Verhängnisvoller Durchfall

Allmählich mache ich mir Sorgen um Klara, ihr wisst schon, meine derzeitige Flamme. Seit Tagen ist sie mir auf unseren üblichen Spazierwegen nicht begegnet. Bis heute Morgen dachte ich, sie wolle mal fremden Spuren folgen und führe ihre Menschen deshalb woanders aus.

Doch plötzlich trägt eine frische Brise im Wald mir ihr unwiderstehliches Parfum zu. Ich recke den Hals, sauge es tief ein und kehre um, obwohl wir schon auf dem Rückweg sind. „Tristan!“, ruft Silas. „Wo willst du denn hin? Wir sind spät dran!“

Nun, das stimmt zwar, aber ihr wisst ja, die Liebe folgt ihren eigenen Gesetzen. Klaras Urinbriefchen sind noch ziemlich frisch und verheißen mir wonnige Zeiten. Leider versickern sie plötzlich.

Auf dem Waldparkplatz tritt an ihre Stelle der Gestank von Reifengummi und Auspuffgasen. Ich muss niesen. Pfui Auto! Wieder mal frage ich mich, ob ich nicht besser Ingenieur werden und einen angenehm riechenden Treibstoff entwickeln sollte.

Aber lassen wir das jetzt. Klara ist weg, daran lässt sich nichts ändern. Mit sehnsuchtsvollem Seufzer sprinte ich zu Silas zurück. Wo er recht hat, hat er recht. Wir sind tatsächlich spät dran.

Es bleibt mir keine Zeit, meiner Liebsten nachzutrauern, denn vor der Praxis warten bereits die ersten Patienten. Wir begrüßen sie, öffnen und lassen sie herein, allen voran Zorro.

Eigentlich hätte ich’s mir gleich denken können. Zwar ist er nicht vom Baum gefallen. Mit dem Fallen, besser gesagt, dem Durchfallen oder noch treffender – dem Durchfallenlassen -, hat er’s aber trotzdem, zumindest sein Darm.

Doch seien wir ehrlich, kann man’s ihm verübeln? Dem Darm, meine ich. Schließlich – und das dürfte auch den meisten Menschen bekannt sein -, ist ein Hundedarm nicht gerade dazu geschaffen, pfundweise Kirschen zu verdauen.

Zorro bietet einen jämmerlichen Anblick, fast noch jämmerlicher als auf dem Baum, falls das überhaupt möglich ist. Überflüssig, ihn nach seinem Problem zu fragen, jedenfalls für mich. Für Silas ist es offenbar weniger eindeutig. „Hallo Zorro“, begrüßt er ihn sichtlich erstaunt. „Was führt dich denn so früh hierher?“

Ich tausche einen Blick mit dem vierbeinigen Jammerlappen: Menschen! So blöd kann wirklich bloß ein Mensch fragen.

„Seit gestern Mittag hat er ganz schrecklichen Durchfall“, erklärt Herr Dörrle und beklagt sich, als trügen wir daran Schuld: „Fünf Mal war ich in der Nacht mit ihm draußen, fünf Mal!“

Schon gut, schon gut, denke ich. Wir haben’s bereits beim ersten Mal verstanden. Wenn Silas auch ein bisschen langsamer im Denken ist als ich, so höre und rieche ich förmlich, wie es hinter seiner Stirn arbeitet. Endlich nickt er verstehend. „Wahrscheinlich hat Zorro in seiner Aufregung zu viele Kirschen gefressen. Der Baum hing ja voll davon.“

Behutsam tastet Silas den armen Kerl ab, während Herr Dörrle weiter berichtet: „Ich sehe doch so schlecht, und in der Dunkelheit kann ich kaum erkennen, wohin ich trete. Zum Glück war die Nacht klar und fast noch Vollmond.“

Silas hört nicht mal mit halbem Ohr zu, knetet weiter an Zorro herum. „Mein Bauch schmerzt so schon genug“, signalisiert mir dessen Blick. „Sag ihm, er soll endlich damit aufhören, sonst…“

„Sonst was?“, warne ich ihn. Devot senkt er den Blick. Na also! Zufrieden atme ich auf.

„Tja, sein Bäuchlein ist hart, völlig verspannt“, spricht Silas aus, was ich natürlich längst weiß, und knetet immer noch weiter. Jetzt ist es an der Zeit, ihn zu warnen. Ich fiepe. „Ganz recht, Tristan“, stimmt er mir zu. „Wir wollen den armen Kerl ja nicht plagen.“

Zu spät. Zorro schreit auf, maßlos übertrieben. „Das wäre jetzt aber nicht mehr nötig gewesen“, kläffe ich ihn an, kann es gar nicht leiden, wenn einer meinem Assistenten ein schlechtes Gewissen einimpfen möchte. Dafür bin schließlich alleine ich zuständig!

„Tja“, seufzt Silas und bemerkt, was mir längst klar ist – und Zorro auch, wie ich ihm ansehe. „Heute und morgen muss er fasten, damit sich seine gereizte Darmschleimhaut wieder beruhigt.“

Mit heute wäre Zorro ja noch einverstanden, wie er mir zuwinselt, aber morgen…

„So schlimm, Zorro?“, fragt Silas besorgt, wartet aber dessen Antwort nicht ab, sondern wendet sich an Herrn Dörrle. „Eventuell sollten wir sein Verdauungssystem auch übermorgen noch schonen.“

Ich verstehe natürlich, was das bedeutet, Zorro glücklicherweise nicht. Sonst würde er uns sicher mit lauthalsem Protest nerven. Wahrscheinlich wird er schon morgen versuchen, Herrn Dörrle um ein paar Leckerchen zu erpressen.

Forschend blicke ich Zorros Mensch an und lasse mich von ihm hinter den Ohren kraulen. Offenbar weiß er, was uns Vierbeinern gefällt. So schlecht scheint Zorro also nicht gewählt zu haben, aber ob Herr Dörrle auch immer weiß, was gut für uns ist…

„Übermorgen auch nichts, gar nichts?“, fragt er fassungslos und bestärkt damit meine Zweifel. „Nicht mal ein winzigkleines Leckerchen, wenn er danach verlangt?“

Silas seufzt. „Für den Anfang höchstens etwas Reis.“

„Na gut, wenn Sie’s sagen“, meint Herr Dörrle resignierend, mit einem Blick, als müsse er selbst mindestens bis übermorgen fasten und sich dann mit Reis begnügen. Dabei würde ihm das bestimmt auch nicht schaden.

Wieder mal denken Silas und ich gleichzeitig dasselbe. Weil Zorros Mensch es aus Menschenmund besser versteht, überlasse ich’s ihm, es auszusprechen: „Wie wär’s denn, Herr Dörrle, wenn Sie einfach mit Zorro die paar Tage gemeinsam fasten? Dann müssen Sie gar kein schlechtes Gewissen haben. Geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid.“

Der Dicke verzieht das Gesicht zu einem wehleidigen Grinsen. Nachdem er versprochen hat, übermorgen wieder zu kommen, verabschiedet er sich und trottet mit Zorro hinaus auf die Straße.

Irgendwann in der Nacht vor übermorgen höre ich einen Wolf heulen, meinen Urahnen Leo Lupus, und dann plötzlich: „Tatütata, tatütata, tatü…“ Unglaublich, was man so alles träumt. Oder gab’s in der Steinzeit etwa schon Blaulichtsirenen?

Irritiert hebe ich den Kopf vom Kissen auf und blinzele. Von wegen Traum! Draußen saust eine Karawane aus Polizeiwagen durch die Nacht. Wirklich?

Ich verlasse mein Bett, eile ans Fenster und stütze mich mit den Vorderpfoten auf dem Fensterbrett ab. Tatsächlich, ich habe mich nicht geirrt. Jetzt rast auch noch ein Notarztwagen hinterher. Wo die bloß alle hin wollen?

Minuten später verstummen die Sirenen. Vom anderen Ortsende dringen Stimmen an mein Ohr, zwei beruhigende von Frauen sowie eine erregte, von einem Mann. Was sie sagen, kann sogar ich nicht verstehen, aber letztere erscheint mir bekannt. Wem gehört sie bloß?

Es will und will mir nicht einfallen. Endlich überhundet mich die Müdigkeit. Schließlich habe ich einen anstrengenden Tag hinter mir. Also lege ich mich wieder in mein Bett und schlafe ein – hundemüde, wie ich bin.

Am nächsten Morgen werfe ich Silas früher aus den Federn als sonst. Zuerst verweigert er mir den Gehorsam. „Was ist denn, Tristan? Du kannst doch nicht schon raus müssen“, jammert er schlaftrunken.

„Doch, ich muss!“, kläffe ich, „wenn auch nicht wegen meiner Blase.“ Wieder mal kann ich mich über die menschliche Logik nur wundern. Obwohl Silas beim Gassigehen zuallererst an mein sogenanntes „kleines Geschäft“ denkt, verrichtet er sein eigenes zuvor wie üblich in diesem winzigen Raum mit der komischen weißen Suppenschüssel.

Natürlich bin ich scharf auf die neuesten Nachrichten und hoffe, einen Kumpel zu treffen, der mich über das nächtliche Ereignis aufklären kann.

Könnt ihr euch das Ausmaß meiner Freude vorstellen, als Klara mir auf einem Waldweg wedelnd entgegen kommt? „Wuff Tristan!“, kläfft sie schon von weitem, „ich muss dir was erzählen!“

Trotz meiner Wissbegierde kann ich nicht umhin, sie zuvor von der Nasen- bis zur Schwanzspitze zu beschnuppern und auch ein bisschen zu belecken – obwohl sie das nicht immer so schätzt, besonders an ihren intimsten Regionen. Vor lauter Mitteilungsdurst, lässt sie heute jedoch alles widerstandslos über sich ergehen.

Während sich Klaras Stimme schier überschlägt, bemerke ich den Hauch eines Geruches in ihrem Fell, der dort, meiner Meinung nach, absolut nicht hingehört!

Ganz frisch ist er nicht mehr, lässt sich nicht einordnen. Das treibt mich schier in den Wahnsinn, und ich erlebe einen jener seltenen Momente, in denen ich meine Artgenossen von der Jagdfront um ihre hervorragenden Nasen beneide.

„Tristan, hörst du mir überhaupt zu?!“, reißt Klara mich plötzlich aus meinen Gedanken. „Ja mein Sch(m)atz, natürlich“, erwidere ich zerstreut. „Was hast du gesagt?“

Sie rollt mit den Augen. „Männer!“

Während unsere Menschen gemeinsam den Waldweg entlang schlendern und über so belanglose Dinge plaudern wie die seit heute allerneueste Version des gestern noch allerneuesten Smartphones, erfahre ich von Klara, dass Herr Dörrle sich in der Nacht ein Bein gebrochen hat. „Wie das?“, wundere ich mich. „Ist er unterwegs zum Kühlschrank wo drüber gestolpert?“

„Nein, draußen“, klärt Klärchen mich auf, lässt mich aber zunächst im Ungewissen darüber, was genau geschah, weil sie unbedingt der Reihe nach erzählen will. Er sei beinahe von der Polizei verhaftet worden, wegen versuchten Einbruchs.

„Hä?“, wuffe ich. „Der – ein Einbrecher??? Das glaubt ja nicht mal die dümmste Katze.“

„Es war ein Irrtum“, sagt Klara und zieht dabei die Lefzen so charmant fast bis zu ihren hinreißenden Kippöhrchen, dass ich ihr spontan über’s Näschen lecke. „Ein Nachbar alarmierte die Polizei, weil Dörrle neben einer Villa mit ’ner Taschenlampe herumfuchtelte“, berichtet meine Leckere.

Bei mir dämmert’s allmählich. Klar, Herr Dörrle sieht schlecht, aber wa… Klara fällt mir in die Gedanken. „Zorro musste raus, hatte Durchfall.“

Mir geht ein ganzer Kronleuchter auf. Bestimmt ist zuerst der Dicke beim Versuch, selbst zu fasten „durchgefallen“, konnte also auch Zorro nicht darben lassen und gab ihm Leckerchen. Die verursachten mitten in der Nacht prompt erneuten Durchfall.

So weit, so gut, beziehungsweise schlecht, überlege ich. Dörrle stürzte also trotz Taschenlampe im Dunkeln, brach sich ein Bein, und Zorro geht’s wieder beschissen – im wahrsten Sinne des Wortes. Nahm der Krankenwagen ihn auch gleich mit? Und sind sie jetzt beide in der Klinik?

Neben Silas ist Klara meine beste Gedankenleserin und hätte bestimmt meine noch nicht ausgesprochenen Fragen beantwortet. Doch das erübrigt sich, denn inzwischen haben wir den Wald verlassen und das erste Haus dahinter erreicht – Zorros Haus. Höchstpersönlich empfängt er uns hinter dem Gartenzaun, wenn auch noch ziemlich matt.

Mitleidig leckt Klara ihm über’s Fell und wendet sich zu mir um. „Der Ärmste! Wird seinen Menschen lange Zeit nicht sehen, aber jetzt sind wir ja da und kümmern uns um ihn.“

Als sie sich von Silas verabschiedet und, gefolgt von ihrem Menschen, an Zorros Seite hinter der Haustür verschwindet, wird mir schmerzlich klar, dass ich zu diesem „Wir“ nicht gehöre.

Und das alles nur, weil Dörrle ihm zu früh ein Leckerchen gegeben hat. „Grrrrrrrrr… Ich könnte mich in den Schwanz beißen!“

 

Seid unbesorgt, liebe Freunde – bis spätestens übernächsten Samstag habe ich meinen Frust verdaut. Bis dahin macht’s gut – euer Tristan

 

 

 

 

 

 

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