem Menschen.

Am nächsten Tag würde wieder das Murmeltier pfeifen, wenn wir eins hätten, aber diesmal schon vor der Sprechstunde.
Silas und ich sitzen noch zu Hause am Frühstückstisch, er auf einem Stuhl, ich im Sessel daneben, als durch die Terrassentür – drei Mal dürft ihr raten -, ein Igel trippelt, der nach Hund riecht. „Hilfe, Asyl, Hilfe!“, höre ich ihn fauchen. Mein Assistent versteht natürlich nichts dergleichen und glotzt mich nur fragend an.
Ich sprinte auf die Terrasse und stelle mich dem Verfolger des Kerlchens in den Weg, einem drahthaarigen Jagdhund, den ich hier noch nie gesehen habe. Voll im Jagdeifer, dachte er offensichtlich nicht daran, dass hier ein Hund wohnen könnte. „Wo ist er, wo, wo, wo?“, hechelt er Speichel triefend und entschuldigt sich erst angesichts meiner Bürste für sein unbefugtes Eindringen.
„Wo ist dein Mensch?“, frage ich zurück. „Wie kannst du ihn einfach so allein lassen, wo er sich hier vielleicht gar nicht auskennt?“
Meine vorwurfsvolle Stimme bringt ihn zur Vernunft. Es ist doch immer wieder ärgerlich, wie verantwortungslos gerade Jagdhunde ihrem Menschen gegenüber sein können, denke ich noch, als ich ihn mit hängendem Kopf davon traben sehe. Kreuzt auch nur ein Eichhörnchen ihren Weg, lassen sie ihn einfach hilflos allein im Wald stehen.

Silas hat unseren Asylanten inzwischen gastfreundschaftlich bewirtet. „Danke, liebe Lebensretter“, schmatzt er zwischen Ei und Hühnchen. „Meine bedauernswerte Cousine hatte sich seinerzeit eingeigelt, wurde dann von so einem einfach aufgehoben und auf einen Stein geworfen. Da sagte ich mir…“
„Schon gut“, unterbreche ich ihn und blicke zu Silas. Auch er zieht die Lefzen fast bis zu den Ohren.
Igel… Igel? – Igel!

Macht’s gut bis zur nächsten Geschichte in zwei Wochen – euer Tristan

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