Igel, Igel… Igel???, 1. Teil

Heute morgen kommt Igel Igor in meine Sprechstunde. Durch mindestens drei Dornenhecken muss der gerast sein, riecht stark nach Hund und ist total verschreckt.
Na klar, denke ich, typisch Wildtier, wundere mich allerdings, warum er sich nicht eingeigelt hat.

Könnt ihr euch auch nur annähernd mein Erstaunen vorstellen, als Igor sich, während wir ihn von seinen Dornen befreien, zusehends in einen Kurzhaardackel verwandelt?
„Puuuuuhhh“, atmet er befreit auf. „Ihr glaubt nicht, was ich durchgemacht habe.“
„Doch, schon.“ Schaudernd blicke ich auf den Dornenhaufen neben ihm auf dem Behandlungstisch. „Aber warum? Welche Beute hat dich dazu veranlasst, da durchzulaufen? So was ist schließlich für den dickfelligsten Dackel eindeutig zu viel.“
Empört glotzt er mich an. „Beute??? Die Beute war ich!!!“
„Du???“ Ich bin fassungslos. Ein fliehender Dackel; was um Himmels Willen kann einen Dackel in die Flucht schlagen?
Während ich mich das frage, rieche ich ihm an, dass er seine vor Schmerz und Empörung herausgekläfften Worte bereut. Ist ja nicht besonders rühmlich, wie ein Angsthase davon zu laufen, ganz besonders für einen Dackel.
„Halt mich jetzt bloß nicht für feige“, knurrt er auch schon warnend. Silas glaubt, es sei gegen ihn gerichtet und streift ihm vorsichtshalber einen Maulkorb über – was Igor natürlich vollends zur Raserei bringt. Sein Mensch, eine ältere Dame mit silbernem Haaransatz, entschuldigt ihn, aber das geht gründlich daneben. „Er hat ja solche Angst, das arme Kerlchen“, meint sie.
Um ein Dackelhaar wäre Igor Silas‘ Händen entflutscht und vom Tisch gesprungen. „Von wegen Kerlchen!!! Ein Kerl bin ich, ein ganzer Kerl!!!“
Dank Klappi, hätte ich beinahe ergänzt, sehe offenbar zu viel Werbung. Silas spricht aus, was ich denke: „Angst? Nein, nein, der ist sauer – stinksauer.“ Zum Glück richtet er damit Igors Ansehen wieder ein bisschen auf.
Was täte ich nur ohne Silas? Den Maulkorb verzeiht Igor ihm trotzdem nicht. „Der kann was erleben, wenn er mir das Ding wieder abnimmt“, verkündet er.
Drohend fixiere ich ihn, worauf er zwar zum Halbdackel schrumpft, das aber nie zugeben würde. „Ich meinte natürlich, dann kann er erleben, wie ich mich freue“, korrigiert er sich rasch und schaut mich dabei an, als hielte er mich für begriffsstutzig. „Lass ihn jetzt runter“, fiepe ich meinem Assistenten zu, was der auch brav befolgt. Vom Maulkorb erlöst, schüttelt sich Igor und stolziert im Behandlungsraum umher, als wäre er auf einer Ausstellung.
Erleichtert schließt die Silberhaarige ihn in die Arme, doch weil er heftig strampelt, setzt sie ihn gleich wieder am Boden ab und seufzt: „Wenn ich nur wüsste, warum er durch die Dornenhecken gerannt ist.“
Tröstend lecke ich Igor über die waidwunde Nase, was Silas veranlasst, auf mich zu deuten und grinsend zu bemerken: „Ich wette, Dr. Tristan weiß es.“
Das stimmt natürlich – und auch wieder nicht, denn was Igor mir inzwischen erzählt hat, gibt nicht nur vorn und hinten, sondern auch in der Mitte keinen Sinn. Ein riesiges graues Monster mit glühenden Augen sei in der Gartenstraße plötzlich unter einem Auto hervorgeschossen, um ihn zu ermorden. Nur seinem ausgezeichneten Intellekt habe er sein Leben zu verdanken. Die Dornen, so habe er blitzschnell überlegt, hielten die Bestie sicher davon ab, ihn weiter zu verfolgen.
Kein schlechter Gedanke, muss ich anerkennend zugeben, gar nicht schlecht. Augenblicklich steigt Dackel Igor in meinem Ansehen, zumindest auf Kleinpudelhöhe. Wir müssen ja nicht gleich übertreiben.

Bis zum Feierabend ist es heute ziemlich ruhig in meiner Praxis, und so bleibt mir viel – viel zu viel -, Zeit, um mich meinem Liebeskummer hinzugeben. Ihr wisst ja, Klara.
Seit fast zwei Wochen lebt sie nun mit Zorro zusammen. Grrrrrrrrrr – Zorro! Und das nur, weil sein Mensch nicht widerstehen… Schon gut, ich möchte euch nicht mit Wiederholungen langweilen. Dafür sorgt das Fernsehprogramm bereits zur Genüge.
Andere Hündinnen haben auch schöne Töchter, sage ich mir immer und immer wieder, aber – „heul, welche duftet schon so lecker, so verführerisch lecker wie Klara, meine Klaraaaaa, huuuhoooooh Klaaaraaaaaaa!“

„Tristan, du Heulboje, halt endlich die Schnauze!“, höre ich Silas schreien, schlage die Augen auf und wittere. Ihr Duft, wo ist ihr Duft?
Weg, im Traum, aus dem ich gerade gerissen wurde. Vorwurfsvoll sehe ich meinen Assistenten an, der aufrecht im Bett sitzt, sein Kopfkissen wurfbereit in den Händen. „Komm her, mein Junge“, seufzt er im nächsten Moment.
Nur kurz und eher aus erzieherischen Gründen überlege ich, ob ich ihm verzeihen soll. Dann siegt mein Großmut. Ich weiß ja, dass es ihm derzeit auch nicht gerade blendend geht, denn Silas ist nicht nur mein Assistent und bester Freund, sondern auch mein Leidensgenosse. Im Frühjahr, als alles blühte und grünte, erblühte auch die Liebe seiner Freundin Karin – allerdings für einen anderen. Ich spürte es schon Wochen zuvor und wollte Silas warnen, aber er begriff wieder mal nichts, gar nichts. Seufz, Menschen! Was soll Hund da bloß machen?
Unter uns gesagt: Wenn Silas nicht so darunter leiden würde, wäre ich über den Verlust dieser Karin gar nicht böse.
Was heißt hier überhaupt Verlust? Eigentlich ist es sogar ein Gewinn, dass sie weg ist. Silas wird das auch noch merken, braucht halt ein bisschen länger dazu. Schließlich ist er ein Mensch. Nein, ehrlich, wenn ihr diese Karin gekannt hättet… Aber seid froh. Nichts habt ihr verpasst, rein gar nichts! Dauernd hat sie andere Rüden – ich meine, Männer -, angemacht und Silas sogar davon abgehalten, mit mir ausgiebige Wanderungen zu unternehmen. Stattdessen gingen wir dann „shoppen“, denn wenn Karin nicht bekam, was sie wollte, wurde sie stupflig wie ein Igel!
Bitte versteht mich richtig. Ich habe ja gar nichts gegen’s Shoppen, solange man sinnvolle Dinge kauft, wie Schweinsohren oder – noch feiner -, Ochsenziemer.
Aber Karin wollte immer bloß Klamotten, besonders Schuhe, und wehe, ich hab mal ein klein bisschen am Riemchen herum geknabbert… Zu allem Übel stank sie auch noch fürchterlich nach künstlichen Rosen.
Seufz – wie schaffe ich’s bloß, meinen Silas mal für eine wirklich nette und passende Frau zu begeistern?

Aber heute wird daraus nichts mehr. In zwei Wochen geht’s weiter. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

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