Archiv für den Monat: November 2013

Igel, Igel… Igel???, 2. Teil

Emma, unsere Sekretärin, denke ich tags darauf, als wir die Praxis betreten. Die würde doch wunderbar zu ihm passen! Dass mir das erst jetzt auffällt…
Silas weiß es nur noch nicht, orientiert sich ja an Äußerlichkeiten, wie jeder Mensch. Vor allem riecht Emma angenehm vertraut, weil sie täglich in meiner Praxis arbeitet.
Und sie, weiß sie es? Ich glaube nicht, bin mir allerdings nicht sicher, habe ja bisher selbst keine Verpaarung der beiden erwogen und deshalb nicht so darauf geachtet, womöglich wichtige Anzeichen verpasst. Mist!
„Hi Silas“, lauten allmorgendlich ihre ersten Worte, sobald sie meine Praxis betritt und seine: „Hi Emma.“ Mich dagegen begrüßt sie viiiiieeeeel liebevoller, mit langen, eingehenden Streichlern hinter den Ohren.
Wobei – also, eins muss ich ihr noch beibringen, nämlich, mich zuerst zu begrüßen, aber ich glaube, sie ist lernfähig, sehr sogar. Das rieche ich ihr an, ja, wirklich. Auf meine Menschenkenntnis kann ich mich verlassen!

Heute Morgen drücke und schmiege ich mich betont deutlich gegen Emmas Schienbeine, noch ehe sie ihr übliches „Hi Silas“ über die Lippen bringt. „Ja, du natürlich auch, Tristan“, schickt sie sogleich hinterher und lächelt. „Du zuallererst. Schließlich bist du hier der Chef!“
Na, hab ich’s doch gewusst! Wirklich beeindruckend, wie schnell sie kapiert!

Silas öffnet gerade den Mund, um etwas zu erwidern, als mein erster Patient durch die Tür kommt. Ich glaube, ein Déjà-vue zu erleben. Meinem Silas geht’s genauso. Ich seh’s an seinem verdutzten Gesicht. Unser erster Patient ist ein Igel, der nach Hund riecht – als welcher er sich auch entpuppt, nachdem wir ihm die Dornen rausgezogen haben.
Uiii, den hat’s ja noch viel schlimmer erwischt, erschrecke ich, weil er seine durchstochene Haut pur trägt, mal abgesehen von lächerlichen Haarbüschelchen auf Kopf und Schwanzspitze.

Es gehört zu meinen kleinen Schwächen, Verlegenheiten durch Humor zu kaschieren, und so bemerke ich: „Aha, Schweizer Käse-Look!“ Besonders gut kommt das allerdings nicht bei ihm an. „Ich heiße Di und bin ein Chinesischer Nackthund“, belehrt er mich brüskiert.

Seinem Menschen, der ebenfalls Glatze trägt, steht der Schrecken noch immer ins Gesicht geschrieben. „Wenn ich nur wüsste, warum er durch die Dornenhecken gerannt ist!“, stößt er hervor und schaut Silas und mich an, als erwarte er von uns eine Erklärung, obwohl wir ja gar nicht dabei waren.
Fragend schaue ich meinem Patienten in die Augen. „Gartenstraße? Auto?“
„Woher weißt du?“, piepst er mit zittrigem Stimmchen.
Anstelle einer Antwort forsche ich weiter: „Riesiges graues Monster mit glühenden Augen?“
Der Geschundene kann nur zustimmend jaulen und leckt sich die Pfötchen, derweil ich den Rest übernehme. Mein Assistent holt eine lindernde Salbe für Di aus dem Arzneischrank und reicht sie seinem Menschen.

Am nächsten Tag würde wieder das Murmeltier pfeifen, wenn wir eins hätten, aber diesmal schon vor der Sprechstunde.
Silas und ich sitzen noch zu Hause am Frühstückstisch, er auf einem Stuhl, ich im Sessel daneben, als durch die Terrassentür – drei Mal dürft ihr raten -, ein Igel trippelt, der nach Hund riecht. „Hilfe, Asyl, Hilfe!“, höre ich ihn fauchen. Mein Assistent versteht natürlich nichts dergleichen und glotzt mich nur fragend an.
Ich sprinte auf die Terrasse und stelle mich dem Verfolger des Kerlchens in den Weg, einem drahthaarigen Jagdhund, den ich hier noch nie gesehen habe. Voll im Jagdeifer, dachte er offensichtlich nicht daran, dass hier ein Hund wohnen könnte. „Wo ist er, wo, wo, wo?“, hechelt er Speichel triefend und entschuldigt sich erst angesichts meiner Bürste für sein unbefugtes Eindringen.
„Wo ist dein Mensch?“, frage ich zurück. „Wie kannst du ihn einfach so allein lassen, wo er sich hier vielleicht gar nicht auskennt?“
Meine vorwurfsvolle Stimme bringt ihn zur Vernunft. Es ist doch immer wieder ärgerlich, wie verantwortungslos gerade Jagdhunde ihrem Menschen gegenüber sein können, denke ich noch, als ich ihn mit hängendem Kopf davon traben sehe. Kreuzt auch nur ein Eichhörnchen ihren Weg, lassen sie ihn einfach hilflos allein im Wald stehen.

Silas hat unseren Asylanten inzwischen gastfreundschaftlich bewirtet. „Danke, liebe Lebensretter“, schmatzt er zwischen Ei und Hühnchen. „Meine bedauernswerte Cousine hatte sich seinerzeit eingeigelt, wurde dann von so einem einfach aufgehoben und auf einen Stein geworfen. Da sagte ich mir…“
„Schon gut“, unterbreche ich ihn und blicke zu Silas. Auch er zieht die Lefzen fast bis zu den Ohren.
Igel… Igel? – Igel!

Macht’s gut bis zur nächsten Geschichte in zwei Wochen – euer Tristan

Igel, Igel… Igel???, 1. Teil

Heute morgen kommt Igel Igor in meine Sprechstunde. Durch mindestens drei Dornenhecken muss der gerast sein, riecht stark nach Hund und ist total verschreckt.
Na klar, denke ich, typisch Wildtier, wundere mich allerdings, warum er sich nicht eingeigelt hat.

Könnt ihr euch auch nur annähernd mein Erstaunen vorstellen, als Igor sich, während wir ihn von seinen Dornen befreien, zusehends in einen Kurzhaardackel verwandelt?
„Puuuuuhhh“, atmet er befreit auf. „Ihr glaubt nicht, was ich durchgemacht habe.“
„Doch, schon.“ Schaudernd blicke ich auf den Dornenhaufen neben ihm auf dem Behandlungstisch. „Aber warum? Welche Beute hat dich dazu veranlasst, da durchzulaufen? So was ist schließlich für den dickfelligsten Dackel eindeutig zu viel.“
Empört glotzt er mich an. „Beute??? Die Beute war ich!!!“
„Du???“ Ich bin fassungslos. Ein fliehender Dackel; was um Himmels Willen kann einen Dackel in die Flucht schlagen?
Während ich mich das frage, rieche ich ihm an, dass er seine vor Schmerz und Empörung herausgekläfften Worte bereut. Ist ja nicht besonders rühmlich, wie ein Angsthase davon zu laufen, ganz besonders für einen Dackel.
„Halt mich jetzt bloß nicht für feige“, knurrt er auch schon warnend. Silas glaubt, es sei gegen ihn gerichtet und streift ihm vorsichtshalber einen Maulkorb über – was Igor natürlich vollends zur Raserei bringt. Sein Mensch, eine ältere Dame mit silbernem Haaransatz, entschuldigt ihn, aber das geht gründlich daneben. „Er hat ja solche Angst, das arme Kerlchen“, meint sie.
Um ein Dackelhaar wäre Igor Silas‘ Händen entflutscht und vom Tisch gesprungen. „Von wegen Kerlchen!!! Ein Kerl bin ich, ein ganzer Kerl!!!“
Dank Klappi, hätte ich beinahe ergänzt, sehe offenbar zu viel Werbung. Silas spricht aus, was ich denke: „Angst? Nein, nein, der ist sauer – stinksauer.“ Zum Glück richtet er damit Igors Ansehen wieder ein bisschen auf.
Was täte ich nur ohne Silas? Den Maulkorb verzeiht Igor ihm trotzdem nicht. „Der kann was erleben, wenn er mir das Ding wieder abnimmt“, verkündet er.
Drohend fixiere ich ihn, worauf er zwar zum Halbdackel schrumpft, das aber nie zugeben würde. „Ich meinte natürlich, dann kann er erleben, wie ich mich freue“, korrigiert er sich rasch und schaut mich dabei an, als hielte er mich für begriffsstutzig. „Lass ihn jetzt runter“, fiepe ich meinem Assistenten zu, was der auch brav befolgt. Vom Maulkorb erlöst, schüttelt sich Igor und stolziert im Behandlungsraum umher, als wäre er auf einer Ausstellung.
Erleichtert schließt die Silberhaarige ihn in die Arme, doch weil er heftig strampelt, setzt sie ihn gleich wieder am Boden ab und seufzt: „Wenn ich nur wüsste, warum er durch die Dornenhecken gerannt ist.“
Tröstend lecke ich Igor über die waidwunde Nase, was Silas veranlasst, auf mich zu deuten und grinsend zu bemerken: „Ich wette, Dr. Tristan weiß es.“
Das stimmt natürlich – und auch wieder nicht, denn was Igor mir inzwischen erzählt hat, gibt nicht nur vorn und hinten, sondern auch in der Mitte keinen Sinn. Ein riesiges graues Monster mit glühenden Augen sei in der Gartenstraße plötzlich unter einem Auto hervorgeschossen, um ihn zu ermorden. Nur seinem ausgezeichneten Intellekt habe er sein Leben zu verdanken. Die Dornen, so habe er blitzschnell überlegt, hielten die Bestie sicher davon ab, ihn weiter zu verfolgen.
Kein schlechter Gedanke, muss ich anerkennend zugeben, gar nicht schlecht. Augenblicklich steigt Dackel Igor in meinem Ansehen, zumindest auf Kleinpudelhöhe. Wir müssen ja nicht gleich übertreiben.

Bis zum Feierabend ist es heute ziemlich ruhig in meiner Praxis, und so bleibt mir viel – viel zu viel -, Zeit, um mich meinem Liebeskummer hinzugeben. Ihr wisst ja, Klara.
Seit fast zwei Wochen lebt sie nun mit Zorro zusammen. Grrrrrrrrrr – Zorro! Und das nur, weil sein Mensch nicht widerstehen… Schon gut, ich möchte euch nicht mit Wiederholungen langweilen. Dafür sorgt das Fernsehprogramm bereits zur Genüge.
Andere Hündinnen haben auch schöne Töchter, sage ich mir immer und immer wieder, aber – „heul, welche duftet schon so lecker, so verführerisch lecker wie Klara, meine Klaraaaaa, huuuhoooooh Klaaaraaaaaaa!“

„Tristan, du Heulboje, halt endlich die Schnauze!“, höre ich Silas schreien, schlage die Augen auf und wittere. Ihr Duft, wo ist ihr Duft?
Weg, im Traum, aus dem ich gerade gerissen wurde. Vorwurfsvoll sehe ich meinen Assistenten an, der aufrecht im Bett sitzt, sein Kopfkissen wurfbereit in den Händen. „Komm her, mein Junge“, seufzt er im nächsten Moment.
Nur kurz und eher aus erzieherischen Gründen überlege ich, ob ich ihm verzeihen soll. Dann siegt mein Großmut. Ich weiß ja, dass es ihm derzeit auch nicht gerade blendend geht, denn Silas ist nicht nur mein Assistent und bester Freund, sondern auch mein Leidensgenosse. Im Frühjahr, als alles blühte und grünte, erblühte auch die Liebe seiner Freundin Karin – allerdings für einen anderen. Ich spürte es schon Wochen zuvor und wollte Silas warnen, aber er begriff wieder mal nichts, gar nichts. Seufz, Menschen! Was soll Hund da bloß machen?
Unter uns gesagt: Wenn Silas nicht so darunter leiden würde, wäre ich über den Verlust dieser Karin gar nicht böse.
Was heißt hier überhaupt Verlust? Eigentlich ist es sogar ein Gewinn, dass sie weg ist. Silas wird das auch noch merken, braucht halt ein bisschen länger dazu. Schließlich ist er ein Mensch. Nein, ehrlich, wenn ihr diese Karin gekannt hättet… Aber seid froh. Nichts habt ihr verpasst, rein gar nichts! Dauernd hat sie andere Rüden – ich meine, Männer -, angemacht und Silas sogar davon abgehalten, mit mir ausgiebige Wanderungen zu unternehmen. Stattdessen gingen wir dann „shoppen“, denn wenn Karin nicht bekam, was sie wollte, wurde sie stupflig wie ein Igel!
Bitte versteht mich richtig. Ich habe ja gar nichts gegen’s Shoppen, solange man sinnvolle Dinge kauft, wie Schweinsohren oder – noch feiner -, Ochsenziemer.
Aber Karin wollte immer bloß Klamotten, besonders Schuhe, und wehe, ich hab mal ein klein bisschen am Riemchen herum geknabbert… Zu allem Übel stank sie auch noch fürchterlich nach künstlichen Rosen.
Seufz – wie schaffe ich’s bloß, meinen Silas mal für eine wirklich nette und passende Frau zu begeistern?

Aber heute wird daraus nichts mehr. In zwei Wochen geht’s weiter. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

Kleine Abhandlung über etwas von großer Bedeutung

„Ich spüre es im Urin“, höre ich Menschen gelegentlich sagen und frage mich dabei jedes Mal: Warum spülen sie dieses kostbare Nass dann so leichtfertig weg???

Seit abertausenden von Jahren begleiten wir unsere Menschen – jeden Tag ix Mal, morgens, mittags, nachmittags, abends – und machen ihnen vor, wie’s geht. Trotzdem scheinen sie es einfach nicht zu kapieren, wie mir Patienten und andere Mithunde immer wieder bestätigen.

Aber was rede ich, sehe es ja selbst. Wenn schon ein ziemlich intelligentes Exemplar dieser Spezies wie mein Silas es nicht begreift, nach nunmehr über sieben Jahren…

Nur manchmal, allerdings überaus selten, wie mir auch von Freunden, Patienten, etc. gelegentlich berichtet wird, leuchtet ein Hoffnungsschimmer auf am Horizont. Erst, wenn er’s gar nicht mehr verdrücken kann, schlägt sich dann der ein oder andere Zweibeiner verschämt ein paar Schritte in den Wald und markiert.

Wobei ich zugeben muss, dass Frauen es wesentlich besser hinkriegen. Männer dagegen lernen selbst in diesen seltenen Momenten geistiger Erleuchtung seltsamerweise nie, ihre Vorteile zu nutzen. Obwohl Mutter Naturs Lieblinge, weil anatomisch von ihr begünstigt, pinkeln sie immer nach unten, anstatt möglichst hoch an die Rinde.

Kaum zu glauben, aber manche begießen sogar Gras oder Gestrüpp anstatt der Bäume, wie mir erst kürzlich im Wartezimmer eine Patientin fassungslos erzählte. Wenn ich mich richtig entsinne, leidet die allerdings an Halluzinationen, weshalb ich für den Wahrheitsgehalt ihrer Äußerungen nicht unbedingt die Pfote ins Feuer legen möchte.

Apropos Wartezimmer – meine Behandlung beginnt bereits dort, während Silas in den Untersuchungsräumen herumwerkelt, Instrumente richtet und so.

Emma, meine Sekretärin, empfängt die Menschen und regelt mit ihnen den formellen Kram. Dabei werfe ich nicht nur eines, sondern gleich beide Augen auf meine Patienten. Hund muss sich Zeit für Gespräche mit ihnen nehmen, ja, wirklich! Das kann Hund gar nicht hoch genug bewerten.

Selbstverständlich begutachte ich immer auch ihre Menschen und stelle fest, dass sehr häufig, wenn nicht sogar in den meisten Fällen, die Probleme bei ihnen liegen. Viele kochen zum Beispiel zu kalorienreich. „Wie konntest du dir ausgerechnet so einen Menschen aussuchen?“, frage ich Patienten immer wieder.

„Ja, ja, wo die Liebe hinfällt“, kann ich da nur seufzen und betreibe Schadensbegrenzung. Oft gelingt mir das so gut, dass ich selbst darüber staune, aber manchmal…

So traurig es ist und so ungern ich es sage, aber manche Menschen sind schlichtweg unerziehbar! In solchen Fällen muss Hund das Beste daraus machen, denn seinen einmal erwählten Zweibeiner wieder abgeben?

Niemals! Schließlich tragen wir die Verantwortung für unsere Mitgeschöpfe.

Erziehungsbeispiel Silas: Wie ich bereits sagte, ist er ziemlich intelligent – für einen Menschen, wohlgemerkt. Ich muss nur lange genug mit ihm herumspazieren, dann tritt er irgendwann doch ein paar Schritte in den Wald und hinter einen Baum, einen möglichst dicken. Unter mangelndem Selbstbewusstsein scheint er also nicht zu leiden.

Kommt er zurück auf den Weg, so bestätige ich ihn sofort schwanzwedelnd, damit er begreift, dass er es richtig gemacht hat.

Na ja, sagen wir, fast richtig. Denn zweierlei will oder kann er halt einfach immer noch nicht begreifen, zum einen (und das ist mir das weitaus größere Rätsel, weil er sonst nicht verschwenderisch ist), dass man mit solch einem wertvollen Stoff wirtschaftlich umgehen muss. Jedes Mal entleert er seine Blase auf ein Mal und an einen einzigen Baum – unfassbar! So dick kann ja gar kein Baum sein, dass er so etwas rechtfertigt.

Zum anderen – ihr ahnt sicher schon, was ich jetzt meine -, die hohe Kunst des Beinhebens. Spätestens ab dem elften Lebensmonat begreift doch auch der dümmste Hund, wie das geht. Sogar meinem Kumpel Cooper, der in dieser Hinsicht ein Spätzünder ist, habe ich es beigebracht. Silas dagegen…

Inzwischen habe ich erkannt, dass Menschen, insbesondere Männer, bedingt durch die Domestikation, (psycho)logisch über das Kindesalter nicht wirklich hinaus gelangen.

Egal. Wir lieben sie trotzdem!

Am übernächsten Samstag erzähle ich euch eine schier unglaubliche Geschichte. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan